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Orpheus führt Eurydike aus der Unterwelt ins Eigenheim

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Nadine Sierra (Amor), Bejun Mehta (Orfeo), Anna Prohaska (Euridice) und Wolfgang Stiebritz (Jupiter – v. l.) im Architekten-Bühnenbild.

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dpa

Berlin -

Der Orpheus-Mythos endet blutig: Da er nach dem zweiten Tod seiner Eurydike dem weiblichen Geschlecht nicht länger zur Verfügung stehen mag, wird er von den Mänaden zerrissen und in den Hebros geworfen. Schon Claudio Monteverdi wollte seinen „Orfeo“ so nicht enden lassen – Apollo greift ein und versetzt den Sänger in die Unsterblichkeit.

In Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ tritt Amor auf und setzt die göttliche Bedingung – schau Eurydike auf dem Weg aus der Unterwelt nicht an! – außer Kraft: Er führt die Liebenden wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Erneut hat Orpheus mit seinem Gesang – dem berühmten „Che faró senza Euridice“ – das Schicksal bezwungen. Aber dem Ende haftet etwas Unglaubwürdiges an, etwas Theatermechanisches, hinter dem man die Tragik noch erkennen kann. Glucks Schlusschor scheint das zu reflektieren: Das Stück wird nicht rund, sondern bricht ab.

Jürgen Flimm schickt diesem Chor in seiner Inszenierung an der Staatsoper am Schiller-Theater noch ein trauriges Stück mit solistischer Flöte hinterher, in dem der Glanz des Schlusstableaus verlischt und Orpheus auf leerer Bühne allein bleibt, aus dem leeren Geigenkasten Eurydikes Grab bestreuend wie zu Beginn. Die nachtschwarze Verzweiflung dieses wortlosen Schlusses ist der stärkste Moment eines eher harmlosen Abends, der indes den Zuschauern Festtags-Preise bis 260 Euro für eineinhalb pausenlose Stunden abverlangte.

Bühnenbild aus Architektenhand

Allerdings verstand man sich auch darauf, die Produktion künstlich zu verteuern: Mehrfach soll Flimm nach Los Angeles geflogen sein für Treffen mit dem Architekten Frank O. Gehry, der sich etwas für das Bühnenbild einfallen lassen sollte. Man weiß allerdings nicht, wer sich was einfallen ließ, der Besetzungszettel faselt von einer „Kooperation mit Gehry Partners“, der sich die Szenerie verdankt.

Flimm – oder wer auch immer – siedelt den Beginn in einem Krematorium an, eine gesichtslose Menge kondoliert dem Witwer im schwarzen Anzug, der seine Klagelaute ins Ritual mischt. Die Unterwelt besteht aus einem Zug des Chores mit Ku-Klux-Klan-Mützen, und erst bei den seligen Geistern glaubt man ein gewissen Frank O. Gehry-Einfluss zu erkennen: Da dient ein buntes, scheinbar regellos – oder auch „dekonstruktivistisch“ – gefaltetes Gestell dem Chor als skulpturale Sitzgelegenheit. Von hier empfängt Orpheus seine Gattin, und ihr Weg führt durchaus aus der Unterwelt in ein Eigenheim, dessen praktische Klappbarkeit aus Sicht des berühmten Architekten nur ein ironisches Zitat moderner Design-Tristesse sein kann.

Die Hölle, das sind die anderen. Trotz offenbar erfolgreicher Rettungsmission mag Orpheus seine Frau nicht mehr ansehen. Die Frau ist wieder da, aber das Verhältnis stimmt nicht mehr. In den antiken Erzählungen, bei Vergil oder Ovid, hat Orpheus seine Sehnsucht nicht im Griff, bei Monteverdi kommt ein Misstrauen hinzu, ob Eurydike auch folgt.

Gluck erzählt realistischer von einer quengelnden Gattin, die sich die permanente Rückenansicht ihres Mannes nur mit dessen mangelnder Liebe erklären kann. Diesen so banalen wie zersetzenden Beziehungsknatsch setzt Flimm szenisch um. Dazu passt der stereotyp gefühlvolle Stimmeinsatz von Anna Prohaska als Eurydike, die aufgelöst im Nachthemd zwischen Bett und Geliebtem hin und her eilt. Bejun Mehta versucht den Aufruhr irgendwie zu moderieren, aber macht damit alles noch schlimmer – wie im richtigen Leben eben.

Rätselhafte Einstimmigkeit

Mehta wurde am Ende der Premiere am Freitag mit gewaltigem Beifall bedacht für einen unaufdringlich tragenden Orpheus und die in der Tat sehr schön gesungene Lieblingsarie der Oper. Dass die Höhe klanglich nicht optimal beherrscht war, sei zumindest erwähnt. Anna Prohaska singt wesentlich kontrollierter, aber bleibt doch darstellerisch etwas blass wie auch Nadine Sierra als Amor .

Auch gegen Flimm wollte beim Schlussapplaus niemand etwas hervorbringen und gegen Daniel Barenboim erst recht nicht. Der hat im Interview mit dieser Zeitung erklärt, dass er sich von den historischen Aufführungspraktikern, die sich schon lange für Gluck zuständig fühlen, anregen, aber nichts vorschreiben lässt. „Orfeo ed Euridice“ von 1762 ist die älteste Oper, die Barenboim jemals dirigiert hat. Der Klang der Staatskapelle ist oft morsch und ein bisschen nervös, als fühlten sich die Musiker in der eher kleinen Besetzung etwas allein. Sehr weich mischen sich Posaunen und Flügelhorn in den Streicherklang.

Barenboim interessiert sich nicht für die barocken Traditionen, für das, was Nikolaus Harnoncourt „Klangrede“ nannte. Barenboim ist den harmonischen Strömungen dieser Musik auf der Spur – schon die Ouvertüre ist bei ihm in ihren Wechseln von festlichem Gepränge zu lauernden Harmonien und rätselhafter Einstimmigkeit ein Stück voller Geheimnisse. Indes glückt die Verbindung von weichem Klang und rhythmischer Spannung nicht durchweg – manchmal klingt Barenboims Gluck schlicht ziemlich altmodisch. Und im Zusammenwirken mit dem nicht sonderlich konturierten Chorklang erhält man gar den Eindruck, diese „Orfeo“-Produktion sei eine eher lahme Sache.


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