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Nachruf: Umberto Eco war Erzähler und Fährtenleser

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Umberto Eco war Semiotiker: Er erkannte die Zeichen.

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AFP

Im Jahre 1998 erschienen bei Hanser – Umberto Ecos deutschem Verlag – „Vier moralische Schriften“. Eine von ihnen ist überschrieben: „Die Migrationen, die Toleranz und das Untolerierbare.“ Eco sagte damals seinen Lesern, sie täten gut daran, zwischen Immigration und Migration zu unterscheiden. Immigration sei regulierbar, beherrschbar. Wir Leser begreifen: Immigranten suchten eine Neue Welt. Junge Männer brechen aus armen Dörfern auf, um ihr Glück zu machen. Sie sind Emissäre. Sie wollen und sollen ihre zu Hause gebliebenen Familien unterstützen. Das Geld, das sie in die Heimat schicken, ernährt ganze Ortschaften. Es ist ein wichtiger Faktor der Bilanz ihrer Herkunftsländer.

Der Immigrant fällt in seiner neuen Welt auf. Aber er will das nicht. Er will unauffällig sein. Er integriert sich. So gut er kann. Seine Kinder sind nur noch äußerlich von ihren Klassenkameraden zu unterscheiden. Desto wütender reagieren sie zum Beispiel auf die Frage: „Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“ So viel zur Immigration.

Etwas ganz anderes, so sagt Umberto Eco, sei die Migration. Da brechen ganze Dörfer auf. Sie fliehen vor der Zerstörung, vor der Vernichtung ihrer Existenz. Die Fliehenden sind keine Emissäre, sondern Entwurzelte. Sie haben keine Heimat hinter sich zurückgelassen. Sie haben sie nur noch in sich. Sie sind nicht aufgebrochen in eine Neue Welt. Sie wurden dorthin bombardiert. Alles wurde vernichtet. Sie verteidigen ihre Identität. Sie ist das Einzige, das ihnen geblieben ist. Manche von ihnen werden das Gefühl haben, die Welt, aus der sie kommen, lebe nur noch in ihnen.

Wir haben nicht auf Umberto Eco gehört

Umberto Eco schrieb vor fast zwanzig Jahren: „Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist, dass Europa im nächsten Jahrtausend – da ich kein Prophet bin, kann ich das Datum nicht präziser angeben – ein vielrassischer oder, wenn man lieber will, ein „farbiger“ Kontinent sein wird. Ob uns das passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen.“

Untolerierbar ist nicht die Migration, sondern die Mauern sind es, die aufhalten wollen, was nicht aufzuhalten ist. Wir haben Umberto Eco gelesen. Wir haben nicht auf ihn gehört. Europa sähe anders aus. Syrien, der Nahe Osten und die anderen Staaten an den Küsten des Mittelmeeres auch.

Der Band, dem ich das deutsche Zitat entnommen habe, heißt „Vier moralische Schriften“. Die italienische Originalausgabe trägt den Titel „Cinque scritti morali“. Der Verlag erläuterte das damals mit diesem Satz: „Die fünfte Schrift, ein Aufsatz über Probleme der italienischen Presse, wurde im Einvernehmen mit dem Autor weggelassen.“ Man liest diesen Satz heute, da Umberto Ecos letztes Buch, sein medienkritischer Roman „Nullnummer“ erschienen ist, und wundert sich über die Naivität der deutschen Herausgeber.

Es gibt ein Echo dieser jetzt freilich nur noch gespielten Ahnungslosigkeit, das man in der Mediathek des RBB besichtigen kann. Jörg Thadeusz sagte vergangenes Jahr in einem sehenswerten Interview zu Umberto Eco: „Aber Berlusconi, den hat doch nur Italien gehabt.“ Eco grinste und sagte: „Sie werden auch einen bekommen.“ Den Roman „Nullnummer“ hat Umberto Eco geschrieben, weil er uns warnen wollte, weil er wusste, dass wir ihn wieder einmal zwar gelesen, aber nicht auf ihn gehört hatten.

Weltweit erster Lehrstuhl für Semiotik

Umberto Eco war Semiotiker. Er verstand die Zeichen zu lesen. Genauer: Er erkannte die Zeichen. Ein Semiotiker ist nämlich nicht einer, der Zeichen liest, sondern einer, der all das, was wir sehen, hören, schmecken, riechen, tasten als Zeichen, als Fährten von etwas anderem, zu lesen versteht. Er versteht nicht nur das, was gemeint ist, sondern er hat auch gelernt zu verstehen, warum es so gemeint wird. Ein Semiotiker ist einer, der weiß, dass das, was wir sagen und tun, eingebettet ist in ein System, das real ist und Zeichen zugleich.

Darum ist so wichtig, sich Klarheit über die Begriffe zu verschaffen. Migranten und Immigranten sehen gleich aus. Sie sind nicht zu unterscheiden. Wir müssen den Zusammenhang kennen, aus dem sie kommen, um zu begreifen, wer was ist. Wir brauchen unsere Sinne. Aber wir wissen: Wir können uns nicht auf sie verlassen. Wir müssen lernen zu abstrahieren. Wir brauchen allgemeine Begriffe, um unterscheiden zu können. Kaum einer wusste das so gut wie Umberto Eco.

1932 in Alessandria, 75 Kilometer östlich von Turin, geboren, bekam er 1975 den – so heißt es – weltweit ersten Lehrstuhl für Semiotik an der Universität von Bologna, der ältesten Europas. Dort ist er geblieben. Nachdem er 1954 seine Dissertation über „Das ästhetische Problem beim Heiligen Thomas von Aquin“ abgeschlossen hatte, ging er zum Fernsehen. Drei Jahre später wurde er Lektor des Verlages Bompiani. Dort erschienen von da an fast alle seine Bücher. Er gehörte damals zur italienischen Neoavantgarde des Gruppo 63.

Man macht sich keine Vorstellung vom Ausmaß seines Fleißes, vom Umfang seiner Interessen. Mit „Opera aperta“ („Das offene Kunstwerk“), seinem 1962 erschienenen Buch, hat er wesentlich dazu beigetragen, die Literaturwissenschaften aus dem Dornröschenschlaf ihrer hermeneutischen Versenkung ins einzelne Werk zu reißen. Die Rezeption ist Teil des Werkes. Es gibt unendlich viele richtige Interpretationen eines Buches, einer Musik, eines Gemäldes, aber auch unendlich viele falsche. Unendlich – das wusste der Philosoph Eco – gibt es unendlich viele. Dass man sie unterscheiden kann und muss, das wusste er auch. Seine 1968 erschienene „Einführung in die Semiotik“ zählt noch heute zu den Standardwerken des Faches.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Umberto Ecos historische Kenntnisse seine Vorstellungen von der Zukunft prägten.

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