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Polnisches Filmfestival: Der Rebell, der Herzen verpflanzt

In „Hardcore Disco“ erzählt Krzysztof Skonieczny von einem Jungen, der nach der Geburt von seinen Eltern weggegeben wurde und sich nun an ihnen rächt.

In „Hardcore Disco“ erzählt Krzysztof Skonieczny von einem Jungen, der nach der Geburt von seinen Eltern weggegeben wurde und sich nun an ihnen rächt.

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verleih

Auf dem nationalen polnischen Filmfestival in Gdynia an der Danziger Bucht, das vor wenigen Tagen zu Ende ging, zeigt ein sogenanntes „Klatschometer“ an, welcher Wettbewerbsbeitrag beim Publikum am besten abschneidet. Diesmal hieß der Siegerfilm „Götter“ (Bogowie), der es auf sechseinhalb Minuten Beifall brachte, während seine Mitkonkurrenten bestenfalls anderthalb Minuten verbuchen konnten.

„Götter“, inszeniert von Lukasz Palkowski, erinnert an den Chirurgen Zbigniew Religa, dem es als erstem gelang, in Polen erfolgreich Herztransplantationen durchzuführen. Dabei muss sich der junge Mediziner sowohl gegen den Widerstand konservativer Kollegen als auch gegen die realsozialistische Mängelwirtschaft behaupten. Auf die Parteibürokratie, die ihn misstrauisch beäugt, lässt er sich nur so weit ein, wie sie ihm nutzt. Er engagiert Kollegen, auch wenn sie wegen ihrer Aktivitäten während der Zeit des Kriegsrechts vom Staat beargwöhnt werden. Und er schmeißt raus, wer ihn stört – um ihn gleich darauf wieder einzustellen.

Tomasz Kot spielt diesen Arzt als Rebellen und modernen Messias, gehetzt, langhaarig, eine Zigarette nach der anderen verschlingend, stets etwas gebeugt: Die Last auf seinen Schultern ist enorm. Ein Film, der auf Tempo drückt, sich aber auch emotionale Ruhemomente gönnt: so wenn Religa den Eltern eines hirntoten Herzspenders erklärt, wie notwendig der Eingriff sei, um einem anderen Menschen das Leben zu retten. Es gibt komische Intermezzi, den Versuch etwa, ein Schweineherz als Spenderorgan zu ergattern. Und es gibt Sätze, die unkommentiert im Raum stehen und viel über weit verbreitete Haltungen und Vorurteile erzählen: „Hauptsache, das Herz ist nicht von einem Schwulen oder einem Juden“, sagt der erste Patient, an dem die Transplantation ausprobiert werden soll. Insgesamt erweist sich „Götter“ als eine spannende, schillernde Heldensaga, ein Hohelied auf den durchsetzungsfähigen Individualisten: Dafür gab es in Gdynia den Hauptpreis.

Die Tendenz, Heldenbilder aus der polnischen Vergangenheit zu filtern und sie als Gleichnis für die Gegenwart zu nutzen, ist in diesem Warschauer Kinoherbst evident. Auch Wladyslaw Pasikowski kehrt mit seinem Agententhriller „Jack Strong“ in die 1980er-Jahre zurück und folgt den Spuren eines hohen Offiziers, der Militärgeheimnisse des Warschauer Pakts über Jahre an die CIA weitergab. Unmittelbar vor seiner Enttarnung gelang diesem polnischen James Bond dann die Flucht nach West-Berlin: Das ist mit allen Ingredienzien des Genres inszeniert und vermittelt dem Zuschauer die durchaus aktuelle Botschaft, dass der aufrechte Pole selbst unter Todesgefahr lieber mit dem Westen als mit Moskau kooperiert…

In „Warschau 44“ porträtiert Jan Komasa einige junge Leute, die im August 1944 am Aufstand gegen die deutschen Besatzer teilnehmen: ein wiederkehrendes Thema im polnischen Kino. Aber anders als Andrzej Wajda in seinem Filmklassiker „Kanal“ (1956) verzichtet Komasa auf psychologische Details und führt sein Heldenpaar durch ein Inferno aus Bomben, Fleischfetzen, Blut und Tränen. Die Hauptarbeit lag dabei bei Pyrotechnikern und Meistern des digitalen Tricks: So ist im pathetischen Schlussbild zu sehen, wie sich die Silhouette der völlig zerstörten Hauptstadt in die Totale des pulsierenden, lichterglänzenden Warschau von heute verwandelt. Keine Frage, so beschwört dieses Ermutigungs- und Ertüchtigungskino, dass ein freiheitliches Polen selbst aus schlimmsten Trümmerwüsten immer wieder neu ersteht. Und dass die aufrechte, national gesinnte Jugend noch jeden Aggressor überwindet.

Während Komasa die Schrecken des Krieges auf fast schon pornografische Weise zelebriert, fragen einige Gegenwartsfilme nach der moralischen Gesinnungslage der Gesellschaft, die sich besonders im Verhältnis der Generationen widerspiegelt. Sowohl „Hardcore Disco“ (Regie: Krzysztof Skonieczny) als auch „Das Wort“ (Regie: Anna Kazejak) beschreiben Eltern, die sich in den vergangenen Jahren zwar einen erheblichen Wohlstand erarbeitet haben, aber ihre Kinder darüber aus den Augen verloren. Eindringlich inszeniert ist etwa der Rachefeldzug des Jungen Marcin in „Hardcore Disco“, der als Baby weggegeben wurde und nun, unerkannt, in seine eigentliche Familie eindringt, um Vater und Mutter zu töten. Der Film diagnostiziert jene Eiseskälte, die am Beginn des neubürgerlichen Universums stand, als Quelle eines unbarmherzigen Hasses und einer Gewalt, die den Untergang eben dieser Welt herbeiführt.

Auch der Schauspieler Jerzy Stuhr, der unvergessliche Star aus frühen Filmen von Krzysztof Kieslowski („Der Amateur“), bereichert den Warschauer Kinoherbst mit einer neuen Regiearbeit: Sein „Bürger“ (Obywatel) ist ein polnischer Simplicius Simplicissmus, der seit den 1950er-Jahren durch die Zeiten stolpert, erst in der Partei, dann im Gefängnis landet, von einer geilen Nachbarin vorm Geheimdienst gerettet wird und nach 1990 eine völlig abstruse Karriere bei der katholischen Kirche macht. Ein Narrenspiel, das von edlen Heldenbildern nichts wissen will, sondern Stasi und Staat, Kommunismus und Kirche auf die Schippe nimmt und hoffentlich bald auch in deutschen Kinos zu sehen sein wird.

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