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Berliner Zeitung | NS-Erholungszentrum auf Rügen: Umstrittenes Richtfest in Prora
03. June 2013
http://www.berliner-zeitung.de/6371474
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NS-Erholungszentrum auf Rügen: Umstrittenes Richtfest in Prora

Bauten des Block II der KdF-Seebad Prora Anlage stehen im Ostseebad Binz auf der Insel Rügen. Jetzt laden die Privatinvestoren zum fragwürdigen Richtfest.

Bauten des Block II der KdF-Seebad Prora Anlage stehen im Ostseebad Binz auf der Insel Rügen. Jetzt laden die Privatinvestoren zum fragwürdigen Richtfest.

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dpa

Rügen -

Da horcht selbst der flughafenleidgeprüfte Berliner auf: „73 Jahre nach Baubeginn wird am 15. Juni um 13 Uhr ,Richtfest‘ gefeiert.“ Alle Achtung, ja, dagegen nimmt sich die Dauerbaustelle in Schönefeld wie eine Petitesse aus. Aber Halt mal: 73 Jahre? Dann war der Baubeginn doch 1940...

Die frohe Botschaft vom endlich stattfindenden „Richtfest“ erreicht uns per Mail. Darin geht es um das „Immobilienprojekt ,Meersinfonie‘ in Prora Block 2 bei Binz im Nordosten Rügens“ und dortselbst wiederum um den „ersten Bauabschnitt Haus ,Aurum‘ (und) insgesamt 29 frisch sanierte Wohnungen im gehobenen Standard mit eigenem Strandzugang, Balkonen, Meer- oder Waldblick und einer an den Bauhaus-Stil angelehnten Innenausstattung“. Der Name „Meersinfonie“ soll auf ein „mehrgliedriges Musikwerk“ verweisen, erläutert der angehängte Vierfarb-Prospekt, schließlich liege das Projekt „eingebettet zwischen weißem Sandstrand, Dünen und Kiefernwäldern an der weitläufigen Meeresbucht ,Prorarer Wiek‘“

Das ist bestimmt ganz toll. Aber jetzt tief durchgeatmet: Wie müssen wir die Sache mit dem „Baubeginn“ denn nun verstehen? Schließlich ist der „Prora Block 2“ ein Teil des von den Nationalsozialisten geplanten und gebauten, allemal kolossalen „Kraft durch Freude“-Betonriegels an der Ostsee, auch „KdF-Bad der Zwanzigtausend“ genannt. Die Grundsteinlegung fand am 2. Mai 1936 statt, dem dritten Jahrestag des „Sturms auf die Gewerkschaften“, an dem die deutschen Gewerkschaften von den Nationalsozialisten zerschlagen worden waren. Die Anlage hatte dementsprechend den Zweck, die politisch heimatlos gewordenen Arbeiter wiederzugewinnen und sie ansonsten für die Kriegs- und Rassepolitik des Regimes zu begeistern.

Genau so wird es übrigens dem Besucher im „Dokumentationszentrums Prora“ erklärt, vor allem die Dauerausstellung „MACHTUrlaub“ sei hiermit auch den Betreibern des Immobilienprojekts „Meersinfonie“ empfohlen. Denn wer sich auf einen „Baubeginn“ beruft und nun das „Richtfest“ feiert, kann dem normalen Sprachgebrauch zufolge nur meinen, dass sich damit etwas vollendet. Was aber soll das sein? Die zu sich selbst gekommene KdF-Ideologie? Oder das, was mit ihr befördert werden sollte? Und warum ist nicht von 77 Jahren, sondern von „73 Jahre nach Baubeginn“ die Rede? Seit 1939/40 diente Prora als Ausbildungsstätte für Luftwaffenhelferinnen und ein Polizeibataillon. Auch nicht gerade eine harmlose Referenz.

Man stelle sich ein dermaßen annonciertes Immobilienprojekt nur einmal auf dem „Reichsparteitagsgelände“ in Nürnberg vor.