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Netflix-Serie Love: Wir brauchen mehr Caprisonne

Mickey (Gillian Jacobs) und Gus (Paul Rust) werden kiffen in diesem Mercedes.

Mickey (Gillian Jacobs) und Gus (Paul Rust) werden kiffen in diesem Mercedes.

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Was ist das Schlimmste an einem ersten Date? Nicht ein Blowjob, nein – sondern, wenn er dich wirklich mag. So schroff spricht Mickey, die selbst beim verkaterten Herumschlurfen in Adiletten noch unfassbar viel Anmut und Charme verströmt, auch wenn sie das überhaupt nicht interessiert. Mickey hat es generell nicht so mit den schönen Dingen im Leben, sie schleppt schwer an ihrem Nihilismus.

Dem etwas drögen Gus jedoch reicht ein heimlicher Seitenblick auf ihr Filmstargesicht hinter der Sonnenbrille beim Rauchen, und alles ist klar. So klar, wie es sein könnte, wenn das hier ein Kinotraum wäre und keine ernüchternde Fallstudie über Beziehungswunsch und damit verbundene Paranoia bei Anfangsdreißigern. Als Zuschauer aber ist man an dieser Stelle auch schon verliebt, denn in der ersten Staffel der Netflix-Serie „Love“ – Regie: Judd Apatow – scheitern nicht nur alle Versuche der Protagonisten, sich im Leben zu sortieren: so nachvollziehbar, dass sie dem Lexikon der Kränkungen des modernen Großstädters entnommen sein könnten. Man würde außerdem gern auch so ungeniert und pointiert und zaghaft zugleich darüber reden können wie Gus und Mickey, die sich an einer Tankstelle kennenlernen, weil Mickey kein Geld für Kaffee dabeihat.

„Du bist wie ein vierzigjähriger Zwölfjähriger“, sagt Mickey zu Gus, der sich beim ersten gemeinsamen Joint recht kindisch anstellt. Er dagegen ist bereits beim Kiffen gebannt von ihrer Abgeklärtheit: „Das ist, als würde ich meinem Vater beim Reifenwechseln zusehen.“

Mickey Dobbs (Gillian Jacobs) ist Programm-Managerin bei einem Radiosender, Gus Cruikshank (Paul Rust) arbeitet als Coach am Set einer Fernsehserie. Beides Berufe, mit denen sich auf Partys – die Serie spielt in Los Angeles – angeben ließe, wäre die Realität nicht so ernüchternd. Gus’ Tätigkeit besteht darin, die minderjährigen Darsteller einer Art Hexen-Soap auf ihre Schulprüfungen vorzubereiten; da diese sich aber weigern zu kooperieren, fährt er sie mit dem Golfcart über das Studiogelände und guckt voller Sehnsucht auf das Büfett der Crew. Caprisonne fehlt ihm darauf, um mal so richtig über die Stränge zu schlagen.

Mickey ist verantwortlich für eine Talkshow, in der Anrufer Rat suchen können, „Love Works“ heißt die Sendung, was so wenig zutrifft wie die Schubladisierung dieser Serie im Genre „Romantic Comedy“, und folgerichtig sucht Mickey denn auch den Rauswurf durch Impulssex mit dem moderierenden Psychologen zu verhindern, was diesen wiederum als gefühllos brüskiert.

Also führt jeder schlechte Ausgangspunkt unweigerlich zu weiteren Abstürzen und Peinlichkeiten, doch komischerweise ist das alles andere als deprimierend, sondern im Gegenteil geradezu herzerwärmend. „Wir sind einfach zwei nette Leute, die ihr Bestes gegeben haben, und besser können wir es nicht“, sagt Gus einmal zu Bertie, der Mitbewohnerin von Mickey, die die beiden zu einem Date genötigt hat, wieder so eine blöde Idee.

Jeder Versuch, in einem schönen Restaurant einen netten Abend zu verbringen, ist in „Love“ todgeweiht – Apatow arbeitet sich an sämtlichen Klischees der romantischen Komödie ab. Bei ihm gibt es deshalb auch kein Wetter, schon gar nicht den ewigen Sonnenschein auf den Palmwipfeln über Los Angeles. Draußen ist hier nur der Ort, an dem man ungehindert rauchen kann.