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Péter Farkas über das Alter: „Ich weiß nicht, was Demenz ist“

Péter Farkas, Schriftsteller

Péter Farkas, Schriftsteller

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picture alliance / Frank May

Fangen wir mit etwas Hässlichem an. Ein Freund von mir, der sich auf seine alten Tage mit chronischer Verstopfung plagt, ein echter geistiger Gourmet, ein fein ziselierter Geist, platzte bei meinem letzten Versuch also heraus: „Wie kann ein Mensch nur so abhängig sein von der Scheiße in ihm? Wie soll ich so jemals frei sein?“ Unzweifelhaft ist das eine schwerwiegende Frage. Denn sie ist in Wahrheit eine nach der geistigen Autonomie.

Im Moment denke ich, eine grundlegende Voraussetzung für geistige Autonomie ist das Freisein von Schmerz und Furcht. Ich betone: im Moment, denn ich möchte die Möglichkeit nicht ausschließen, dass ich im nächsten „Moment“ ganz anders darüber denken werde.

Im Zustand von Schmerz- und Furchtlosigkeit ist das Bewusstsein, vermutlich, „unbewegt“ und „leer“. Die „Leere“ zum Beispiel stelle ich mir so vor wie die Leere in der Teetasse, die gerade auf dem Schreibtisch vor mir steht. Für den Menschen, die Kreatur muss das der optimale Zustand sein, und ich nehme an, das wäre die höchstmögliche Stufe der geistigen Autonomie. Das einzige Problem ist, dass in so einem Zustand keine Kunst entsteht.

Als Schriftsteller wünsche ich mir also doch keine uneingeschränkte geistige Autonomie. Ich verlange doch Schmerz und Furcht zurück. Meinen Körper.

Der hautnahe Verfall des Körpers

Machen wir uns keine Illusionen: Altwerden ist schrecklich. Natürlich ist es schrecklich. Schließlich erleben wir im Wortsinne hautnah den gnadenlosen, unaufhaltsamen und nicht umkehrbaren Niedergang des Körpers. Unseres Körpers. Und damit die Vernichtung des „Ichs“, unseres Ichs. Wobei es sein kann, dass das Ich eine pure Illusion ist. Aber was fange ich mit dem verrottenden Fleisch an? Mehr noch: mit meinem eigenen verrottenden Fleisch?

Um die Wahrheit zu sagen, ein wenig langweilt mich dieses „Demenz-Festival“. Plötzlich scheinen einen Menge Leute entdeckt zu haben, dass sie irgendwo eine halb verblödete Großmutter haben, einen verkalkten Großvater, einen geistig ab- oder umgebauten Onkel. Die Medien brauchen natürlich immer neues Futter, Burnout, Kindermißbrauch (etc). halten nicht ewig vor, von Angelina Jolies amputierten Brüsten ganz zu schweigen. Zweifellos ist es lebensnotwendig, die Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Überalterung der westlichen Gesellschaften ergeben, permanent zu diskutieren. Das Thema wirft eine ganze Reihe existenzieller und ethischer Fragen auf.

Die Antworten, die die folgenden Generationen darauf geben werden, werden das Antlitz der Gesellschaften kommender Jahrzehnte grundlegend bestimmen. Und es ist nur scheinbar nur von Demenz, vom Altern die Rede. Ich möchte gerne zuversichtlich sein, aber es gelingt mir nicht so recht. Ich gebe zu, ich habe Angst vor jenem Gesicht, an dem ich ablesen kann, dass sein Träger genau weiß, was normal ist und was nicht, und was vom sogenannten Normalen abweicht, würde er sofort umerziehen, einer Therapie unterwerfen oder bestrafen.

Ich habe Angst vor dem Blick, der genau Bescheid zu wissen glaubt über meine Bedürfnisse und sich daher für meine Meinung gar nicht mehr interessiert. Ich habe Angst vor dem Mund, der mit todsicheren Definitionen jede Verordnung begründen kann, die ausschließlich nach seinem eigenen Wertesystem verfährt, und dieses Wertesystem ruht ausschließlich auf materiellen oder fiskalen Fundamenten. Ich fürchte mich vor den Augen und Ohren dessen, der „Unruhestifter“ sofort aus seiner Umgebung entfernt (einweist, verbannt, interniert etc.). Und ich fürchte mich vor der Haut, die den Hässlichen, den Anderen, den Kranken, den Toten nicht berühren mag.

Die Liebe und das Sterben

Ja, ein wenig langweilen mich die vielen schönen Bücher, Filme, Ausstellungen und Konferenzen über die altersbedingte Verblödung. Natürlich bin ich auch schuld, schließlich gibt es auch meinen Roman „Acht Minuten“. Die Wahrheit ist, als ich vor bald 10 Jahren das Buch schrieb, dachte ich nicht, einen „Demenz-Roman“ zu schreiben. Ich wollte über die Liebe schreiben und natürlich über den Tod, das Sterben. Ich habe nie über etwas anderes geschrieben. Es hat mich nie wirklich etwas anderes interessiert als die Frage, wie man sprechen kann, wenn die Fähigkeit zu sprechen doch gerade am Verschwinden ist, wenn die Sprache ihre Gültigkeit verliert, wenn sie im Körper ertrinkt.

Wie lange kann man aus solchen Extremsituationen „herausreden“? Giorgio Agamben schreibt: „Es gibt keine Stimme für das Verschwinden der Stimme... Wer es übernimmt, für sie Zeugnis abzulegen, weiß, dass er Zeugnis ablegen muss von der Unmöglichkeit, Zeugnis abzulegen.“ Aber das ist doch die Kunst! Auf dem höchst möglichen Niveau zu scheitern. Spätestens seit Beckett weiß das jeder Künstler, es sei denn, er ist zu naiv oder dumm.

Ich weiß nicht, was Demenz ist. Wahrscheinlich immer anders, abhängig vom physischen, geistigen, mentalen und psychischen Zustand und von der Umgebung. Statt meiner wissen es jedoch viele, Wissenschaftler, Ärzte, Gerontologen, Pfleger, mit allen möglichen Führerscheinen ausgestattete Alterungsexperten. Als meine 94jährige Urgroßmutter meine 70jährige Großmutter in den Schreibwarenladen schickte, sie möge ihr ein liniertes Heft kaufen, fragte meine Oma nicht viel, sondern ging in den Laden und kaufte ein liniertes Heft. Nur ich fragte die Uri, wozu sie so was brauche. „Na, Anfang der Woche fängt doch die Schule an“, sagte sie. Ich glaube nicht, dass irgendjemand die Uri für blöd oder krank gehalten hat. Sie war einfach alt. Sah kaum etwas, hörte kaum etwas, ihre Knochen hielten sie kaum mehr aufrecht. Aber sie galt weder als augenkrank, noch als knochenkrank.

Wer für krank erklärt wird, mit dem stimmt etwas nicht, dem fehlt etwas. Meist wird er separiert und behandelt. Das Altsein kann man aber nicht heilen, ebenso wenig wie die Selbstauflösung des alternden Gehirns oder die Veränderung des Bewusstseins im Alter. Und das Isolieren hilft im Alter nur in den seltensten Fällen. Wenn wir Bedingungen schaffen, innerhalb derer es keine Wahlmöglichkeit gibt, muss man natürlich auch nichts mehr begründen.

Ich weiß nicht genau, was Demenz ist, aber sie läuft scheinbar genauso ab wie das Altern selbst. Jeden Tag verlieren wir etwas, jeden Tag müssen wir etwas loslassen. Ein permanentes Zurücknehmen, im günstigen Fall in beiderlei Bedeutung des Wortes. Ich reduziere, nehme etwas zurück oder erlange etwas wieder, das einst mir gehörte, aber im tüchtigen, fleißigen „Normalen“ Alltag verloren ging, begraben von den Werktagen eines aktiven, arbeitsreichen Lebens .

Altern ist nichts für Feiglinge

Die Uri war, bevor sie sich mit 94 Jahren für die Schule bereit machte, eine lebendige, flinke Frau. Die Arbeit brannte nur so unter ihrer Hand, es gab keinen Moment an „Leerlauf“ in ihrem Leben. Bis sie auf einmal langsamer wurde. Sie wurde nicht „beizeiten“ fertig mit Dingen, sie lächelte nur und sagte, sie würde am nächsten Tag weitermachen. Manchmal saß sie Stunden lang auf der Terrasse und betrachtete versunken das Schaukeln der Baumkronen oder die Insekten, die auf dem Steingeländer hin und her krabbelten. Millionen Kleinigkeiten fielen aus ihrem Gedächtnis, ihr Geist aber schien sich auszudehnen, als hätte das Vergessen Platz in ihrem Gehirn geschafften. Unterdessen ächzte sie natürlich, wehklagte und fluchte, verwünschte mehrmals am Tag das Alter. Ich wusste es noch nicht, aber ich ahnte bereits: „Älter werden ist nichts für Feiglinge.“

Was für eine Subversion! Zurücknehmen, verlangsamen, loslassen, wo wir doch darauf dressiert sind, zu erhöhen, zu beschleunigen, etwas zu ergattern. Gegenstände, Fähigkeiten, Wissen, Erfahrung, Eigenschaften, vor allem jene, die im monetären Sinn einen Preis haben, und die es möglich machen, noch mehr zu ergattern. Möglichst ein ganzes Leben lang, Tag für Tag, Stunde für Stunde, ununterbrochen.

Es ist schwer, die Notausgänge zu finden, wenn der Druck unerträglich geworden ist, und die Auswege führen nicht immer in idyllische Landschaften. Zumeist jedoch bemerken wir nicht einmal, dass unser Organismus gesättigt ist, die viele unnötige Materie presst sich durch die Poren in uns hinein, mehr noch, wir empfinden gerade dieses Gesättigtsein als natürlichen, angenehm erscheinenden Zustand. Wie prächtig ist es, noch mit achtzig ins Fitness-Studio zu gehen, Wildwasserrafting zu machen, zur Seniorenuni zu gehen, steinhart zu erigieren, den Mount Everest zu besteigen.

Ich glaube, ich wäre lieber sorgenlos impotent, etwas aus der Zeit gefallen, faul und verträumt. Die Wahrheit ist, ich sitze schon heute, 37 Jahre vor der Uri gerne Stunden lang auf der Terrasse und betrachte die auf dem Steingeländer hin und her krabbelnden Insekten oder die sich wiegenden Baumkronen, und es ist mir keineswegs zuwider, die unter mir wuselnde ameisengleiche Welt zu vergessen.

Vor der Hölle hingegen fürchte ich mich. Vor der durch listenreiche Ärzte ausgetricksten biologischen Uhr oder vor falschen Verbindungen zu der Natur. Vor dem noch atmenden Kadaverbrunnen des Alterns, und sei es einer der Luxuskategorie. Wo es kein Zurücknehmen, keine Verlangsamung, kein Loslassen gibt, sondern nur noch Terror. Der kalte Terror des schwarzen Mannes, der mich keinen Augenblick allein lässt und jeden Augenblick mein Menschsein mit den ausgesuchtesten Mitteln verhöhnt. Ja, Altern ist nichts für Feiglinge.

Ich möchte diesen Körper noch eine Weile behalten. Denn nur mit ihm kann ich Lust und Qual spüren, mit ihm und durch ihn träumen und mich erinnern an Rausch und an Scheitern, und er ist es, den ich auch fürs endgültige Scheitern brauche, der an seinem Endpunkt dennoch nicht verlieren bedeutet. Denn nur der verliert, der Nein zum Tod sagt, zum Sterben, und dadurch auch zum Leben. Ich freue mich nicht unbedingt, dass ich sterbe. Aber ich stimme dem zu.

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora

Die Essays unsere Serie über „Das Alter“, hier in gekürzter Fassung wiedergegeben, werden im Rahmen des „Wissenschaftsjahres 2013 - Der demographische Wandel“ beim internationalen literaturfestivals berlin (ilb) vom 3. – 15. September in Bibliotheken und Buchhandlungen ausführlich vorgestellt.

Weitere Informationen www.literaturfestival.com und www.demografische-chance.de


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