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Neu im Kino: Mutierte Schweinegrippe

Kate Winslet als Dr. Erin Mears

Kate Winslet als Dr. Erin Mears

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dpa

Wenn sich der Erreger einer Fledermauskrankheit mit dem einer Schweinegrippe verbindet, kann dies zu einem neuartigen, hoch gefährlichen Virus führen − wie der Film „Contagion“ anschaulich vor Augen führt: Millionen von Menschen fallen in Steven Soderberghs Thriller der hoch ansteckenden Krankheit zum Opfer, die eine Hongkong-Reisende (Gwyneth Paltrow) buchstäblich in der hohlen Hand in die Staaten trägt.

Kreuzt man dagegen die bewährte Formel des Seuchen-Katastrophenfilms à la „Outbreak“ mit der modischen Machart global angelegter Ensemblefilme und gibt die Leitung darüber dem Regisseur von „Traffic“, ist das Ergebnis leider weniger neuartig. Allerdings durchaus effektvoll. Anders als jenes Placebo, mit dem Gaststar Armin Rohde in einer denkwürdigen Szene im Namen der Weltgesundheitsorganisation hantiert, entspricht der Inhalt genau der Verpackung. Wenn man den Stil benennen sollte, so hieße er wohl „pessimistischer Realismus“.
Soderbergh und der Drehbuchautor Scott Z. Burns erinnerten sich an die schlimmsten Befürchtungen zu Beginn der Schweinegrippe. Und setzten die Infektionsschwelle dann noch dazu auf ein Minimum herunter. Einfache Berührungen reichen in ihrem grimmigen Szenario für die Übertragung, das Virus wandert notfalls sogar durch die Luft. Auf diese Weise reißt jeder Patient durchschnittlich vier weitere mit in den Tod, die Ausbreitung beschleunigt sich entsprechend.

Der hochproduktive Soderbergh, dies ist sein dreißigster Film in 48 Lebensjahren, wird es nicht gern hören – aber seine überzeugendsten Filme sind eben nicht die künstlerischen Experimente wie „Voll Frontal“, sondern Mainstreamfilme wie „Erin Brockovich“ und „Ocean’s Eleven“. Oder eben dieser: Gerade im Umgang mit dem Genre erweist sich dieser große Intellektuelle im US-Kino als überaus scharfsinnig, wobei sein missglücktes Andrej-Tarkowski-Remake „Solaris“ als Ausnahme die Regel bestätigt. Seinen ersten echten Science-Fiction-Film hat er erst jetzt, mit „Contagion“ gedreht, gerade weil das darin geschilderte Drama jeden Tag eintreten könnte. Und die Zustände in Wissenschaft und Gesundheitspolitik alles andere als futuristisch anmuten.

Unsichtbares Staatsoberhaupt

In diesen Szenen ist Soderberghs kritischer Geist besonders wach: Gouverneure versuchen, die Ausbreitung der Krankheit durch Grenzschließungen einzudämmen und setzen ansonsten auf die bewährten Mittel „Herunterspielen“ und „Ausgangssperre“. Dies ist nicht die Sorte Film, in der ein besorgter Präsident zuletzt seine eigene Familie rettet. Das Staatsoberhaupt bleibt unsichtbar, es hat sich an einen unbekannten Ort zurückgezogen.

Die wichtigste Figur im Ensemble ist ein von Lawrence Fishburne gespielter Funktionär in einer Gesundheitsbehörde. Sein Bemühen, die medizinischen Gegenmaßnahmen zu koordinieren ist unermüdlich – und doch von fatalen Fehlern behaftet. Nur weil sich ein Wissenschaftler seinen Vorschriften widersetzt, gelingt die für die mögliche Entwicklung eines Impfstoffs entscheidende Nachzüchtung des Virus.

Der Gegenspieler der Fishburne-Figur ist ein kritischer Blogger, verkörpert von Jude Law mit schlechten Zähnen und ebensolchen Manieren. Karikierende Darstellungen von Journalisten haben Tradition in Hollywood, sicher steckt der alte Ärger auf die Filmkritik dahinter. Nun trifft es also auch die Blogger.

Dennoch tut es dem Film gut, dass beide Kommunikatoren der Krise ambivalente Charaktere sind, bei denen das Gemeinwohl seine liebe Not hat, sich gegen persönliche Interessen zu behaupten. Börsenspekulationen mit Pharma-Aktien gehören ebenso zu dieser facettenreichen Horrorvision wie Verschwörungstheorien und obskure Wundermittel.

Die wahren Helden – hier erweist sich Soderbergh als echter Hollywood-Traditionalist – strahlen in der Masse. Wie jene Medizinerin (Jennifer Ehle), die um Zeit zu sparen den Impfstoff am eigenen Leibe testet. Oder der von Matt Damon gespielte tapfere Witwer des ersten Opfers, der annehmen muss, seine geliebte Frau habe sich bei einem Seitensprung infiziert – und dennoch einen klaren Kopf bewahrt um seiner Tochter beizustehen.

Sonderbergh - nicht gerade ein Sentimentalist

Auch aufklärerische Katastrophenfilme haben unangenehmen Nebenwirkungen – sie rühren aus derartigem Seifenoper-Elementen. Die kleinteilige Episodenstruktur solch kurzatmiger Ensemblefilme bietet wenig Raum, emotionale Momente gebührend zu vertiefen und aus dem Stadium der Platitüde emporzuheben. Allerdings kommt es in diesem Genre sonst viel schlimmer.

Der Intellektuelle Soderbergh ist nicht gerade als Sentimentalist bekannt, und auch hier schützt ihn sein kühler Kopf vor dem Allzu-Plakativen. Normalerweise sind Katastrophenfilme voller herzzerreißender Sterbe- und Abschiedsszenen. Soderbergh zeigt lieber, wie sich zwei Helfer darüber unterhalten, wann ihnen die Leichensäcke ausgegangen sind. Derartige Beobachtungen sind weit wirkungsvoller als computergenerierte Massenszenen einer Welt im Chaos. Auch die gibt es ab und an, doch der schlimmste Schrecken bleibt der bloße Gedanke, was passieren könnte. Und der ist leider so abwegig nicht.

Contagion USA 2011. Regie: Steven Soderbergh. Mit Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Jennifer Ehle. 106 Minunten.



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