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Berliner Zeitung | Nachruf: Umberto Eco war Erzähler und Fährtenleser
21. February 2016
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Nachruf: Umberto Eco war Erzähler und Fährtenleser

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Umberto Eco war Semiotiker: Er erkannte die Zeichen.

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AFP

Im Jahre 1998 erschienen bei Hanser – Umberto Ecos deutschem Verlag – „Vier moralische Schriften“. Eine von ihnen ist überschrieben: „Die Migrationen, die Toleranz und das Untolerierbare.“ Eco sagte damals seinen Lesern, sie täten gut daran, zwischen Immigration und Migration zu unterscheiden. Immigration sei regulierbar, beherrschbar. Wir Leser begreifen: Immigranten suchten eine Neue Welt. Junge Männer brechen aus armen Dörfern auf, um ihr Glück zu machen. Sie sind Emissäre. Sie wollen und sollen ihre zu Hause gebliebenen Familien unterstützen. Das Geld, das sie in die Heimat schicken, ernährt ganze Ortschaften. Es ist ein wichtiger Faktor der Bilanz ihrer Herkunftsländer.

Der Immigrant fällt in seiner neuen Welt auf. Aber er will das nicht. Er will unauffällig sein. Er integriert sich. So gut er kann. Seine Kinder sind nur noch äußerlich von ihren Klassenkameraden zu unterscheiden. Desto wütender reagieren sie zum Beispiel auf die Frage: „Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“ So viel zur Immigration.

Etwas ganz anderes, so sagt Umberto Eco, sei die Migration. Da brechen ganze Dörfer auf. Sie fliehen vor der Zerstörung, vor der Vernichtung ihrer Existenz. Die Fliehenden sind keine Emissäre, sondern Entwurzelte. Sie haben keine Heimat hinter sich zurückgelassen. Sie haben sie nur noch in sich. Sie sind nicht aufgebrochen in eine Neue Welt. Sie wurden dorthin bombardiert. Alles wurde vernichtet. Sie verteidigen ihre Identität. Sie ist das Einzige, das ihnen geblieben ist. Manche von ihnen werden das Gefühl haben, die Welt, aus der sie kommen, lebe nur noch in ihnen.

Wir haben nicht auf Umberto Eco gehört

Umberto Eco schrieb vor fast zwanzig Jahren: „Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist, dass Europa im nächsten Jahrtausend – da ich kein Prophet bin, kann ich das Datum nicht präziser angeben – ein vielrassischer oder, wenn man lieber will, ein „farbiger“ Kontinent sein wird. Ob uns das passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen.“

Untolerierbar ist nicht die Migration, sondern die Mauern sind es, die aufhalten wollen, was nicht aufzuhalten ist. Wir haben Umberto Eco gelesen. Wir haben nicht auf ihn gehört. Europa sähe anders aus. Syrien, der Nahe Osten und die anderen Staaten an den Küsten des Mittelmeeres auch.

Der Band, dem ich das deutsche Zitat entnommen habe, heißt „Vier moralische Schriften“. Die italienische Originalausgabe trägt den Titel „Cinque scritti morali“. Der Verlag erläuterte das damals mit diesem Satz: „Die fünfte Schrift, ein Aufsatz über Probleme der italienischen Presse, wurde im Einvernehmen mit dem Autor weggelassen.“ Man liest diesen Satz heute, da Umberto Ecos letztes Buch, sein medienkritischer Roman „Nullnummer“ erschienen ist, und wundert sich über die Naivität der deutschen Herausgeber.

Es gibt ein Echo dieser jetzt freilich nur noch gespielten Ahnungslosigkeit, das man in der Mediathek des RBB besichtigen kann. Jörg Thadeusz sagte vergangenes Jahr in einem sehenswerten Interview zu Umberto Eco: „Aber Berlusconi, den hat doch nur Italien gehabt.“ Eco grinste und sagte: „Sie werden auch einen bekommen.“ Den Roman „Nullnummer“ hat Umberto Eco geschrieben, weil er uns warnen wollte, weil er wusste, dass wir ihn wieder einmal zwar gelesen, aber nicht auf ihn gehört hatten.

Weltweit erster Lehrstuhl für Semiotik

Umberto Eco war Semiotiker. Er verstand die Zeichen zu lesen. Genauer: Er erkannte die Zeichen. Ein Semiotiker ist nämlich nicht einer, der Zeichen liest, sondern einer, der all das, was wir sehen, hören, schmecken, riechen, tasten als Zeichen, als Fährten von etwas anderem, zu lesen versteht. Er versteht nicht nur das, was gemeint ist, sondern er hat auch gelernt zu verstehen, warum es so gemeint wird. Ein Semiotiker ist einer, der weiß, dass das, was wir sagen und tun, eingebettet ist in ein System, das real ist und Zeichen zugleich.

Darum ist so wichtig, sich Klarheit über die Begriffe zu verschaffen. Migranten und Immigranten sehen gleich aus. Sie sind nicht zu unterscheiden. Wir müssen den Zusammenhang kennen, aus dem sie kommen, um zu begreifen, wer was ist. Wir brauchen unsere Sinne. Aber wir wissen: Wir können uns nicht auf sie verlassen. Wir müssen lernen zu abstrahieren. Wir brauchen allgemeine Begriffe, um unterscheiden zu können. Kaum einer wusste das so gut wie Umberto Eco.

1932 in Alessandria, 75 Kilometer östlich von Turin, geboren, bekam er 1975 den – so heißt es – weltweit ersten Lehrstuhl für Semiotik an der Universität von Bologna, der ältesten Europas. Dort ist er geblieben. Nachdem er 1954 seine Dissertation über „Das ästhetische Problem beim Heiligen Thomas von Aquin“ abgeschlossen hatte, ging er zum Fernsehen. Drei Jahre später wurde er Lektor des Verlages Bompiani. Dort erschienen von da an fast alle seine Bücher. Er gehörte damals zur italienischen Neoavantgarde des Gruppo 63.

Man macht sich keine Vorstellung vom Ausmaß seines Fleißes, vom Umfang seiner Interessen. Mit „Opera aperta“ („Das offene Kunstwerk“), seinem 1962 erschienenen Buch, hat er wesentlich dazu beigetragen, die Literaturwissenschaften aus dem Dornröschenschlaf ihrer hermeneutischen Versenkung ins einzelne Werk zu reißen. Die Rezeption ist Teil des Werkes. Es gibt unendlich viele richtige Interpretationen eines Buches, einer Musik, eines Gemäldes, aber auch unendlich viele falsche. Unendlich – das wusste der Philosoph Eco – gibt es unendlich viele. Dass man sie unterscheiden kann und muss, das wusste er auch. Seine 1968 erschienene „Einführung in die Semiotik“ zählt noch heute zu den Standardwerken des Faches.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Umberto Ecos historische Kenntnisse seine Vorstellungen von der Zukunft prägten.

Ein Buch, das allein seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur mittelalterlichen Philosophie sammelt – 2012 erschienen – hat mehr als 1 300 Seiten. Umberto Eco hat gelehrteste Abhandlungen und prächtige Bildbände geschrieben, er hat über viele Jahre eine Fachzeitschrift, „Versus: Quaderni di studi semiotici (VS)“, herausgebracht. Er hat eine vierbändige – thematisch sortierte – Geschichte des Mittelalters herausgebracht. Zu den beiden zusammen mehr als tausend Seiten umfassenden Bänden „La filosofia e le sue storie“ hat Umberto Eco unter anderem unter dem Titel „Warum Philosophie?“ ein bewegendes Plädoyer für das Stellen unbeantwortbarer Fragen gehalten.

Umberto Eco hat sich gerne umgesehen und geschaut, was hinter ihm lag. Dass er zum Beispiel wusste, was Immigrationen von Migrationen unterscheidet, hatte er seinen historischen Kenntnissen zu verdanken. Der Blick in die Zukunft, das hätten wir von ihm lernen können, wird geschärft durch den in die Vergangenheit. Aber er beobachtete auch wissenschaftlich sehr genau, was in seiner Gegenwart geschah. So fehlt sein Name nicht in der aktuellen Debatte um den „Neuen Realismus“. Das alles wäre schon viel zu viel für ein Menschenleben, und er wäre schon damit einer der wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit.

1980 kommt es zum Eklat

Aber – nein, ich spreche noch immer nicht von seinen Romanen – er war auch ein unermüdlicher Kolumnist. Ein kritischer Begleiter unserer Gegenwart. Er zeigte uns unsere Umgangsformen und unsere Politiker, unsere lässlichsten und unsere gefährlichsten Dummheiten, dabei immer ironisch und auch in der manchmal spürbaren Verzweiflung noch elegant.

Umberto Eco schien eine russische Puppe zu sein. Außen der weltweit geachtete Herr Professor, der strenge Analytiker. Innen erst ein nicht weniger klarer, aber immer wieder zum Spott neigender Beobachter der Politik; darunter dann einer, der liebend gerne über Klassik, Pop, et cetera schrieb, und dann – wir hielten das schon für die Innerste seiner Puppen – ein Herr, der unsere Sitten und Gebräuche beäugt wie einer, der nichts damit zu tun hat, aber sich sehr darüber amüsiert. In diesem Spiegel erkennen wir uns nur widerstrebend wieder.

Dann 1980 der Eklat: „Der Name der Rose“. Eco hatte im Verborgenen eine Riesenpuppe gebastelt, die all die anderen umschloss. Die, die seine Leser bisher kannten, waren nur die Figuren eines Erzählers, der, bevor er sich zu erkennen gab, erst einmal die Figuren seiner selbst ans Tageslicht gebracht hatte. Es ist viel beschrieben worden, wo in seinen Romanen überall Umberto Eco drinsteckt. Das ist so bei Autoren.

Bei Umberto Eco ist alles anders. Verdammt: war. Sartre hat in seinen Memoiren beschrieben, wie er sich als kleiner Junge schon als Autor betrachtete. Vielleicht wird es bei Umberto Eco nicht anders sein, aber er hat sich zunächst als Schöpfer des Professors, als Schöpfer des heiteren, unbeteiligten Beobachters gesehen.

Salman Rushdie straft Ecos Buch mit Verachtung

Man mag sich einen so komplexen Selbstschöpfungsvorgang nicht vorstellen. Wir denken uns das lieber als etwas Gewachsenes, langsam sich Ausprägendes. Aber das ist natürlich sehr altmodisch, erinnert an eine Welt lange vor Umberto Eco. Ein Mann aber, der die Konstruktion liebt, der Spaß an Listen und am Spiel mit ihnen, am Bauen und Umbauen hat – wird der sich auf die Natur verlassen statt auf die Kombinatorik und die Fertigkeiten seiner Textingenieurskunst?

Der Welterfolg von „Im Namen der Rose“ konnte einem vorkommen wie ein aufgegangenes Kalkül. Einer, der wusste, wie es funktioniert, hatte gezeigt, dass, wer es wirklich weiß, es auch kann. Aber so wurde der Roman nicht aufgenommen. Er wurde von einem Massenpublikum verschlungen, er löste einen Mittelalterrausch aus, der jeden anderen wohl überschwemmt hätte. Umberto Eco aber blieb ruhig. Er ließ weiter seine anderen Puppen auftreten.

1986 erschien sein zweiter Roman „Das Foucaultsche Pendel“. Nicht ganz so erfolgreich, aber doch wieder ein großer unter den Bestsellern. Salman Rushdie hatte nur Verachtung für das Buch übrig, aber auch das focht den Autor nicht an. Er schrieb weiter historische und Gegenwartsromane und ließ weiter die anderen Eco-Puppen tanzen

Mit „Nullnummer“ hatte er, mehr noch als sonst, eine seiner Puppen zum Protagonisten gemacht. Eco schrieb als alter Mann, als erfahrener Autor das, was man von einem jungen Autor erwartet: eine Kampfansage. Aber er wusste und er sagte uns auch: Das ist mein letztes Buch. Umberto Eco war keine Matrjoschka, sondern in all seinen Verpuppungen ein Kämpfer.

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