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Neuköllner Oper: Ein Fußtritt für die Handlung

Politik ist Murks, aber nicht nur die.

Politik ist Murks, aber nicht nur die.

Foto:

picturesberlin/SABINE BRINKER

Das beschauliche Alltagsleben eines Diktators gehört zum Langweiligsten überhaupt. Dass Hitler nachmittags zum Kümmeltee seinen Apfelkuchen bekam und sich gerne Zeichentrick-Filme anschaute, mag interessant sein, ihm beim Kuchenessen oder Filmeschauen zuzusehen wäre jedoch ziemlich unspannend. Solche Situationen sind mit heutigem Hintergrundwissen vielleicht grotesk, aber selbst dieser Eindruck verliert auf Dauer an Kraft und vor allem an Wichtigkeit.

In der Opern-Adaption „Püppi – Die Krönung“, die letzte Woche in der Neuköllner Oper Premiere hatte, tritt ein präsidialer Diktator auf, Nero mit Namen, dem man ausgiebig bei seinem langweiligen Tagwerk zuschauen darf: er stolziert mit Kapitänsmütze umher, präsentiert auf der Brust sein üppiges Lametta, lässt sich in Standbildpositur auf einem Podest herumschieben – und macht einen so verpeilten Eindruck, dass man sich als Betrachter fragt: Wieso bricht hier nicht auf der Stelle ein Aufstand aus? Wenigstens unter seinen Mitarbeitern? Aber auch die sind zu trottelig. Wichtigste Vertrauensperson unter ihnen: ein Hund, Püppi, ein wuscheliger Schnauzer-Mischling, der mit Ballettkleidchen am Hinterteil einen Kurzauftritt hinlegen darf und auf den zahlreich herumstehenden Fernsehern präsent ist. Da laufen sonst Bilder von Überwachungskameras, offenbar weil das gerade sehr aktuell ist.

Überdies ist ziemlich wenig aktuell, was um so mehr schmerzt, weil die Neuköllner Oper mit ihren Adaptionen klassischer Opernwerke ja gewöhnlich immer genau das möchte: das Alte in einer Situation der Gegenwart neu aufbereiten. Aber bei Kriss Rudolphs Bearbeitung von Monteverdis „Poppea“ bleibt man ratlos. Die Zeit solcher Diktatoren ist doch eigentlich seit ein paar Jahrzehnten vorbei – oder kümmert man sich in Neukölln seit Neuestem um Nordkorea und Tadschikistan?

Wenn gegen Schluss der Satz fällt: „Politik ist doch Murks“, reibt man sich verwundert die Augen: Um Gottes Willen, soll dieser trottelige Präsident, der Liebesfilme im Fernsehen verbietet und trockene Spaghetti mampft, etwa doch irgendetwas mit Deutschland zu tun haben?

Weil die Handlung vor allem erzählt wird, selten aber zu sehen ist, legt sich Hendrik Müller in seiner Inszenierung um so mehr ins Zeug: wenn jemand laut schreit, kann man sicher sein, dass irgendwo gleich ein Bild von der Wand, eine Kabelrolle aus der Decke fällt. Immerhin wird durchweg toll gespielt: Clemens Gnad etwa als selbstgefällig-feister Nero, Sarah Papadopoulou als brettharte Regierungssprecherin mit durchgedrücktem Kreuz und Reitpeitsche in der Hand.

Ereignis des Abends ist allerdings die Balkan-Band ?Shmaltz! in Zusammenarbeit mit Barbara Rucha. Sie spielen auf Banjo, Akkordeon und singender Säge Monteverdi und verpassen mit wilder Tanzmusik der Handlung mehrfach den Fußtritt, den die nötig hat.

Püppi. Die Krönung: Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133, Neukölln,

Tel: 68 89 07 77.