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Neu im Kino: „Wir wissen alle nicht, was wir tun“

Wovor läuft dieser Mann nur davon: Brandon (Michael Fassbender).

Wovor läuft dieser Mann nur davon: Brandon (Michael Fassbender).

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Prokino

Steve McQueen war bereits ein weltbekannter Filmregisseur, bevor das erste Kino seine Filme spielte. Seine bewegten Bilder gehörten zu den Ereignissen des internationalen Ausstellungsbetriebs. „Western Deep“ etwa war einer der eindrucksvollsten Beiträge der vorletzten Documenta. Die beklemmende Reise ins Dunkel einer afrikanischen Mine schien die Grenzen der Filmtechnik zu sprengen, so intensiv wirkten die Bild- und Toneindrücke. McQueen hatte das ganze Spektrum ausgelotet, das in der Kunstform Film steckt. Mit seinem ersten Spielfilm „Hunger“ über den tragisch endenden Hungerstreik eines irischen Politikers gewann er dann die Camera d’Or in Cannes.

Wie „Hunger“ behandelt nun auch „Shame“ die Leidensfähigkeit des Menschen, auch wenn der Anfang einen leichten, vielleicht sogar romantischen Film verspricht. Bevor er seinen Tag beginnt, hat der Protagonist, ein attraktiver Mann Anfang dreißig, einen Orgasmus unter der Dusche. Bald darauf sieht man ihm bei einem Blickwechsel in der U-Bahn, wie er auch einen Liebesfilm eröffnen könnte. Dass die Frau, mit der er so offensiv flirtet, einen Ehering trägt, scheint ihn nicht zu stören. Und so entschlossen und charmant, wie er dabei wirkt, mag man es ihm nicht einmal verübeln.

Als sie aussteigt, intensiviert sich sein Bemühen; er verfolgt sie, bis sie ihm dann doch entwischt. Auch die Manie, die er dabei entwickelt, irritiert nur wenig. Warum halten wir ihn nicht für einen gefährlichen Triebtäter? Das Kino hat uns gelehrt, im Liebeswerben seiner Protagonisten etwas Heroisches zu vermuten.

Triebbestimmt, aber kein Täter

Tatsächlich handelt dieser Brandon triebbestimmt – ein Täter aber ist er nicht. Die einzige Gewalt, die er ausübt, richtet sich gegen die eigene Seele. Doch die muss ihren grundlegenden Schaden bekommen haben, lange bevor der Film beginnt, und ganz genau werden wir es nie erfahren.

Schon bevor „Shame“ 2011 während des Festivals Venedig Premiere hatte, ging dem Film der Ruf voraus, er behandle ein Dauerthema von Illustrierten: die sogenannte Sexsucht. Im Gespräch widerspricht der Regisseur jedoch entschieden. „Die meisten Menschen, glaube ich, reflektieren oder analysieren nicht, was sie tun. Sie tun es einfach, sie handeln aus Instinkt oder aus Zwängen. So ist das auch bei Brandon. Er macht das, was ihn sich besser fühlen lässt. Das ist der Schlüssel zu seinem Charakter.“ Auch wenn man es oft anders liest: Es gibt keinen psychiatrischen Befund namens Sexsucht. Was „Shame“ zeigt, ist eine Seite der Sexualität, die abgekoppelt von Emotionen existiert. Und die keine Lust generiert, sondern – zumindest sieht es in der hochpräzisen Darstellung von Michael Fassbender so aus – Schmerzen, die man mit Lust verwechseln kann.

„Das Publikum ist hoch intelligent“, sagt McQueen. „Man muss ihm nichts erklären, es sieht selbst.“ Etwa den doppelten Boden der Szene in der U-Bahn. „Diese Annäherung ist wie ein Tanz, bis er ihre Hand berührt, und man sieht: Sie ist verheiratet. Es ist eine narrative Montage, die eine Vorstellung davon gibt, dass da mehr drinsteckt, als man tatsächlich sieht.“ Vielleicht ist auch die Tatsache, dass Brandon in der Finanzwelt arbeitet, ein Hinweis auf eine zweite Lesart der Geschichte. Auch Investmentbankern wird oft nachgesagt, sie agierten enthemmt. Den Begriff der Performance haben Aktien und sexuelle Leistungen gemeinsam. Für Interpretationen sei er nicht zuständig, sagt McQueen. „Brandon kann sehr gut Sex machen, aber nicht Liebe“, erklärt er dann doch. „Intimität ist für ihn ein großes Problem. Dieses Verhalten lässt sich nicht nur in der Finanzwelt finden. Es ist dort nicht anders als in allen anderen Lebensbereichen. Sie finden es doch überall. Es geht ums Ich-Ich-Ich. Aber ich will jetzt nicht moralisieren.“

Tappen im Dunkeln

Das ist eine Stärke dieses Films: Er moralisiert nicht. Er fällt kein Urteil über einen Mann, der selbst keine Ahnung davon zu haben scheint, was in ihm vorgeht. Wie der Hungerstreikende im Vorgängerfilm ist er sich der Kräfte, die ihn beherrschen, nicht unbedingt bewusst. Er scheint nicht zu wissen, wer er ist. „So ist es doch immer“, bestätigt McQueen. „Die meiste Zeit im Leben tappen wir im Dunkeln, oder? Es geht um Zwänge und Sehnsüchte, die befriedigt werden wollen. Und man verliert sich dabei in dem Feuer, das man anzündet.“ Das Erstaunliche an „Shame“ ist die Sinnlichkeit, in der hier die Abwesenheit von Gefühlen vermittelt wird – in Bildern von entrückter Klarheit und mit nur wenig Dialog. „Für mich ist es ein Stummfilm“, bestätigt McQueen. „Und Michael Fassbender ist wie Rudolph Valentino. Alles ist in seinem Gesicht. Was in Filmen geredet wird, ist ja eh meist Blödsinn.“

Shame GB 2012. Regie: Steve McQueen, 99 Minuten, Farbe.