E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Ozon-Film: Kunst hilft nicht, ist aber schön

Emmanuelle Seigner (v.l.) als Esther, Ernst Umhauer als Claude und Denis Menochet als Rapha in dem Thriller "In ihrem Haus" von Francois Ozon.

Emmanuelle Seigner (v.l.) als Esther, Ernst Umhauer als Claude und Denis Menochet als Rapha in dem Thriller "In ihrem Haus" von Francois Ozon.

Foto:

Concorde Filmverleih

Wie erzählt man eine Geschichte? Wie baut man Spannung auf, entwirft Charaktere, hält den Leser in Bann? Und warum erzählt man überhaupt? Alles, was der Lehrer Germain (Fabrice Luchini) seinen Schülern beibringen will, steht auch am Beginn der Arbeit an einem Drehbuch. François Ozons neuer Film, sein dreizehnter, gibt Einblick in den Dialog des Filmemachers mit sich selbst – und liefert den besten Beweis dafür, dass der Einzug einer Meta-Ebene alles andere als nur selbstreferenziell und öde sein kann.

Seinen Film „In ihrem Haus“ könnte man als Krimi bezeichnen, in dem niemand zu Tode kommt. Oder als Liebesdrama ohne Liebespaar, als Komödie ohne Happy End. Ozon hat einen Grad an Virtuosität erreicht, an dem er zwischen den Genres hin- und herspringen kann, ohne jemals die Balance zu verlieren. Es gibt keinen toten Punkt in diesem Film, nie verliert er seinen treibenden Rhythmus, seinen beißenden Witz. „In ihrem Haus“ ist ein spiegelglatter, perfekt durchstrukturierter Film. Sein Vorgängerfilm „Das Schmuckstück“ , eine Parodie auf die französischen Filmmusicals, hatte dagegen viel Ungehobeltes, nicht nur wegen Gerard Depardieu.

Das Spiel mit der Kinotradition gehört zu Ozon genauso wie seine suchende Beschäftigung mit den Themen Tod, Sexualität und Einsamkeit. In seinem neuen Film gelingt ihm eine Art Synthese seiner beiden Parallel-Welten. Wieder gibt es den einsamen jungen Mann von androgyner Schönheit – den Schüler Claude (Ernst Umhauer) – und wieder den snobistischen Biedermann, – den Lehrer Germain – der schnell zur komischen Figur wird. Fabrice Luchini, der ihn spielt, ist hier in Höchstform zu sehen.

Die Kunst der Intrige

Natürlich ist es der Schüler, der dem Lehrer eine Lektion erteilt. Der Junge hat eines jener teuflischen Engelsgesichter, die in Ozon-Filmen fast so häufig anzutreffen sind, wie Putten in einer Barockkirche. Claude ist ein mutterloser Sohn, der seinen arbeitslosen Vater morgens aus dem Bett heben muss. Ein Junge aus einem Viertel, in das Bürgerkinder keinen Fuß hineinsetzen würden. Dank seiner Begabung – er ist ein brillanter Schüler und gibt einem wohlhabenden Mitschüler Nachhilfe – schafft er den Zutritt in ein Milieu, das er ersehnt und zugleich verachtet. Selten war Ozon so ernsthaft interessiert an sozialen Klassen und deren Erosion, selten auch so sensibel für deren Ängste. Schlägt sich da die Krise nieder?

Claude jedenfalls saugt sich vampirisch an die Mittelschichts-Familie an und verarbeitet seine Beobachtungen zu einem Fortsetzungs-Roman, den er seinem Lehrer als Schreibübung abliefert. Der aber gebärdet sich plötzlich moralisch – nein, das darf man nicht – und kaschiert damit nur schlecht den eigenen Voyeurismus. Ozon führt ihn als frustrierten, aber nicht ganz humorlosen Pedanten ein, der weder seiner Frau zuhört, noch seinen Schüler zu Wort kommen lässt. Zur Strafe enthüllt er ihn dann auch noch als gescheiterten Schriftsteller. Nein, von diesem Lehrer ist nichts zu lernen.
Claude hingegen beherrscht die Kunst der Intrige perfekt. „Es gibt immer einen Weg hinein“, sinniert er am Ende, als er mit dem Lehrer draußen auf einer Bank sitzt und in die Fenster eines gegenüberstehenden Wohnhauses guckt. Was könnte sich in diesen Wohnungen, in diesen Leben abspielen? Mit dieser Frage beginnt jede Erzählung.

In ihrem Haus (Dans la maison) Regie u. Buch: Francois Ozon; Kamera: Jérôme Alméras. Mit Fabrice Luchini, Kristin Scott Thomas, Emmanuelle Seigner, Ernst Umhauer. 105 Min., FSK ab 12.