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Nachruf: Zum Tod von Fred Düren

Der Theaterschauspieler Fred Düren (1928–2015)

Der Theaterschauspieler Fred Düren (1928–2015)

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Zentralbild/Klaus Franke

Vor neun Jahren stand er zuletzt auf der Bühne, seiner Bühne im Deutschen Theater. Er spielte nicht, er sang. Der Regisseur Benno Besson war gestorben, und sein einstiges Theater gedachte in einer Matinee an ihn. Es wurden Reden gehalten, Erinnerungen wachgerufen, Anekdoten erzählt. Die Regisseure Frank Castorf und Claus Peymann, die Schauspieler Carmen-Maja Antoni und Jürgen Holtz saßen auf schlichten Stühlen, im Hintergrund auch Fred Düren.

Ein schlanker, aufrechter Mann, weißes Haar, dichter Bart. Er schritt sehr langsam, sehr in sich ruhend von hinten nach vorn an ein kleines Lesepult. Alle auf der Bühne erhoben sich, und Düren sang die Schlussstrophe des Friedensliedes aus der Bearbeitung der Aristophanes-Komödie „Der Frieden“ von Peter Hacks, inszeniert von Benno Besson am Deutschen Theater.

Alle hielten den Atem an

Düren spielte damals, 1962, den Trygaios. An den Auftritt erinnern sich alle, die ihn erlebt haben, wie an eine der seltenen Bühnenoffenbarungen, eine Dreiviertelstunde soll das Premierenpublikum seinerzeit applaudiert haben. 44 Jahre später war die große Kraft seines Auftretens noch einmal zu spüren, für einen kostbaren, kurzen Moment, den ich nicht vergessen werde. Fred Düren sang „Der Krieg ist vorbei“, und er sang es mit einer Bestimmtheit und sanftmütigen Trauer, einer stillen, scheuen Hoffnung, als wären die Töne einzeln aus einem unnennbaren Himmel auf ihn herabgetropft, durch Wolken, Stürme und Sonnenschein hindurch, schwer und leicht geworden zugleich. Alle hielten den Atem an.

Fred Düren lebte zuletzt zurückgezogen als Rabbiner in Jerusalem. Aus tiefer Überzeugung ist er zum Judentum übergetreten, lernte intensiv Hebräisch, studierte die Tora, als folge er dabei einem inneren Ruf, der keinen Widerspruch duldet. Von Rabbi Tarfon, einem Gelehrten aus dem zweiten Jahrhundert, gibt es mit Blick auf das Lernen, besonders in Glaubensfragen, den schönen Satz: „Es ist nicht an dir, die Aufgabe zu beenden, aber du bist auch nicht frei, dich von ihr loszusagen.“ Für Fred Düren ein Lebensmotto.

Noch zu DDR-Zeiten, 1988, reiste er nach Israel aus, unter abenteuerlichen Umständen. Erst verließ er die SED, dann bekannte er sich – wie er sagte – zu seiner „Jüdischkeit“ und kehrte als Schauspieler auf die Bühne seitdem nicht mehr zurück. Er wollte nicht mehr Darstellen und Vorführen, nicht mehr öffentlich auftreten, nicht beklatscht und begafft werden. Er wollte sich seinem Glauben widmen, seinen Freunden, der Familie.

Fred Düren wurde 1928 in Leverkusen als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. In Berlin besuchte er kurz nach dem Krieg auch eine private Schauspielschule, arbeitete zunächst in Wismar und Schwerin, war von 1953 bis 1958 am Berliner Ensemble engagiert und ließ sich von Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater holen. Bei Besson spielte er seine großen, berühmten Rollen. Neben Trygaios vor allem Ödipus, Tartüff, den Prinzen Paris in der „Schönen Helena“.

Mit 48 Jahren schon war er König Lear, und er war 1968 der Faust in der legendären Inszenierung von Adolf Dresen und Wolfgang Heinz, die damals viel politischen Staub aufwirbelte: Dürens Faust war weder störrischer Rebell noch hochfliegender Großdenker, sondern ein sanfter Stürmer und Dränger, eingesperrt in die enge, mickrige Gretchen-Welt, die das Publikum seinerzeit nur zu deutlich an ihre DDR erinnerte.

Die Premiere wurde von den Behörden mir größtem Misstrauen beobachtet. Sie sahen einen Düren, der sich den Schablonen entzog – und in der Kerker-Szene an einem Nagel die Hand aufriss. Er blutete schlimm, die Vorstellung wurde unterbrochen, Düren verbunden, aber er spielte weiter. Gut 150 Mal wurde dieser „Faust“ danach gegeben, auf Geheiß der Zensoren zwar entschärft, doch Fred Düren wurde mit ihr endgültig zur Berühmtheit weit über die Theaterkreise hinaus.

Weisheit und Würde

In seiner letzten Theaterrolle gab er den Shylock in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ unter der Regie von Thomas Langhoff. Das war 1985, danach zog er sich von der Bühne zurück – und ist seither doch nie vergessen worden. Er kam gelegentlich zu Lesungen nach Berlin, hat 2004 den Faust noch einmal für eine CD eingesprochen; 2007 erschien ein Gesprächsband mit Düren, herausgegeben von Karl-Heinz Müller, viele Jahre Dramaturg bei Besson.

Fred Düren spielte nicht mehr Theater, aber er trat in den Erinnerungen der Dabeigewesenen als einer der Großen, Bleibenden, Seltenen auf. Als einer, der seinen Beruf stets als Arbeit begriff, als Handwerk, ihn sehr ernst nahm, sich seiner Mittel und seiner Wirkung stets bewusst war. Er war auf der Bühne offenbar einer, der Pathos nicht mit Pathetik verwechselte, die höheren Tonlagen nicht mit Silbengeklingel. Dem Worte wie Weisheit und Würde keine bloßen Begriffe waren. Vor sieben Jahren ernannte ihn das Deutsche Theater zum Ehrenmitglied. Das war sein letzter Auftritt in Berlin.

Bereits am 2. März ist, wie erst jetzt bekannt wurde, Fred Düren im Alter von 86 Jahren in Jerusalem gestorben.