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Berliner Zeitung | Neues Reportage-Magazin: Fluch und Segen einer Bohne
29. November 2011
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Neues Reportage-Magazin: Fluch und Segen einer Bohne

Die Zeitschrift zur Umhängetasche: Chefredakteur Daniel Puntas Bernet.

Die Zeitschrift zur Umhängetasche: Chefredakteur Daniel Puntas Bernet.

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Jan Söfjer

Daniel Puntas Bernet hat sich früher nie viel aus Reportagen gemacht, er kannte keine. Erst im späten Studium mit 36 Jahren las der Schweizer die ersten. Sie faszinierten ihn so sehr, dass er seinen Berufwunsch Deutsch-Lehrer wieder aufgab und Journalist wurde. Als Teilzeit-Wirtschaftsredakteur bei der NZZ am Sonntag konnte er Reportagen allerdings nur nebenbei schreiben. Im Februar kündigte der heute 46-jährige Berner seinen sicheren Job und gründete mit einem kleinen Team sein eigenes Magazin: „Reportagen“.

Nun ist die erste Ausgabe erschienen: sieben Reportagen auf 100 Seiten plus einige kleinere Texte. Das Heft erscheint alle zwei Monate im robusten A5-Leineneinband für 15 Euro und liegt in Bahnhofsbuchhandlungen aus. Auf reportagen.com können die Ausgaben im Online-Abo günstiger als eBook und Hörbuch bezogen werden, derzeit sind die Reportagen zum Zuhören sogar gratis.

Vor ein paar Tagen war Puntas in der Filiale eines Schweizer Taschenherstellers in Berlin-Mitte, um sein Heft vorzustellen. Taschenkäufer erhalten ein Magazinexemplar gratis, Autoren erzählen zu jeder Nummer in einer der Filialen des Taschenunternehmens von ihrer Arbeit. Den Auftakt machte die Reporterin Sabine Riedel. In der Startnummer schreibt sie über Kinder aus der Provinz, die in Friedrichshain Häuser besetzen, was Hartz-IV-beziehende Ex-DDR-Dissidenten auf die Palme bringt: „Die wussten doch vor drei Jahren noch nicht mal, wo Berlin überhaupt liegt.“ Für die Recherche lebte Riedel einen Sommer lang in einem linken Wohnprojekt.

Verzicht auf Fotos

Puntas sagt, er möchte ausschließlich „unerhörte Geschichten, hervorragend erzählt“ in seinem Blatt sehen. Er weiß, dass er dafür exzellente freie Reporter braucht, die nicht günstig sind. „Um diese bezahlen zu können, verzichten wir erstmal auf Fotos“, sagt er, Illustrationen müssen reichen. Der bekannteste Name in der Erstausgabe ist der Schweizer Reporter Erwin Koch, dessen literarische Reportagen in Deutschland vor allem im Zeit- und im SZ-Magazin erscheinen. In „Reportagen“ schreibt er über Sarah, ein 14-jähriges Mädchen, das an einem Winterabend 2007 Schmerzen im Becken hat und im März 2011 auf der Nachrufseite in der Zeitung steht. Der Krebs-Tod des Mädchens steht für nichts Größeres, doch Kochs Rekonstruktion ist brillant und verstörend.

Margit Sprecher, die große alte Dame des Reportage-Journalismus in der Schweiz und wie Koch Kisch-Preis-Gewinnerin, hat sich die Krise in Irland angesehen und Iren getroffen, die sich schämen, Karin Wenger besuchte US-Soldaten in Afghanistan, Ruedi Leuthold argentinische Soja-Bauern, die den Fluch und Segen einer Bohne erleben, welche die Welt ernähren soll. Beat Sterchi schreibt über Spanier, die einst Gastarbeiter waren und nun selber welche einstellen. Auch etwas Historisches gibt es in jeder Ausgabe. Aktuell ist es ein Stück von Truman Capote über Tanger.

Manchen Texten fehlt Dichte

Nicht alle Reportagen in der Startnummer zünden, manchen fehlt es an dramaturgischer Dichte, nichtsdestotz finden sich exzellente Stücke. 5 000 Abonnenten möchte Daniel Puntas in den nächsten zwei Jahren für sein Liebhaber-Projekt finden. Ein, zwei weitere Investoren wären auch nicht schlecht.

Puntas hat viel riskiert. Doch er wirkt unerschrocken, immerhin war er schon Kaffeepflücker in Südamerika, Devisenhändler in New York und Fahrer von Boris Becker. Nach dem Abend im Taschenladen verschwindet der Neu-Verleger und Chefredakteur geräuschlos in die kalte Nacht. Am nächsten Tag muss er früh raus: kleine Buchhandlungen abklappern, Auslagen für seine „Reportagen“ finden.