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New York: Bibliothek in Gefahr

Noch stehen Bücher in den Regalen: Blick in den Hauptlesesaal der Public Library.

Noch stehen Bücher in den Regalen: Blick in den Hauptlesesaal der Public Library.

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reuters

Der New Yorker Schriftsteller und Literaturkritiker Alfred Kazin hatte eine beeindruckend lange und fruchtbare Karriere, bevor er 1998 verstarb. Mehr als 50 Jahre lang publizierte er über alles von der „jüdischen Erfahrung“ in Amerika bis hin zum Verhältnis des amerikanischen Schriftstellers zu Gott.

Bei aller Vielfalt seiner intellektuellen Interessen blieb über die Jahre für Kazin jedoch eines konstant: sein Arbeitsplatz. Kaum eine Zeile seines umfangreichen Werkes ist an einem anderen Ort entstanden als dem prachtvollen Hauptlesesaal der New York Public Library an der 42. Straße. „Es ist etwas an dem Licht, dass durch die großen Fenster fällt und die Oberfläche der goldenen Tische aufweicht, das mich immer rastlos gemacht hat. Ich will dann jedes Buch aus dem Regal nehmen und in jeden Geist eindringen, der da in meiner Griffweite steht.“

Kazin war nicht alleine in seiner Liebe für den legendären Lesesaal, Generationen von Autoren und Gelehrten haben hier an ihren Werken gebastelt, seit 1911 in der Public Library das erste Buch ausgeliehen wurde – eine Studie über Nietzsche und Tolstoi. Doch jetzt wird dieses Sanktuarium der New Yorker Intellektuellen von den grandiosen Renovierungsplänen der Bibliotheksverwaltung bedroht. So sehen es jedenfalls seine Liebhaber: „Stoppt den Kultur-Vandalismus“, betitelte etwa der Chefredakteur der Universitätszeitschrift „Higher Ed“, Scott McLemee, sein Pamphlet gegen die Pläne.

Dem Appell von McLemee hat sich mittlerweile eine ansehnliche Liste in New York ansässiger Intellektueller angeschlossen. Eine 200 Unterschriften zählende Petition trägt so prominente Namen wie Salman Rushdie, Jonathan Lethem und Mario Vargas Llosa. Die Befürchtung der Kulturschaffenden ist, dass die einstige Stätte konzentrierten Studiums in einen „glorifizierten Starbucks“ verwandelt wird, einen beliebigen öffentlichen Raum mit kostenlosem Internetanschluss, an dem lärmende Touristen ihre E-Mails abfragen .

"Es ist, als reiße man sein Herz heraus"

Dabei klingt die Grundidee des 350-Millionen-Dollar Vorhabens auf Anhieb gar nicht unvernünftig. Ziel des Umbaus ist es nach den Worten von Bibliothekspräsident Anthony Marx, die Bibliothek zu „demokratisieren“. Doch die Art und Weise, wie dies verwirklicht werden soll, löst bei den New Yorker Literaten das nackte Grauen aus. Star-Architekt Norman Foster soll das Gebäude in ein „Computer-orientiertes“ modernes Multimedia-Zentrum nebst Café verwandeln. Auf diese Weise hofft man, die ohnehin enorme Besucherzahl von 1,6 Millionen pro Jahr noch zu verdoppeln.Dafür muss zunächst einmal Platz geschaffen werden. Drei Millionen Bände der ständigen Sammlung, die unter dem großen Lesesaal lagern und die man bislang innerhalb von Minuten in der Hand hielt, sollen auf die andere Hudson-Seite nach New Jersey ausgelagert werden. Laut Liebhabern des prachtvollen Beaux Arts Tempels nicht zuletzt auch eine architektonische Sünde. „Das Gebäude wurde rund um die Büchergewölbe herum konzipiert“, sagt der Architekturhistoriker Charles Warren. „Es ist, als reiße man sein Herz heraus.“

Dass die Bibliothek unter diesen Umständen weiterhin jene „kathedralenhafte“ Atmosphäre beibehält, die noch im Jahr 2010 die Slavistin Hilde Hoogenboom hier vorfand, ist kaum vorstellbar. Während den Surfern der Hof gemacht wird, erschwert man dem alten Kernpublikum, den Forschern, die Arbeit. Die Bände sollen zwar innerhalb von 24 Stunden aus New Jersey angeliefert werden, Bibliotheksangestellte halten das jedoch für utopisch. Zu einer Forschungsreise nach New York zu kommen, wird zum Glücksspiel.

Noch gewichtiger als die Befürchtung, dass die Public ihren Charakter und ihre Identität verliert, sind allerdings die Einwände, dass das Geld weit besser ausgegeben werden könnte.

Das Bibliotheksnetz der New York Public Library steht seit der Wirtschaftskrise massiv unter finanziellem Druck. Das Budget musste in den vergangenen zwei Jahren um 20 Millionen Dollar gekürzt werden, 300 Stellen wurden gestrichen. Die einst weltberühmte slawische Sammlung wurde geschlossen, weil man keinen Kurator mehr bezahlen konnte. Die Außenstellen in Bezirken wie Harlem, wo der Bedarf an zugänglichen Lernmaterialien am größten ist, verwahrlosen.

Verarmung der kulturellen Landschaft

Angesichts dieser Fakten erscheint das Prestigeprojekt in Midtown als obszön. Zumal rund 200 Millionen Dollar für den Neubau aus dem Verkauf zweier Bibliothekszweige dort kommen sollen, die in das neue Hauptgebäude integriert werden sollen. An der Stelle der alten Zweige entstehen Touristenhotels.

Für die Kritiker ist das eine weitere Bestätigung ihrer Befürchtungen: Die Verarmung der kulturellen Landschaft New Yorks, so klagen sie, werde ausgerechnet von deren vermeintlichen Hütern mit Macht vorangetrieben. Die Bibliothek betreibe einen gefährlichen Populismus, glaubt Scott McLemee: „Wie kann man drei Millionen Bände, die über 100 Jahre gesammelt wurden, als Hindernis und Ablenkung betrachten anstatt als das Fundament der kulturellen Bedeutung der Institution.“ Bei dem Versuch, relevant zu bleiben, habe die Bibliothek aus dem Blick verloren, was sie eigentlich ausmacht. Eine anonyme Bibliothekarin drückte das so aus: „Die Verwaltung möchte aktuell und hip sein. Wir werden hingegen behandelt wie alte angestaubte Leute, die alte angestaubte Dinge treiben.“