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Piraten: Was die Piraten-Partei unter Kultur versteht

Können die auch Kulturpolitik?

Können die auch Kulturpolitik?

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dpa

Kann man ja mal machen: Einfach ’ne Oper schließen. Kaum waren die Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt, stellten sie vor dem Kulturausschuss klar, dass von den drei großen hauptstädtischen Opern doch eine verzichtbar sei.

Das frei werdende Geld, immerhin 39 Millionen Euro, hätte stattdessen nicht nur den „vielen kleineren Projekten“ und der „Schaffung einiger Kulturfonds“ zugute kommen sollen, sondern auch der „Digitalisierung von Kunst und Kulturgütern und dem im Netz Zugänglichmachen von staatlich unterstützten kulturellen Darbietungen“.

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Perfekt. Damit lagen die Piraten als erste Partei voll auf Augenhöhe mit dem just zu dieser Zeit erschienenen und sofort kräftig skandalmachenden Buch „Der Kulturinfarkt“, in dem die Autoren ja auch nicht einfach Kürzungen und Schließungen empfahlen, sondern eine Neuverteilung der Kulturetats.

Auch bei den Piraten steht Kultur an letzter Stelle

Schwamm drüber, das alles ist nun schon ein paar Wochen her (und die Deutsche Oper immer noch da). Viel spannender an dem kleinen Intermezzo war denn auch etwas anderes, nämlich die Frage, was die Piraten eigentlich unter Kultur oder Kunst verstehen: Haben die schon ein Konzept?

Die freie, aus den besagten „kleineren Projekten“ bestehende Berliner Kunstszene begegnete dem Piraten-Vorschlag eher ablehnend. Umverteilung auf Kosten anderer wird hier offenbar nicht goutiert.

Vielleicht witterte man auch eine gewisse Unaufrichtigkeit. Vollkommen zu Recht, denn ein erster Blick in die verschiedenen – bei den Piraten allerdings vorbildlich im Internet dokumentierten – Programme und Diskussionen verrät, dass sie sich in einer Hinsicht gar nicht von den anderen Parteien unterscheiden: Auch bei ihnen steht die Kultur an letzter Stelle. Eine weitere Parallele besteht darin, dass die Kultur trotz ihrer Schlusslichtstellung als enorme Kraft beschworen wird.

So lesen wir im Berliner Grundsatzprogramm – es ist am meisten fortgeschrieben und durchgearbeitet und bietet eine etwas leichtere Lektüre – diese feierlichen Worte: „Wie ein demokratisches Gemeinwesen verfasst ist, wird treffend durch die Worte Friedrich Schillers beschrieben: ,Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.‘ Durch die Kulturförderung werden nicht nur die Kreativen geschützt, sondern auch unsere Haltung und Freiheitsrechte.“

Zwar muss einem Schillers Ästhetik (und zwar mit guten Gründen) nicht einleuchten, aber den Piraten schwebt offenbar ein Kunstbegriff vor, der auf das freie Spiel der Einbildungskraft hinausläuft. Sie darf keinem pekuniären oder sonstigem Nutzenkalkül unterworfen werden, sondern ist nur um ihrer selbst Willen da.

Kultur = Wirtschaftsfaktor

Klingt toll, wird aber – wie bei den anderen Parteien – gleich wieder kassiert: Denn gerade der „subversive Charme“ der kulturellen Vielfalt, also auch die „vielen kleineren Projekte“, sollen als „Wirtschaftsfaktor lebendig“ weiterentwickelt werden.

Also doch ein Nutzenkalkül. Das kommt allerdings nicht von ungefähr, weil die Piraten – wie die anderen Parteien – Kunst und Kultur gegeneinander ausspielen.

So ist von der Kultur immer dann die Rede, wenn Kunst und Künstler in Richtung eines allgemeinwohldienlichen Ziels eingenordet werden sollen: Seid das Steuergeld wert, stiftet Sinn, schafft Attraktionen und Arbeitsplätze. Von der Kunst selbst, die ja nur als autonome Kunst wirklich Kunst sein kann, spricht man dagegen, wenn den Kunstschaffenden um des lieben Friedens willen etwas Eigensinn zugestanden werden soll.

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