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Oper im Heizkraftwerk: Kathedrale aus Beton

Das Kraftwerk während des Umbaus. Jetzt ist es ein Opernhaus.

Das Kraftwerk während des Umbaus. Jetzt ist es ein Opernhaus.

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Christian Schulz

Luigi Nono war kein Spaßvogel. Als er in den 60er-Jahren mit seiner Musik in Fabrikhallen ging und aus Fabrikgeräuschen elektronische Musik komponierte, verstand er das als Klassenkampf. Da standen noch richtige Arbeiter an den Maschinen, denen man zutraute, dass neue Musik sie zum Nachdenken über ihre Unfreiheit anhalten könnte. Wenn aber heute Musik in Fabriken erklingt, sind die Gebäude entkernt, die Maschinen fort, die Arbeiter nicht frei, aber „freigesetzt“. Industrieruinen sind Abenteuerspielplätze für Künstler geworden, das Publikum nähert sich mit Event-Erwartung. Der Ort ist nicht mehr, was er war, von seiner Aura jedoch will man zehren, wenn morgen Nonos Revolutions-Musiktheater „Al gran sole carico d’amore“ aufgeführt wird.

Jürgen Flimm hatte die Wiederaufnahme des Stücks durch die Staatsoper schon fest geplant, als er es, noch als Intendant der Salzburger Festspiele, 2009 in der Felsenreitschule durch Katie Mitchell inszenieren ließ. Dabei war von Anfang an klar, dass deren endlos breite Bühne aus mehreren Kammern und Leinwand in keinem Opernhaus und erst recht nicht im Schiller-Theater realisiert werden kann. Flimm träumte von einer Fabrik, einer Industriekathedrale, wie er sie aus seiner Zeit als Intendant der Ruhr-Triennale kannte. Das alte Kraftwerk Mitte schien geeignet, Katie Mitchell schwebte sogleich ein „Re-Design“ ihrer Produktion vor, und der Dirigent Ingo Metzmacher befand nach ausführlichem Händeklatschen die Akustik des 1964 gebauten und 1997 vom Netz genommenen Kraftwerks für ideal.

Als der Rias-Kammerchor im letzten September hier von verschiedenen Stellen aus ein Programm sang, wandelte der Hörer im schummrigen Licht noch durch einen leeren, von Betonträgern geradezu kathedralartig in Haupt- und Seitenschiffe gegliederten Raum. Am Donnerstag aber ist im Kraftwerk Mitte ein fast vollständiges Opernhaus zu besichtigen, das der Technische Direktor Hans Hoffmann als gleichsam schwebenden Raum im Raum gestaltet hat. Den hat man sich etwas kosten lassen.

Laut Flimm belaste diese Koproduktion mit den Salzburger Festspielen den mit 42 Millionen Euro subventionierten Staatsopernetat nicht stärker als eine große Verdi-Oper. Den Umbau des Kraftwerks bezahlen der Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper (250000 Euro) der Hauptstadtkulturfonds (215000 Euro). Den kulturellen Kollateralschaden aus dem Anzapfen des Hauptstadtkulturfonds – gegen die Empfehlung seiner Jury bewilligt von Staatskulturminister Neumann und Kultursenator Wowereit – beziffert Flimm jovial und vage mit „zwei kleinen Kreuzberger Theatern“, denen die Förderung nun fehlt. Dass das Werk eines bekennenden Kommunisten auf derart asoziale Weise zustande kommt, ist pikant; angemessen wäre wohl eher feudale Barockoper.

Die Bühne im Kraftwerk schafft jedenfalls, was man für das Geld erwarten kann: Sie beeindruckt. Man betritt die Tribüne durch den alten Staatsopern-Vorhang, den Hoffmann aus dem Sanierungsfall Unter den Linden gerettet hat. Er schafft nicht nur ein beeindruckendes Entrée, sondern ist auch funktional: Er vereinfacht das Heizen des Raums und begrenzt den Nachhall.

Die Umwandlung des Kraftwerks in ein Opernhaus begann im Modell. Auch wenn die gefundene Lösung so aussieht, als könnte sie nicht anders sein, erwog man zu Beginn eine um 90 Grad gedrehte Ausrichtung; dadurch wäre eine breitere Spielfläche entstanden, die das Salzburger Nebeneinander von Bühne und Leinwand vielleicht hätte fassen können. Doch stellte Katie Mitchell fest, dass die Anordnung der Leinwand über der Bühne der Konzentration des Betrachters entgegen kommt. In diesem Sinn begann Hans Hoffmann, das Theater neu zu erfinden.

Noch als Student der Theater- und Veranstaltungstechnik begann Hans Hoffmann an der Freien Volksbühne zu arbeiten. Seine Arbeit an der maroden Staatsoper und der Umbau des Schiller-Theaters zur Opernbühne machte ihn krisenfest. Wenn er beschreibt, wie man einen Orchestergraben bauen muss – dass die in ihm sitzenden Musiker sich selbst und die Sänger auf der Bühne das Orchester hören müssen, der meiste Klang zugleich aber in den Saal abstrahlen muss – dann ahnt man, dass Hoffmann um unzählige künstlerisch-technische Details weiß, die er hier realisieren musste. Er legt denn auch Wert darauf, dass ein Technischer Direktor genau wissen muss, worum es in einer Oper geht, andernfalls kann er den Künstlern kein gültiger Partner sein. Das Auf und Ab seiner Stimmungskurve so kurz vor der Premiere gleicht bereits der Katie Mitchells.

Die Zusammenarbeit mit den Künstlern sei enger denn je gewesen, sagt Hoffmann. Wessen Forderungen waren denn am schwierigsten zu erfüllen? Den meisten Aufwand bereitete die Infrastruktur, das Anlegen von sicheren Garderoben, Kantinen für über hundert Leute (möbliert aus dem Fundus), Probenräumen (einer ist im früheren Steuerungsraum) – kurz alles, was ein Kraftwerk überhaupt erst zum Theater macht. Nicht zuletzt mussten feuerpolizeiliche und statische Gutachten eingeholt werden.

Und das alles für nur fünf Aufführungen mit zusammen nicht einmal 5000 Zuschauern? Kann man die Bühne anderweitig nutzen? Synergie-Effekte gibt es laut Hoffmann durchaus. So hat man sich die Kosten für die Tribüne mit „Flying Bach“ geteilt, die schon im Dezember 13 Aufführungen hingelegt haben und Ende März wiederkommen; für ihre Breakdance-Show zum Wohltemperierten Klavier brauchen sie jedoch eine andere Bühne. Pläne für eine weitere Bespielung gibt es noch nicht. Unser Vorschlag im Sinne Nonos: Stellt das Kraftwerk den eingegangenen Kreuzberger Theatern als spektakuläre Spielstätte zur Verfügung; die Staatsoper kümmert sich um die Werbung.

Kraftwerk Mitte, Köpenicker Str. 70 , 1., 3., 5., 9., 11. März, Tel. 20354555

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