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Online-Netzwerke: Eine Plattform für Paranoiker

Maxwell Salzberg, Diaspora-Gründer.

Maxwell Salzberg, Diaspora-Gründer.

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ARD

Berlin -

Wer keine Lust auf Facebook hat, kann bald zu Diaspora gehen. Nein, nicht in die Diaspora, zu Diaspora. So heißt ein soziales Netzwerk, das Mitte 2010 von vier amerikanischen Studenten ins Leben gerufen wurde. Ihr Versprechen: eine datenschutzfreundliche Alternative zu Facebook. Die Resonanz: „Ein Schock“, so die Gründer. Statt der erhofften 10.000 US-Dollar sammelten sie das Zwanzigfache an Spenden ein, Facebook-Chef Mark Zuckerberg adelte das Projekt als „coole Idee“. Doch solche Vorschusslorbeeren garantieren noch keinen erfolgreichen Start. Diaspora blieb in der Alpha-Phase stecken, Gerüchte über Sicherheitslücken und schlampige Programmierung machten die Runde. Doch jetzt scheint das Projekt zu neuem Leben erweckt. Bis Ende Oktober soll die Testphase beendet und allen registrierten Usern Einladungen zugeschickt werden.

Das Design von Diaspora hat sich verändert, orientiert sich nun an Google+ und wirkt weniger überfrachtet als bei Facebook; der Aufbau der Seite ist aber vergleichbar. Ursprünglich gab es keinen Like-Button, doch anscheinend kommt man daran nicht vorbei. Unter jedem Beitrag prangt jetzt ein „Gefällt mir“, auch das Teilen und Kommentieren hat man sich abgeschaut.

Alle Daten in der Hand der Nutzer

In Sachen Optik braucht man sich vor Facebook nicht verstecken, doch noch funktioniert nicht alles so reibungslos wie beim Konkurrenten: So werden nicht alle Browser voll unterstützt, es gibt Darstellungsprobleme bei einigen Bildschirmauflösungen und manchmal verschwinden Schaltflächen hinter falsch platzierten Pop-Ups. Freiwillige helfen bei der Übersetzung von Diaspora, die deutsche Version wirkt aber noch unfertig. Unter der Überschrift „Benötigst du Hilfe?“ heißt es: „Do you: eine #question? einen #bug gefunden? einen #feature Vorschlag?“

Diese Kinderkrankheiten lassen sich beheben. Und der entscheidende Unterschied zu Facebook ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen. Während Facebook sämtliche Daten auf einem einzigen Server archiviert, ist Diaspora dezentral organisiert. Alle Informationen sollen in der Hand der Nutzer bleiben, lokal auf ihren Rechnern gespeichert. Diaspora besteht aus vielen unterschiedlichen Pods, voneinander unabhängigen Servern, auf denen Benutzerprofile und Inhalte gesammelt werden. Diese sind untereinander vernetzt, so dass man mit allen Usern auf der ganzen Welt kommunizieren kann. Jeder kann einen solchen Pod betreiben, muss es aber nicht. Die Entscheidung für einen Server ist nicht endgültig; man kann jederzeit alle seine Daten exportieren und umziehen – nicht nur innerhalb von Diaspora, sondern auch zu einem anderen sozialen Netzwerk.

Die Konkurrenz ist alarmiert

Diaspora will die Daten seiner Nutzer gar nicht bekommen, Facebook lebt davon. Natürlich spielt der Weltkonzern mit seinem geschätztem Marktwert von 50 Milliarden US-Dollar und tausenden Angestellten wirtschaftlich in einer anderen Liga. Doch auch der Ansatz ist ein ganz anderer: Je mehr Facebook über seine Nutzer weiß, desto besser funktioniert der personalisierte Nachrichtenstrom. Und desto attraktiver wird Facebook für Werbekunden. Das ist nicht böse, das ist ein Geschäftsmodell. Das Unternehmen ist kein datensaugender Vampir, die Nutzer entblößen sich freiwillig. So ist Facebook zum digitalen Lebensarchiv von derzeit 800 Millionen Nutzern geworden.

Alternativen gibt es kaum: Myspace und Lokalisten sind längst tot, die VZ-Netzwerke so spannend wie eine Party ohne Gäste – oder, schlimmer noch, mit den falschen Gästen. Und Google rudert im Streit um den Klarnamenzwang auf seiner Plattform Google+ zwar zurück, hat sich bei der Netzgemeinde aber bereits nachhaltig unbeliebt gemacht. Selbst bedrohte Regimekritiker durften sich nicht mit Pseudonym anmelden, für Prominente wurden aber Ausnahmen gemacht.

In diese Marktlücke möchte Diaspora stoßen, die Konkurrenz verfolgt den Versuch aufmerksam. In ihrem Blog schreiben die Entwickler von Diaspora: „Wir sind stolz, dass Google einige unserer zentralen Funktionen nachgebaut hat.“ Sie beziehen sich dabei auf die sogenannten Aspects, die Google+ kopiert habe und unter dem Namen Circles verwende. Aspects sind Gruppen, denen man seine Kontakte zuordnen kann, zum Beispiel Freunde, Arbeit und Familie. Jeder Inhalt lässt sich dann mit einem ausgewählten Personenkreis teilen. Die Einladung zum Feierabendbier wird an Kollegen verschickt, während die Urlaubsfotos vielleicht nur für Bekannte zu sehen sein sollen.

Ein Alleinstellungsmerkmal von Diaspora ist der Open-Source-Ansatz: Im November 2010 haben die Entwickler den Quellcode veröffentlicht und zum Mitmachen aufgerufen. Den größten Teil der Arbeit leisten die vier Studenten, mittlerweile haben aber auch schon über 100 Programmierer ihre Ideen eingebracht. „Wenn jemand bewiesen hat, dass er mitarbeiten und einige grundlegende Regeln beachten will, gebe ich ihm dieselben Rechte wie mir selbst“, sagte Maxwell Salzberg, einer der Initiatoren, im Interview mit Technology Review.

Bitte um Spenden

Diaspora ist mehr als ein Hobby, die Gründer arbeiten inzwischen Vollzeit und bezahlen ihr Gehalt aus den 200 000 US-Dollar Startkapital. Doch die sind nun aufgebraucht. Kürzlich baten die Entwickler mit einer Rundmail um Spenden, um das Projekt am Leben zu erhalten. Innerhalb weniger Tage erhielten sie 45 000 US-Dollar, zwischenzeitlich sperrte PayPal das Spendenkonto. Das sorgte für Unmut, aber auch für jede Menge Aufmerksamkeit. Und das könnte Diaspora gerade recht kommen, denn das größte Problem sind die Nutzer – beziehungsweise deren Fehlen. Ein soziales Netzwerk lebt von seinen Mitgliedern. Die schönste Oberfläche nützt nichts, wenn niemand da ist, mit dem man reden kann.

Maxwell Salzberg und seine Freunde lassen sich dadurch nicht verunsichern. Myspace habe Facebook anfangs auch belächelt, heute lache nur noch Zuckerberg. Letztlich würden sich gute Ideen durchsetzen – und dass hinter Diaspora eine solche steckt, davon sind die vier Entwickler überzeugt.


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