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Berliner Zeitung | Neues Sachbuch: Legale Herrschaft der Bürokraten
22. February 2016
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Neues Sachbuch: Legale Herrschaft der Bürokraten

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Bürokraten werden auch Aktenmenschen genannt. Oder Paragraphenreiter. Konkrete Lebensläufe und Lebenswelten haben sie nicht zu interessieren.

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Bürokraten haben keinen guten Leumund. Dass sie ganz allgemein als Aktenmenschen bezeichnet werden, gehört noch zu den vornehmeren Etikettierungen. Man kennt sie aber auch als Prinzipien- oder Paragraphenreiter, als Pfennigfuchser, Haarspalter, Korinthenkacker oder Schreibtischtäter. Bürokraten gehören zu den ungeliebten Zeitgenossen, ihr strikt regelgeleitetes Verhalten findet seine Vollendung in einem starren Formalismus, der von jedweden Inhalten, von konkreten Lebensläufen und Lebenswelten absieht. Der Bürokrat wie die Bürokratie sind mitleidslos, das Individuum und seine besonderen Umstände gelten ihnen nichts.

Bekennender Anarchist

Der Soziologe Max Weber hat diese bürokratische Gleichgültigkeit gegen den Einzelfall als moderne Form der „legalen Herrschaft“ verteidigt. Sie folge, so Weber, einer eigenen Rationalität, gerade wegen ihrer Regelgebundenheit und ihrer Unpersönlichkeit bedeute sie eine Befreiung aus den ständisch organisierten, absolutistischen oder diktatorischen Herrschaftssystemen, denn sie verhindere die Bevorzugung oder Benachteiligung der Einzelnen durch Willkür. Stattdessen herrschten nun verbindliche, überprüfbare Spielregeln, eben die Gesetze: Der Rechtsstaat sei eine große Errungenschaft und die Bürokratie seine Erscheinungsform.

Dieses Argument hat bis heute nicht jeden überzeugt. Von rechter wie linker Seite wurde die bürokratisierte, durchregelte Gesellschaft als Unterdrückung mal des völkischen, mal des revolutionären Willens, als marktfeindlich oder herrschaftsdienlich, als undemokratisch oder unflexibel denunziert. Die Kritik folgte dabei stets der Idee, dass staatliche oder private Verwaltungsapparate – der Moloch der Bürokratie – den Menschen von seinen eigentlichen Fähigkeiten oder Bestimmungen entfremdeten. Auch der bekennende Anarchist David Graeber steht mit seinem neuen Buch „Bürokratie. Die Utopie der Regeln“ in dieser Tradition.

Schwarzmalerei klingt nicht schwarzmalerisch

Der in London an der School of Economics lehrende Ethnologe wirft allerdings auch die nur auf den ersten Blick einfache Frage auf, ob wir akzeptieren müssen, dass Bürokratie unvermeidlich ist. Seine Antwort, die er uns auf über 300 Seiten gibt, lautet erwartungsgemäß: Nein! Nun ist Graeber spätestens seit seinem Weltbestseller „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ bekannt dafür, dass er seine starken Thesen nicht nur charmant verpackt, sondern auch beispielreich und anschaulich darlegt. Und seine Schwarzmalerei, was die Zukunft der Menschheit betrifft, klingt niemals schwarzmalerisch, möchte er uns alle doch für die Idee eines guten Lebens gewinnen.

Bleibt die Frage, wie ein gutes Leben jenseits der Bürokratie aussieht. Graeber kann und will uns hier nur eine melancholische Antwort geben: Jenes gute, also erfüllte und glückliche Leben scheine bloß in kurzen, immer schon vergangenen, weil sofort von der Wirklichkeit überholten Momenten auf, in denen Menschen „in spielerischer Freiheit“ einen politischen, solidarischen Neubeginn gewagt haben – etwa so wie bei der Occupy-Wall-Street-Bewegung im Jahre 2011, zu deren intellektuellen Galionsfiguren der Wissenschaftler ja gehörte. Sein Buch möchte an diesen prekären Freiheits-Impuls erinnern und seine bürokratische Entsorgung beschreiben.

Bürokratie dient neoliberalen Eliten

Für letzteres nimmt sich Graeber viel Platz. Dabei gibt er sich redlich Mühe, seine Position, die er selber als utopistisch bezeichnet, nämlich den „Anti-Autoritarismus, der in seinem Schwerpunkt auf kreative Synthese und Improvisation die Freiheit grundsätzlich als Form des Spielens betrachtet“, als gleichberechtigt zum „bürokratischen Utopismus“ darzustellen: Denn auch der „verkappte Republikanismus, welcher die Freiheit in letzter Konsequenz als Möglichkeit ansieht, sämtliche Formen der Macht auf klare und transparente Regeln zu reduzieren“, werde „immer eine schillernde Illusion bleiben, die sich in nichts auflöst, sobald wir sie berühren“.

David Graeber: Bürokratie. Die Utopie der Regeln. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2016, 330 Seiten, 22,95 Euro.

David Graeber: Bürokratie. Die Utopie der Regeln. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2016, 330 Seiten, 22,95 Euro.

Zugegeben, dass Menschen alle Regeln kennen und sich an sie halten, können wir getrost als unwahrscheinlich bezeichnen. Sehr viel spannender und überraschender als die versuchte Rehabilitierung der eigenen Position ist allerdings Graebers gut belegte Beobachtung, die Bürokratie diene vor allem den Interessen neoliberaler Eliten. Für Europa und die USA kann er zeigen, wie ausgerechnet die Ideologie der marktkonformen, staatsfernen und deregulierten Gesellschaft zu einem Mehr an Regulierung, also Regeln, Verfahren, Formularen, Vorschriften, Zertifikaten und entsprechend damit befassten Beamten und Angestellten geführt hat.

Der Begriff der Deregulierung hat es Graeber angetan, scheint er doch das genaue Gegenteil von Bürokratisierung zu bedeuten. Dabei verbirgt sich hinter ihm ein politisches Täuschungsmanöver, denn es ging dem Neoliberalismus nie um ein Mehr oder Weniger von Regeln, sondern immer nur um andere Regeln, etwa solche, die Banken erlaubten, sich zu großen, „systemrelevanten“ Finanzkonzernen zusammenzuschließen, zu bürokratischen, die Grenzen zwischen staatlichen und privaten Akteuren aufhebenden Herrschaftskomplexen. Der neoliberale Beitrag zur Bürokratisierung der Gesellschaft gehört zu den wirklich erhellenden Einsichten von Graebers Buch.