09.01.2012

Nolde Stiftung Berlin: Farbe ist Kraft, Kraft ist Leben

Von Sebastian Preuss
        

Aus dem Zyklus zum  Leben Christi (1911/12): „Himmelfahrt“.
Aus dem Zyklus zum Leben Christi (1911/12): „Himmelfahrt“.
Foto: Nolde Stiftung Seebüll
Berlin –  

Die Berlin-Dependance der Nolde Stiftung in Seebüll zeigt die religiösen Bilder des Malers Emil Nolde.

So armselig und merkwürdig hat noch keiner das göttliche Baby je dargestellt: Ein rotes, fast blutig wirkendes Fleischbündel; wie einen Fetisch hält Maria es mit ausgestreckten Armen empor. Offenbar hat die Niederkunft soeben stattgefunden. „Warum muss denn das Christuskind in den Händen der glücklichen Mutter eine so extreme Farbe haben?“, schrieb der Sammler Adolf Sahr 1913 an Emil Nolde, den er bewunderte, der ihn mit dieser religiösen Vision aber verschreckte.

Schon Maria ist alles andere als eine holde, zart-heilige Madonna. Stattdessen sehen wir eine rassige Frau im Zigeunerinnen-Look, mit offenen schwarzen Haaren und tiefroten, sinnlich angeschwollenen Lippen. Auch Josef, der das nächtliche Familienglück komplettiert, hat übergroße, wie geschminkt wirkende Lippen; die Freude über den Neugeborenen ist ihm mit derbem Clownsrouge auf die Wangen gelegt.

Wie aus einem Stummfilm

Das exaltierte Weihnachtsbild ist eines von neun Szenen, die Nolde 1911/12 zum Leben Christi malte. In der Mitte die Kreuzigung: eine grell-flirrende Szene, der gemarterte Jesus und die Umstehenden mit Pathos-Gebärden wie aus einem expressionistischen Stummfilm. An den Seiten fügen sich, Rahmen an Rahmen, die übrigen Episoden aus der Gottesvita zu einer Art dreiteiligen Bilderwand – auch wenn es Nolde dabei nicht um ein sakrales Werk für einen Kultraum ging. Als Altar verstand er den Zyklus nicht: „Sie alle sind künstlerische Auslösungen, der Kunst dienen wollend.“

Noldes „biblische und Legendenbilder“, wie er sie nannte, sind ein tief berührender, ästhetisch wie inhaltlich in Bann schlagender Komplex in seinem Werk. Unter seinen 1.356 Gemälden, die heute bekannt sind, nehmen die 51 Bilder eine Sonderstellung ein. Der Maler hat die Werke, die zwischen 1909 und 1951 entstanden sind, nur ungern aus der Hand gegeben. Wenn er sich von einem Gemälde trennte, dann nur für ein Museum oder einen besonders treuen Sammler. Nolde wusste selbst , wie einzigartig diese Werkgruppe, die nach und nach und nicht als kalkulierte Serie entstand, in der Malerei der deutschen Moderne war.

Aus bäuerlicher, nordischer Welt

Die Nolde Stiftung im nordfriesischen Seebüll, wo der Maler von 1926 bis zu seinem Tod 1956 lebte, betreibt seit 2007 eine Dependance am Gendarmenmarkt, um auch in der Hauptstadt auf den einzigartigen Bilderschatz im Nachlass aufmerksam zu machen. Hier sind jetzt 30 der religiösen Gemälde versammelt, hinzu kommen 40 Aquarelle und grafische Blätter. Noldes biblische Werke sind heute kostbar, und die Museen, die eines davon besitzen, stellen es als einen Höhepunkt ihrer Sammlung heraus. Doch jetzt einen Großteil der Bildergruppe versammelt zu sehen, ist ein echtes Ereignis, das im Berliner Ausstellungstrubel leider bislang etwas untergegangen ist.

Der Bauernsohn Nolde, der eigentlich Emil Hansen hieß und sich später nach seinem Geburtsdorf an der dänischen Grenze nannte, war tief verwurzelt in seiner rauen, ländlichen Heimat an der Nordsee. Italiensehnsucht hatte er nicht, und die Großstadt Berlin ertrug er nur über die Wintermonate. Auch Noldes tiefe Religiosität, bei der er sich von keiner Kirchendoktrin, sondern allein von seiner eigenen Innerlichkeit leiten ließ, stammte aus der bäuerlichen, nordischen Welt. In einer Truhe des Elternhauses gab es bemalte Christustafeln, die ihm wie „mystische Wunder“ vorkamen. Der sonntägliche Kirchgang als Fixpunkt der bäuerlichen Woche, die Bibel als einziges Buch im Haus, Brauchtum und Volksglaube: Später beteuerte Nolde immer wieder, wie stark seine religiösen Bilder von dieser Zeit bestimmt waren. „Die Vorstellungen des Knaben von einst, als ich während der langen Winterabende tief ergriffen alle Abend in der Bibel lesend saß, wurden wieder wach. Sie wirbelten in meiner Vorstellung immerzu vor mir hoch.“ Diese „reichste orientalische Phantastik“ malte er „wie in traumhafter Eingebung.“

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