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Berliner Zeitung | Neues Buch "Einheit": Der gemobbte Westdramaturg Michael Eberth
25. September 2015
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Neues Buch "Einheit": Der gemobbte Westdramaturg Michael Eberth

1990 im Deutschen Theater: Heiner Müller und sein Dramaturg Alexander Weigel. Ein Jahr später stieß der neue Chefdramaturg Michael Eberth aus Wien dazu.

1990 im Deutschen Theater: Heiner Müller und sein Dramaturg Alexander Weigel. Ein Jahr später stieß der neue Chefdramaturg Michael Eberth aus Wien dazu.

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imago stock&people

Juli 1990: Thomas Langhoff fragt den Burgtheater-Dramaturgen Michael Eberth, ob er als Chefdramaturg zu ihm ans Deutsche Theater nach Berlin kommt. Trotz großer Zweifel an Langhoff und an seinen Plänen sagt Eberth zu. Von 1991 bis 1996 leitet er die Dramaturgie des Deutschen Theaters. Es war eine Zeit der Unsicherheit und des Umbruchs. Gewissheiten im Alltag und auf dem Theater zerstoben und auch die Theaterlandschaft Berlins begann sich neu zu formieren. Eberth ist in seinen minuziösen Tagebuchaufzeichnungen, die nun unter dem Titel „Einheit“ im Alexander Verlag Berlin erscheinen, leidenschaftlicher Chronist dieser Zeit. Dabei ist er immer etwas zu persönlich, zu distanzlos, aber seine bedingungslose Subjektivität, die aus der Leidenschaft für seine Vorstellungen von Theater kommt, hat etwas Belebendes. Entstanden ist ein außergewöhnliches Dokument über die Schwierigkeiten der Vereinigung auf dem Boden des Deutschen Theaters.

Im Besitz der Wahrheit

Anfangs wähnt Eberth sich im Besitz der absoluten Wahrheit. Er möchte „die in Aporien des anderen Systems gefangenen“ Kollegen an den gedanklichen und ästhetischen „West-Standard“ heranführen. Er lenkt seinem Blick immer wieder auf die Schauspieler, die er für die Schwierigkeiten der Langhoff-Zeit mit verantwortlich macht. Dabei geht er von ideologisch verblendeten, an den Sieg des Sozialismus glaubenden Schauspielern aus: „Am Deutschen Theater erlebe ich Schauspieler, die daran gewöhnt waren, dem Publikum einen von der Staatsdoktrin abgeleiteten Auftrag (oder dessen subtil subversive Ironisierung) zu kredenzen wie die Priester den Gläubigen den Leib des Geopferten in der Form der Oblate.“ Tatsächlich war es so, dass der Großteil dieser Schauspieler sich nicht auf der Linie der SED-Funktionäre befand, sondern sich als subversiv betrachtete, was ihrer Schauspielerei, dem Theater in der DDR überhaupt, einen existenziellen Sinn verlieh. Dass der mit dem Ende der DDR verloren ging, mag eine Begründung für die tiefgreifende Verunsicherung auch am Deutschen Theater zu sein.

Eberth hat die Sehnsucht nach einer anderen Art von Schauspielkunst, etwa die von Gert Voss, Bruno Ganz oder Jutta Lampe – Schauspieler, die „die dunklen Zonen der Seele besonders unerbittlich ausleuchten.“ Weil er die nicht vorfindet, greift er immer wieder zu ideologischen Erklärungen: „Es macht mir bewusst, das sich die Schauspieler in der DDR vor jedem tiefen Gefühl schützen und jedes Eintauchen ins Seelische ironisieren mussten, weil das Eindringen ins Unglück zum Leiden an einem existenziellen Verhängnis geführt hätte: dem Leben in der Gefangenschaft.“

Man verfolgt, wie er mit den Regisseuren, die er vorschlägt, und den Stücken, die sich aus einem englisch geprägten Blickwinkel mit der deutschen Realität auseinandersetzen, scheitert. Dazu gehören auch Stücke, die sich mit der Stasi beschäftigen. In diesem Zusammenhang äußert er einen Pauschalverdacht gegen Schauspieler und Dramaturgen: „Sie haben schon ganz anderes ignoriert als eine Stasi-Verstrickung.“ Die Haltung des moralisch überlegenen Unschuldigen grundiert weite Teile des Buches, führt aber auch zu einer Selbststilisierung als Leidender. Dabei steht dieses Leiden in einem merkwürdigen Gegensatz zum Opportunismus des Bleibens. Aber auch da ist Eberth überraschend ehrlich: „Wo kommt bis zur Rente das Geld her?“ Der ökonomische Druck wird ihn immer wieder veranlassen, zu bleiben.

Es ist auch das Tagebuch des Scheiterns einer Freundschaft. „Dass ich ihn (Langhoff) zwingen wollte, meine Welt auf seine Bühne zu bringen, und mir jetzt anschauen muss, wie er sie seiner Welt anverwandelt, ist eine Farce.“ Eberth liefert eine genaue Beschreibung von Langhoffs Lavieren als Regisseur und Intendant. Dabei ist für Eberth die Macht des Apparats, in Gestalt zweier „Schlangen“ des alten Systems das Hauptproblem. Abgesehen von den tatsächlichen Stasiverstrickungen, verkennt er die Macht des „Betriebs“, die im Zuge der Ökonomisierung zunimmt und das Beharren jeglicher institutioneller Struktur auf dem Althergebrachten, was sicher im Deutschen Theater durch die allgemeine Verunsicherung besondere Blüten trieb.

Aber ab dem zweiten Jahr verändert sich Eberths Blick. Er entdeckt die Qualität etwa bei Bärbel Bolle, bei Margit Bendokat oder Kurt Böwe: „Im Ost-Spieler steckt eine Bescheidenheit, die aus den Künstlern des Westens, wo jeder der Beste sein will, völlig verschwunden ist.“

Mit vernebeltem Blick

Neben vielen einprägsamen, klugen Beschreibungen und Wahrnehmungen vernebelt Eberths letztlich auch ideologisch geprägter Blick immer wieder Zusammenhänge: „Der Sozialismus hat das private Leben einem rigiden moralischen Puritanismus unterworfen. Die DDR war das Land in dem’s keine Sünde gab.“ Die tatsächliche Dialektik war simpler: Weil die DDR nicht puritanisch war, gab’s auch keine Sünde.

Seine leidenschaftlichen Versuche, neue Regisseure und Stoffe für das Deutsche Theater zu entdecken, waren wenig erfolgreich, bis auf eine Ausnahme: Er gewann Thomas Ostermeier für die Baracke. Es ist die Ironie der Geschichte, dass er ausgerechnet mit der Stasi-„Schlange“ aus der Direktion, den Erneuerungsbedarf in der Langhoff’schen Erstarrung sah und Ostermeiers Aufbruch am Deutschen Theater besiegelte.

Es ist ein subjektives, sich und andere preisgebendes Buch. Diese Schutzlosigkeit ist seine Qualität. Ein Buch wie gutes Theater – es wird sein Publikum spalten.

Stephan Suschke war von 1987–1992 als Gast-Assistent/Mitarbeiter Regie am Deutschen Theater Berlin. 1992–1999 Berliner Ensemble, u. a. Künstlerischer Leiter, Regisseur, Autor.


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