26.01.2012

Philharmonie: Träume von einer besseren Gesellschaft

Von Martin Wilkening
Magdalena Kožená. Hier zu sehen in John Dews Inszenierung von Claude Debussys Pelleas et Melisande an der Oper Leipzig.
Magdalena Kožená. Hier zu sehen in John Dews Inszenierung von Claude Debussys "Pelleas et Melisande" an der Oper Leipzig.
Foto: dpa

Magdalena Kožená bei den Philharmonikern mit Mahler.

Unerwarteter Weise begann Simon Rattle sein Konzert in der Philharmonie mit einer kleinen Rede, die das Wohlwollen auch weniger geneigter Zuhörer für das spröde Eingangsstück zu wecken suchte. Der Italiener Luciano Berio hatte es vor 35 Jahren dem Sowjet-Emigranten Mstislaw Rostropowitsch auf den Leib geschrieben, „ein alter Kommunist dem alten Realisten“. Mit dem Pathos der melodischen Floskeln des Solocellos und dem schattenhaft unwirklichen Resonanzraum, den 30 Instrumente drumherum ziehen, beschwört „Ritorno degli snovidenia“ – die (italienische) Rückkehr der (russischen) Träume – das Festhalten an Ideen einer besseren Gesellschaft. Hingegeben an die Schönheit klanglicher Ausdruckskraft, der Olaf Maninger als Solist intensiv nachspürte, lieferte Berios Musik aber auch einen wunderbaren Einstieg in das ganze, so ungewöhnlich wie erhellend zusammengefügte Programm, das um Traumwelten, Realitätsflucht und Suche nach Schönheit kreiste.

Die Idee, Mahlers Rückert-Lieder mit den Scheherazade-Liedern von Ravel zu verbinden, verlangt eine Interpretin mit höchstem Stilbewusstsein. Und es ist an diesem Abend faszinierend zu erleben, wie Magdalena Kožená von der fließenden Nuancierungskunst der französischen Deklamation zu den tragischen Härten des Deutschen wechselt, wie etwa die aspirierten Endungen der „Mitternacht“ ein ums andere Mal anders schattiert wirken. Das ist indes niemals manieriert, sondern auch ihr Mahler-Gesang fesselt durch eine kunstvolle Schlichtheit und Geradlinigkeit, die im klassischen Gesang absoluten Seltenheitswert besitzt. Und das Sängerische vermag bei Magdalena Kožená den musikalischen Vorstellungen ohne jede Tricksereien zu folgen. Wenn sie am Schluss von „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ die Stimme so weit zurücknimmt, wie es wirklich nur denkbar ist, besitzt dies überhaupt nichts von kostbarem Edel-Kitsch, sondern gewinnt gerade jene Natürlichkeit und Einfachheit, die einzig angemessen erscheint. Weniger machen konnte sie allerdings aus dem Spielerischen des zweiten Lieds, und am Schluss der sonst so beeindruckenden „Mitternacht“ fehlte bei dem Blechbläser-Choral doch etwas an stimmlicher Wucht.

Schuberts Unvollendete danach erschien bei Rattle mit der rhythmischen Impulsivität der Begleitstimmen wie der schwerelose Flug durch eine Schattenwelt, dessen Fluchtbewegung immer wieder in plötzlichen Verdüsterungen aufgehalten wird. Das Unvollendete wurde hier nicht als feierliches Vermächtnis zelebriert, sondern als hellsichtiger Rausch, der sich wissend der Vergänglichkeit des Schönen in enteilender Zeit hingibt.

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