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Peter Sloterdijk Philosophisches Quartett: Der Dieter Bohlen der Philosophie

Peter Sloterdijk (li.) und Rüdiger Safranski.

Peter Sloterdijk (li.) und Rüdiger Safranski.

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ZDF

Fies das: Die Klientel des Philosophen Richard David Precht gleiche eher der von André Rieu, den hörten auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung. Sprach der Philosoph Peter Sloterdijk. Wär’s Fußball, wär’s ein Beispiel für die Abteilung Frustfoul, rotgefährdet.

Aber verständlich: Zehn Jahre und 63 Sendungen lang hat Sloterdijk mit seinem Denkkumpel Rüdiger Safranski für das ZDF mit dem „Philosophischen Quartett“ versucht, die Philosophie gegen ihre Liebhaber zu verteidigen, immer mit zwei Gästen, immer grundlegende Fragen („Ist die Welt noch zu retten?“, „Universum ohne Gott?“).

Der neue Obersofaphilosoph

Nun aber, befanden die verantwortlichen ZDF-Programmgötter, sei das Format „auserzählt“ und Zeit für eine andere, frischere Weise des Fernsehphilosophierens, ab kommendem Herbst mit eben jenem Bestsellerdenker Precht, den Sloterdijk allein schon deshalb angiften muss, weil dieser in seinem Revier wildert: in einem popularisierenden Sofaphilosophentum, das sich darin gefällt, der schlechten Welt schöne Sätze zu machen.

Und wenn Precht der Rieu unter den Philosophen sein sollte, ist Sloterdijk – der Dieter Bohlen, den vor allem Herren über fünfzig in spätzynischer Stimmung lesen. Denn Sloterdijk versetzt alles, was da denkt und schreibt in dieser Republik, in den Kandidatenstatus, verhält sich zu seinen mitphilosophierenden Zeitgenossen also wie Bohlen zu den Sangeskandidaten in „Deutschland sucht den Superstar“, als Dauerchecker, als ein Notenverteiler und Zeugnisaussteller, dem es darum zu tun ist, sich selbst als urteilsverkündenden Hochsitzinhaber zu gefallen.

Selbst Safranski kam neben ihm nie über einen Oberassistentenstatus hinaus. Insofern passt der Karlsruher Professor hervorragend ins Talkshowformat. Insofern auch verständlich, dass er gegen Precht grätscht, weil dieser noch besser passt: spricht schön, denkt klar, hat immer den zweiten Hemdknopf geöffnet.

Die endlosen Nebensätze kommen nicht mehr an

Dagegen kommt Sloterdijk mit seiner Selbstverliebtheit ins Trippelspiel der eigenen Nebensätze nicht an. Deshalb also das Frustfoul.

Deshalb auch das Thema der letzten, enervierend eitlen Sendung: „Die Kunst des Aufhörens“. Wenn man schon abgesetzt wird, soll’s wenigstens kunstvoll veredelt daherkommen. Dachte Sloterdijk. Und das Schicksal hat ihm ein schönes Geschenk gemacht: Safranski fehlte krankheitsbedingt.

Also saß Sloterdijk gönnergeckenhaft mit seinen Gästen Martin Walser (Schriftsteller) und Michael Krüger (auch Schriftsteller, zudem Chef des Hanser Verlags) und hoffte, durch sie zum Aufhörkünstler verklärt zu werden. Walser aber hat ihm den Dienst verwehrt – und Sloterdijk konsequent als einen genommen, der von seinem Fernsehphilosophenamt gar nicht zurücktreten könne. „Hören Sie bloß nicht auf!“, rief Walser.

In einer Sendung, in der nicht im Ansatz auch nur eine Sekunde Philosophie betrieben, also um Erkenntnis gerungen wurde, war diese Frage Walsers der Höhepunkt: „Vermissen Sie sich nicht selbst, wenn Sie im Fernsehen nicht mehr auftreten?“

Antwort Sloterdijk: „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die erst aus dem Fernsehen von ihrer Existenz erfahren.“ Aber zu jenen Philosophen, die zur Versicherung ihrer eigenen Existenz das Umhauen der Gegenspieler brauchen. Das ist, nach zehn Jahren, wahrlich auserzählt.


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