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Berliner Zeitung | Offener Brief an Berlin-Urlauber: Bitte feiern Sie leise!
22. July 2014
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Offener Brief an Berlin-Urlauber: Bitte feiern Sie leise!

An Hauswänden sprühen die geplagten Bewohner ihren Ärger.

An Hauswänden sprühen die geplagten Bewohner ihren Ärger.

Foto:

imago/IPON

Lieber Berlin-Besucher,

Sie haben sich dafür entschieden, Ihren Berlin-Besuch in einer über das Internet angemieteten Ferienwohnung zu verbringen. Wir verstehen Ihr Bedürfnis, eine billige Unterkunft in dieser schönen Stadt zu bewohnen und in einer – hoffentlich liebevoll eingerichteten – Wohnung zu einem moderaten Preis zu schlafen. Möglicherweise hat ihr Gastgeber/Vermieter allerdings vergessen, Sie auf eine Reihe von Tatsachen über Ferienwohnungen hinzuweisen, was wir hiermit gerne nachholen wollen.

Ihr Vermieter entzieht dem Berliner Immobilienmarkt durch die Ferienwohnung dringend benötigten Wohnraum. Im Schnitt verdient er durch die Vermietung einer “Fewo“ dreimal so viel wie durch die reguläre Vermietung oder Untervermietung. Entscheiden Sie selbst, ob Sie dazu beitragen wollen, Immobilienbesitzer diese Art von Rendite auf Kosten der Allgemeinheit zu ermöglichen.

Sollte Ihr Vermieter nicht Eigentümer des vermieteten Raums sein (schlafen Sie zum Beispiel im Kinder- oder Arbeitszimmer einer Mietwohnung), verletzt er wahrscheinlich seinen Mietvertrag und setzt sich der Gefahr der fristlosen Kündigung aus. Helfen Sie ihr oder ihm darum dabei, der Gefahr der Obdachlosigkeit zu entgehen, indem Sie sofort ausziehen.

Kolonnen von Rollkoffern

Ihr Vermieter ist dazu verpflichtet, die Einkünfte aus der Vermietung zu versteuern. Sollten Sie keine Rechnung mit ausgewiesener Steuer und Steuernummer inklusive Citytax erhalten, ist davon auszugehen, dass der Vermieter das Finanzamt betrügt. Dieses ist an einem kurzen Hinweis höchst interessiert. Die Steuern plus Strafen wegen Steuerhinterziehung tragen dazu bei, Berliner Straßen und Brücken zu sanieren, Kindergärten zu finanzieren, die weltberühmten Museen, Denkmäler und Parks zu bezahlen, die Sie bei Ihrem Besuch besichtigen, oder dazu, den Berliner Großflughafen nicht fertigzustellen.

Fragen Sie sich außerdem, ob Sie selbst in einem Wohnumfeld leben wollen, in dem ununterbrochen Kolonnen von ständig wechselnden Menschen mit Rollkoffern vorbeiziehen. Wenn das nicht der Fall ist, verlassen Sie diese Armee der Durchreisenden so schnell sie können.

Sollten Sie sich trotzdem entschieden haben, in Ihrer Ferienwohnung zu verbleiben, berücksichtigen Sie bitte, dass Sie lediglich die Ferienwohnung gemietet haben. Ganz egal, was Ihr Vermieter im Internet behauptet: Alles, was sonst noch zum Haus gehört, ist nicht Teil von dem, was Sie bezahlt haben. Der Garten im Hinterhof, die Grillecke, der Spielplatz, die Roller im Hof sind nicht für Sie und Ihre Kinder, sondern gehören der Hausgemeinschaft, beziehungsweise einzelnen Nachbarn.

Kein Kotzen und Urinieren

Auch wenn man es nicht extra erwähnen sollen müsste: Nicht erwünscht sind lautes Abspielen der Lieblingsmusik nach einer Rückkehr aus dem Berliner Nachtleben in den frühen Morgenstunden. Urinieren oder Kotzen im Hof oder im Treppenhaus, alkoholgetränkte, mäandernde Liebesschwüre und politische Diskussionen im Flur. Dreharbeiten in der Hofdurchfahrt. Nacktes Sonnenbaden auf dem Balkon Ihrer Ferienwohnung. Oder in Brand setzen der Gegenstände, die im für Sie zugänglichen Teil des Hauses zwischengelagert werden.

Sollten Sie das Bedürfnis verspüren, die angemietete Ferienwohnung zu Kleinholz zu verarbeiten, tun Sie dies bitte leise. Ihr Vermieter hat für diesen Fall sicher eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Andernfalls war er sträflich leichtsinnig, was aber nicht Ihr Problem ist, dafür haben Sie ja Kaution bezahlt.

Im übrigen hat der Berliner Senat die Vermietung von Privatunterkünften im April 2013 als „Zweckentfremdung von Wohnraum“ verboten. Für eine Übergangsfrist von zwei Jahren ist sie noch möglich, darum können Sie hier überhaupt noch Ihren Urlaub verbringen. Wir würden uns aber schon jetzt darüber freuen, wenn Sie das tun würden, was richtig und auf jeden Fall legal ist: In Berlin in den dafür vorgesehenen Beherbergungsbetrieben abzusteigen.

Dafür schon jetzt vielen Dank und eine schöne Zeit in Berlin,

Ihre unfreiwilligen Nachbarn.


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