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Ophüls-Festival: Voller Kraft und Liebe zum Kino

Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Haus, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläubigern zum Fraß vorgeworfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit der Alten weiterfließt – ein Opfergang von ganz irdischem, also ungeheurem Ausmaß.

Arthur Schnitzler schrieb „Fräulein Else“ im Jahr 1924, vor der Weltwirtschaftskrise – voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit voraus, handelt es sich doch um den ersten inneren Monolog der Literaturgeschichte. Das ist schwer für Filmemacher und im Gegensatz zu anderen Schnitzler-Stoffen wurde diese Novelle kaum verfilmt.

Anna Martinetz hat es jetzt gewagt, mit wunderbarem Ergebnis, den die Regisseurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken hat. Im Wettbewerb des Saarbrücker Festivals Max-Ophüls-Preis hatte Martinetz’ Version Premiere. Sie lässt den Stoff unter Deutschen in einem postkolonial-dekadenten, zugleich prachtvoll traumverwunschenen Indien spielen, in dem alles dem Verfall preisgegeben scheint – bis auf die Natur, die hier in Gestalt von Tigern und Elefanten wild und überlegen auftritt.

Dies ist so fantastisch wie klug wie fürs Publikum mitreißend – und trifft ins Herz der Zeit, weil Martinetz eine moralisch korrupte Elterngeneration zeigt, die die Zukunft ihrer Kinder verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser. Dieser beste Film im Wettbewerb wurde aber leider von der Jury ebenso ignoriert, wie Johanna Moders „High Performance“, der immerhin den Publikumspreis bekam, und Rick Ostermanns „Wolfskinder“, Highlights in einem starken Saarbrücker Jahrgang, der viele Filme voller Kraft, Spielfreude, Farben und Liebe zum Kino bot.

Stattdessen folgte man bei den Preisen dem neuesten Trend des deutschen Kinos: Sowohl Jakob Lass’ Outsider-Amour-Fou „Love Steaks“ (Ophüls-Preis) als auch Isabel Subas Filmszene-Satire „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ verbinden Newcomer-Charme und aktiv ausgestellten Unabhängigkeitsgestus mit britisch geschultem Sozialrealismus und Arte Povera. Das ist clever gemacht und gut anzusehen; aber soll das die Zukunft des deutschen Kinos sein?

Trotz allem Indie-Flair sind beide Filme eher auf der sicheren Seite. Ostermanns „Wolfskinder“ über elternlose Kinder im Nachkriegschaos 1946 etwa sieht man an, dass er die Regiearbeiten Roberto Rossellinis ebenso kennt, wie die von Terrence Malick, und sich nicht naiver stellt, als er ist – vielmehr versucht er an die großen Vorbilder anzuknüpfen. Manchmal gelingt das auch.

Große Vorbilder haben auch Johanna Thalmann (München) und die Lisa Violetta Gaß (Berlin). Thalmann verfilmte mit „Mute“ eine Kurzgeschichte von Stephen King, eine sehr souveräne Fingerübung, die Horrorfilm mit Roadmovie-Motiven mischt. Gaß’ „A promised rose garden“ spielt in der vietnamesischen Community Berlins und verbindet gekonnt das Gangstergenre mit dem Melodram – ein leidenschaftlicher Film.

Beide mittellangen Werke vereint das untergründige Sujet des „Desperate Housewifes“, verzweifelter, nicht mehr ganz junger Frauen, sozusagen erwachsener „Fräulein Elses“ – und weil beide von Regisseurinnen stammt, muss man vermuten, dass hier auch eigene Ängste vor Liebesschmerz und weiblicher Abhängigkeit in Männerwelten verarbeitet werden. Das waren zwei herausragende filmische Visitenkarten – wieder einmal erweist sich Saarbrücken jenseits aller Jurygeschmäcker als beste, verlässlichste Talentschmiede und Nachwuchsschau des deutschen Films.


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