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Neuer Online-Buchhandel: Ein besseres Amazon

Walter Mayer ist Journalist – und gelernter Buchhändler.

Walter Mayer ist Journalist – und gelernter Buchhändler.

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Berliner Zeitung/Christian Schulz

Berlin -

Der Wind, der Amazon entgegenbläst, könnte Walter Mayers Vorhaben Auftrieb verleihen. Verlage wie Bonnier und Hachette fühlen sich von dem Online-Versandriesen geknebelt, Autoren protestieren, weil Bücher von Verlagen, die sich seinem Druck nicht beugen, verlangsamt ausgeliefert werden und aus den Empfehlungslisten verschwinden, der stationäre Buchhandel leidet ohnehin unter Amazon, und wegen seiner Arbeitsbedingungen ist Jeff Bezos’ Konzern schon lange in Verruf. Walter Mayer klappt sein Laptop auf und erzählt von seiner Idee, von Berlin aus eine Art „Nachbarschafts-Amazon“ zu gründen: „fair, lokal und inhaltsgetrieben“. Book Affair, so der wahrscheinliche Titel, sei „der Versuch, zwischen Digitalisierung und Buchhandel eine Brücke zu schlagen“. Online-Shop, Buchmagazin, Buchhändler-Forum und aktuelles Medium in einem. Entsprechend sieht die Seite aus.

Start zur Buchmesse 2015

Ganz oben findet der Nutzer die Neuerscheinungen. Ein Klick, und er erfährt, worum es in dem Buch geht, was Buchhändler dazu sagen, wie die Feuilletons darüber urteilen, wer der Autor ist und welche weiteren Bücher der Autor geschrieben hat. Ein Klick, und das Buch landet im Warenkorb. Und das unterscheidet Book Affair von Amazon: Jede Bestellung wird umgehend an diejenige Buchhandlung weitergeleitet, die bei Book Affair mitmacht und geografisch am nächsten liegt.

Je nach Buchhandlung wird das Buch geliefert, per Kurier oder Post, oder der Besteller kann es abholen. Auf diese Weise unterstützt der Nutzer den Buchladen um die Ecke, ohne auf die Online-Bequemlichkeiten verzichten zu müssen. Um bundesweit eine ausreichende Menge an Buchhändlern als Partner zu gewinnen, geht Mayer demnächst auf Präsentationstour, Schwerpunkt ist die Frankfurter Buchmesse. Zur Leipziger Buchmesse 2015 ist der offizielle Start geplant.

Allein die Möglichkeit, Bücher an Amazon vorbei online zu bestellen, bieten auch Alternativprojekte wie Fairbook, Buch7 oder Ecobookstore. Das allein brächte aber nicht die Reichweite, die Mayer nutzen will, um Book Affair mit Verlagswerbung zu finanzieren. Worin also besteht das Versprechen, Book Affair sei „inhaltsgetrieben“?

Mayer hat die Seite wie ein tagesaktuelles Medium konzipiert: als Plattform, die Bücher passend zur Nachrichtenlage auswählt. Zum Tod eines Schriftstellers etwa würde sich der Aufmacher mit dem Werk des Autors beschäftigen, sagt Mayer, zum Rücktritt Klaus Wowereits ginge es um seine Biografie, und zur Krise in der Ukraine fände der Nutzer die wichtigsten Sachbücher zu Land und Thema. Weitere Elemente sind ein Blog, in dem Buchhändler ihre liebsten Bücher empfehlen, sich mit anderen Buchhändlern über Autoren streiten oder bisher unentdeckte Schätze vorstellen. Dazu gibt es Hinweise auf Lesungen, kleine Video-Interviews mit Autoren, Rubriken wie „Der erste und der letzte Satz“, Leserblogs und Bestsellerlisten. Im Idealfall, sagt Mayer, entstehe auf dem Portal eine Atmosphäre wie im gut geführten Buchladen: mit „persönlicher Beratung, kenntnisreicher Ansprache, und dem angenehmen Gefühl, das durch schöne Sätze und überraschende Gedanken entsteht“.

Um eine Ecke mehr

Das ist der Moment, Mayers eigene Geschichte zu erzählen. Der 55-Jährige ist Journalist. Unter anderem war er Chefredakteur des legendären Magazins Tempo und bis zu seinem Rauswurf vor einem Jahr Chefredakteur der Bild am Sonntag. Hier wie da umgab er sich gern mit Schriftstellern, und beim Zeilenmachen war er dafür bekannt, immer um eine Ecke mehr zu denken als andere. Mayer hat aber auch mit Anfang zwanzig in seiner Heimatstadt Salzburg eine Lehre als Buchhändler absolviert. Bis heute ist für ihn eine gut geführte Buchhandlung wie ein „Schlaraffenland der Geschichten und Gedanken“.

Mit Book Affair vereint er beide Berufe, die seiner Ansicht nach in einem Punkt sehr ähnlich sind: „Die Identifikation mit dem Beruf ist bei Journalisten wie bei Buchhändlern außergewöhnlich hoch“. Und so schafft er nun bei Book Affair mit journalistischen Mitteln und der Unterstützung von Buchhändlern eine Art Schaufenster, das auf das Tagesgeschehen blicken lässt, so ähnlich wie das die Titelseite einer Zeitung macht – nur eben mit dem Ziel, Bücher zu verkaufen. Oder wie er es formuliert: „Ich wechsle von einer Krisenindustrie in die nächste“. Dabei lacht er so maliziös, wie es nur Österreicher können, selbst wenn sie wie Mayer schon so lange in Deutschland leben.



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