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Prominenz zur Berlinale in Berlin: Warum wir Stars brauchen

66. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 11.02.2016, Eröffnungsgala und Filmpremiere «Hail, Caesar!»: George Clooney am roten Teppich

66. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 11.02.2016, Eröffnungsgala und Filmpremiere «Hail, Caesar!»: George Clooney am roten Teppich

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REUTERS

Menschen lieben es, über Stars zu sprechen. Kaum einer, der nicht eine Meinung zu George Clooney hat. Man kann sich über sie streiten und im Gespräch über sie zueinander finden, man kann sich von ihnen abgrenzen, sie als ölig, unangenehm, aufgetakelt oder als viel zu schrill empfinden, man kann sie als Vorbilder oder Gleichgestimmte ansehen, als Antipoden oder gar als Ende der Fahnenstange.

„Iih, nee, der geht ja gar nicht“, heißt es dann, vorzugsweise in Mädchenrunden. Im Reden über Stars lernt man sie sich selbst besser kennen, erfährt die Schemata der Zu- und Abneigung, und deren Flexibilität. Die Riege der Filmprominenz bietet zur Genüge Stoff für eine verzweigte Charakterologie. So wie die echten Sterne räumliche Orientierung geben, bieten die Stars Wegmarken zur Kartierung der menschlichen Seelenlandschaft.

Unsere Ersatzfamilie

Auch aus diesem Grund geht man ins Kino oder liest die Klatschspalten. Je instabiler und unübersichtlicher unsere privaten Verhältnisse werden, umso wichtiger wird die überschaubare Ersatzfamilie der Filmstars. Man kann über sie herziehen wie einst über Onkel Alfred und Großtante Hermine; sie schweißen uns als Kommunikationsgemeinschaft zusammen, indem wir sie als Gesprächsstoff in unsere Mitte stellen.

Was für die kleine Runde am Kneipentisch gilt, trifft auf den halben Globus zu. Bekannte Filmgrößen markieren Kulturräume und weiten sie aus. Die Bedeutung der Stars als Fixpunkte im medialen Rauschen der Informationsströme wird in der Kritik des Starwesens als banaler Promikult gern übersehen.

Internationale Stars sind Marken wie Coca- Cola oder Toyota, nur ungleich komplexere. Sie geben der globalen Anonymität Gesicht um Gesicht. Indem sie überall wiedererkannt werden, verleihen sie der nach Milliarden zählenden Menschheit für den Moment den trostreichen Glanz der Überschaubarkeit und Verständlichkeit. Heimat hört da auf, wo niemand mehr Marilyn Monroe kennt. Erst dort beginnt die wahre Fremde.

Stars werden weniger, Promis mehr

Weil Prominenz ein Rohstoff ist, den wir zur Herstellung von Kommunikationsgemeinschaften unbedingt brauchen, läuft überall der Celebrity-Kult heiß, wie jetzt bei der Berlinale. Überall sind mediale Sonden zur Entdeckung neuer Sterne aktiv, denn nicht der Star ist süchtig nach Ruhm, vielmehr sind wir es, die ihren Ruhm benötigen, um sie zu kulturellen Wegmarken der Gesellschaft zu machen.

Natürlich ist auch der Star in der Krise, wer nicht? Stars werden weniger, Promis immer mehr. Das sind VIPs, vor denen die Öffentlichkeit jeden Respekt verloren hat, weil sie sich als deren Arbeitgeber fühlt. Genüsslich zelebriert sie es, die Promis aus der telegenen Hölle des RTL-Dschungels herauszuschmeißen, wenn sie nicht artig genug Kakerlaken verspeist und Männchen gemacht haben.

Es gibt den wahren Star noch immer

Die Dschungelshow zum Beweis für einen geänderten Umgang mit Stars zu erklären, wäre allerdings zu viel der Ehre. Es gibt den wahren Star noch immer; in diesem Jahr sitzt er der Jury der Berlinale vor und hat damit ein höchst irdisches Richteramt zu erfüllen. Meryl Streep ist der klassische Filmstar schlechthin: jemand, der mit Respekt verehrt wird, weil er es mit harter Arbeit geschafft hat, den Menschen im Schnittpunkt zwischen Sein und Sollen zu zeigen.

Wer immer von Meryl Streep dargestellt wurde – sei es die Chemielaborantin Karen Silkwood, die Farmerin Francesca Johnson, die Schriftstellerin und Auswanderin Karen Blixen, selbst die fiese Chefredakteurin Miranda Priestly – schwebte zwischen Realität und Ideal.

Immer wieder kann man für einen Moment im Kino sitzend innehalten und sich beim Betrachten dieser durchaus fehlbaren, zum Teil sehr einfachen Figuren sagen: So oder ähnlich muss der Schöpfer sich das Werk vorgestellt haben, als er Eva aus der Rippe schuf und auf ihre Nachkommen sann.

Es wirken viele quer laufende christliche Traditionen im Starwesen. Nicht zufällig sagt man, ein Star werde „vergöttert“. Vergöttert wird er in dem Sinne, dass er die Menschen, die er darstellt, im Glanz ihrer schwindenden Gottesebenbildlichkeit zeigt, und das Publikum genau das begreift.

Die Kirche hatte wegen dieser Konkurrenz lange Zeit ihre Schwierigkeiten mit der Filmkunst und hätte die zwischen Himmel und Erde balancierenden Stars nur allzu gern in Gänze verteufelt.

A star was born

Zu ihrem Glück rückte die 29-jährige Meryl Streep mit ihrer fulminant zurückhaltenden Kunst gleich mit ihrem zweiten Film in den Schnittpunkt essenzieller Konfliktlinien. „Die durch die Hölle gehen“ von Michael Cimino spielt in einer russischstämmigen Einwanderercommunity in Pennsylvania. Die Männer ziehen in den Vietnamkrieg, die Frauen, darunter die Supermarktkassiererin Linda, bleiben zurück.

Am Ende, nach grausigen Episoden, sitzen sie und ihre Clique zusammen und betrauern einen Freund. Als Linda unvermittelt und so unendlich traurig, dass selbst Amerika-Kritiker sich damit abfanden, „God bless America“ anstimmte, wusste man endgültig: A star was born. Weniger heroisch kann eine Nationalheldin nicht sein. Und doch strahlte sie, in aller Tristesse.

So stiftet man Kommunikationsgemeinschaften, weit über Landesgrenzen und Gegnerschaften hinaus.



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