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Propagandaschrift von Adolf Hitler: Die neue „Mein Kampf“-Edition erstickt im Detail

Eine Ausgabe von "Mein Kampf" in München.

Eine Ausgabe von "Mein Kampf" in München.

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AP

Der großformatige Zweibänder wiegt 5,2 Kilogramm und umfasst 1966 Seiten. In soldatisch-feldgraues Leinen gebunden, prangt darauf der in dezentem SA-Braun eingeprägte Titel „Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition“. Mit Akribie spürten die beteiligten Wissenschaftler winzige Textvarianten auf, die sich in den vielen zwischen 1925 und 1945 erschienenen Auflagen finden – gerade so, als handele es sich um Goethes „Faust“. Zum Beispiel wurde das Wort „nun“ vielfach gestrichen, das Wort „liebgewonnene“ in der Ausgabe von 1939 durch „liebgewordene“ ersetzt, jedoch 1944 wieder in „liebgewonnene“ rückverwandelt, die Münchner Location Wagnersaal mal mit Bindestrich, mal zusammen geschrieben. Besser wäre es gewesen, die Herausgeber hätten auf diese sinnfreie Fleißarbeit verzichtet und nur die wenigen gravierenden Änderungen angeführt, zum Beispiel die zur Führung innerhalb der NSDAP.

Den Kern des wissenschaftlichen Mühens bilden 3700 inhaltliche Anmerkungen. Zu Hunderten folgen sie dem unproduktiven Motto „Herr Lehrer, ich weiß auch noch was!“. Beispielsweise berichtete Hitler über Linz, wo er die Schule besucht hat: Die Stadt „besaß damals nur sehr wenige Juden“, die zudem alle recht „europäisiert“, sprich assimiliert, ausgesehen hätten. Mit drei Literaturhinweisen unterfüttert heißt es in der Randnote: „Zur Linzer jüdischen Gemeinde gehörten um 1900 nicht mehr als 587 Mitglieder, allerdings kaum orthodoxe Juden.“ Hitler beschrieb sie offenbar richtig. Wozu die Belehrung?

Im Stil eines Entwicklungs- und Bildungsromans erzählte Hitler weiter, er habe damals auf die antijüdischen Animositäten seiner Mitschüler mit „leichter Abneigung“, mit „einem unangenehmem Gefühl“ reagiert, weil ihm „konfessionelle Stänkereien“ zuwider gewesen seien. Zu diesem wichtigen Punkt schweigen die Anmerkungsfüchse zu Unrecht. Denn die späteren Erfolge Hitlers beruhen auch darauf, dass er die innere Zerrissenheit Deutschlands konsequent thematisierte: Nicht nur die zwischen den Konfessionen, sondern auch die Spaltung zwischen Norden und Süden, zwischen Westen und Osten, zwischen Föderalisten und unitarischen Zentralstaatlern, zwischen den sozialen Klassen. Das machte ihn populär. So schuf er Grundlagen für seine neuartige nationale Volkspartei.

Anmerkungsfüchse

An ganz unpassender Stelle (I/864, Nr. 5) gibt es eine Anmerkung zur „sozialen, regionalen und konfessionellen Offenheit“ der NSDAP. Die Kommentatoren leiten sie mit der Feststellung ein: „Interessanterweise charakterisiert Hitler bereits hier die NSDAP als Protestpartei …“ Meine Güte! Das war das Wesen seiner Partei von Anfang an! Und warum schreiben die Kommentatoren „bereits hier“, wo es um eine Textstelle am Ende des ersten Bandes von „Mein Kampf“ geht? Sie hätten an dieser Stelle den Politikwissenschaftler Sigmund Neumann zitieren müssen, der die NSDAP 1932 so charakterisierte: „Protest gegen die Novemberrevolution und den Parlamentarismus, Protest gegen die Niederlage und Versailles, Protest gegen das Wirtschaftssystem und Protest gegen die Herrschaft des Rationalismus und Materialismus.“

Leserfeindlich wie die Herausgeber sind, verweisen sie am Ende der zitierten, nur mäßig gelungenen Anmerkung auf die Anmerkungen „Kap. II/5, Anm. 8, 35“. Hat man sich via Inhaltsverzeichnis zu diesen Stellen auf den Seiten 1148 und 1164 durchgesucht, erweist sich die Anmerkung 35 als einschlägig und hätte an geeigneter Stelle bequem mit der weniger informativen Doublette vereint werden können. Dagegen führt „II/5, Anm. 8“ in die Irre. Dort steht nämlich „Zum Begriff des ’Finanzjudentums’ vgl. Kap. II/13, Anm. 90“. Druckfehler? Vermutlich meinten die Kommentatoren die passende Anmerkung 28. Wie um Himmels Willen soll sich ein interessierter, geschichtlich vorgebildeter Laie in diesem Salat zurechtfinden?

Mit Eifer warb Hitler für eine Politik, die zur „beiderseitigen Verträglichkeit“ zwischen den Konfessionen führen und „allmählich auch auf diesem Gebiet versöhnend wirken“ solle. Der wissenschaftliche Apparat, den die Herausgeber diesem Abschnitt beigeben, beschäftigt sich nicht mit den Tatsachen, dass sehr viele Deutsche die seinerzeit noch weit verbreiteten Konfessionsschulen ablehnten und zahllose junge Leute sich schweren Vorwürfen ausgesetzt sahen, wenn ein Katholik seinen Eltern eine protestantische Braut vorstellte – von den brüsken Reaktionen der jeweiligen Geistlichkeit ganz zu schweigen. Anstatt sich dem realen geschichtlichen Hintergrund zu widmen, verweisen die Editoren auf „Hitlers Gottesbegriff“, auf die zaghaften ökumenischen Aktivitäten jener Zeit und auf anti-kirchliche Schmähungen, die der Führer und Reichskanzler 1942, also 17 Jahre nach dem Erscheinen von „Mein Kampf“, von sich gab. In dieser ohnehin fragwürdigen Randnote versäumen die Kommentatoren den zwingend erforderlichen Hinweis, dass Hitler (vorzugsweise katholische) Würdenträger zwar intern als „Dreckwanzen“ bezeichnete, aber niemals öffentlich. Kein Wort verwenden die Editoren in diesem Zusammenhang auf die Zentrumspartei, eine der tragenden Kräfte der Weimarer Republik. Sie verstand sich als dezidiert katholisch und wurde fast ausschließlich von Katholiken gewählt. Das spaltete die christlich orientierte, demokratisch-konservative Mitte. Erst nach 1945 zog Konrad Adenauer aus diesem Desaster die Konsequenz und gründete die überkonfessionelle Christlich Demokratische Union.

Die Frage Bundesstaat oder Einheitsstaat beschäftigte die Deutschen seit 1806. Die Tragik der demokratischen Nationalbewegung bestand darin, dass sie im 19. Jahrhundert gegen die territorialen Fürsten und Monarchen antreten und deshalb in einem geschichtlich föderal strukturierten Land einen starken Zentralstaat fordern musste. Schließlich verwirklichte Bismarck die nationale Verschmelzung 1871 auf autoritär-militaristische Weise. Hitler beschrieb das etwas gestelzt so: „Allein schon die Bildung des Reiches ist nicht erfolgt auf Grund des freien Willens oder gleichen Zutuns der Einzelstaaten, sondern durch die Auswirkung der Hegemonie eines Staates unter ihnen, Preußens.“ In der Anmerkung weisen die Kommentatoren darauf hin, die späteren Historiker Lothar Gall („Vereinnahmung durch Preußen“) und Hans-Ulrich Wehler („großpreußische Staatsbildung“) teilten diese Meinung. Schön für Hitler, unfreundlich gegenüber Gall und Wehler, könnte man sagen. Der Fall liegt jedoch komplizierter. Der Preußische Landtag und die preußische Regierung bildeten 1925 eine demokratische Bastion der Republik. Hitler verschmolz antirepublikanische mit antipreußischen Ressentiments, zugleich bekämpfte er den bayerischen Berlin-Hass energisch. Sein Aufbegehren gegen den noch weitverbreiteten Preußenkult verliehen ihm die Aura des ehrlichen Newcomers, ebenso seine Tiraden gegen das „habsburgische Erbübel“, „die Schalheit“ und die notorische „Feigheit“ des „bürgerlichen Gemüts“.

Wie alle rechtsradikalen Parteien, sei es im damaligen Italien, Rumänien, Frankreich oder Deutschland, verfolgte die NSDAP nationale und zugleich soziale Ziele. Dazu schrieb Hitler: „Die nationale Erziehung der breiten Massen kann nur über den Umweg einer sozialen Hebung stattfinden, da ausschließlich durch sie jene allgemein wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen werden, die dem Einzelnen gestatten, auch an den kulturellen Gütern der Nation teilzunehmen.“ Im Klartext: Er versprach den unteren Schichten der Deutschen Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs. Was sagen die Kommentatoren zu diesem für den politischen Erfolg der NSDAP so entscheidenden Punkt? Zunächst das Übliche: „Vgl. hierzu die Argumentation Hitlers im Kapitel Wiener Lehr- und Leidensjahre (I/2), S. 32f. sowie die dortige Kommentierung.“ Tatsächlich findet man hier die Hitler-Worte, dass die „’Nationalisierung’ eines Volkes in erster Linie die Schaffung gesunder sozialer Verhältnisse“ voraussetze – nach dem angekündigten Kommentar sucht man vergeblich. Hitler zufolge konnte die soziale Kluft zwischen den Deutschen „nicht durch das Herabsteigen der höheren Klassen, sondern durch das Hinaufheben der unteren“ überwunden werden: „Träger dieses Prozesses kann wieder niemals die höhere Klasse sein, sondern die für die Gleichberechtigung kämpfende untere.“

Auch zu diesem, für sozialistisch vorgeprägte Volksgenossen so einladendem Gedanken fällt den Kommentatoren rein gar nichts ein. Ich empfehle Friedrich Meinecke. In seinem Buch „Die deutsche Katastrophe“ entwickelte er 1946, wie im 19. Jahrhundert die zunächst oft gegensätzlichen nationalen und sozialistischen Bewegungen einander „durchquerten, aufeinander wirkten und letzten Endes sich doch irgendwie zu vereinigen strebten“ und wie Hitler daran anknüpfte: „Die große in der Luft liegende Idee, die Verschmelzung der nationalen und der sozialistischen Bewegung, fand in ihm ohne Frage ihren brünstigsten Verkünder und den entschlossensten Exekutor.“

Meinecke führen die Herausgeber im Literaturverzeichnis nicht an. Sie bilden sich ein, auf „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) von Hannah Arendt und deren Schriften überhaupt verzichten zu können, ebenso auf Franz Neumanns, „Behemoth“ (1942); die Studien und Quelleneditionen von Joseph Wulf halten sie für überflüssig, desgleichen Ernst Fraenkel, „The Dual State“ (1941) und H.G. Adler „Der verwaltete Mensch“ (1974). Von Erich Voegelin „Rasse und Staat“ (1933) haben sie womöglich noch nie gehört, dasselbe darf für Wilhelm Röpkes Bücher „Der Weg des Unheils“ (1931) und „Die deutsche Frage“ (1945) angenommen werden; Friedrich A. von Hayek „Der Weg zur Knechtschaft“ (1943), Heinrich York-Steiner, „Die Kunst als Jude zu leben“ (1928) – alles Fehlanzeige. Ich halte die Missachtung der hier stichprobenhaft genannten Autoren für sehr merkwürdig. Dazu sollte man wissen, dass das Literaturverzeichnis der „Mein Kampf“-Edition 122 Seiten und mehr als 3600 Titel umfasst, darunter fast jede noch so engstirnige Dissertation der vergangenen zwanzig Jahre.

Die Editoren vermeiden die Frage, warum und wie Hitler mit seinem in „Mein Kampf“ dargelegten Programm die Massen gewinnen konnte. Selbstverständlich bedurfte es dazu äußerer Umstände: Versailler Friedensdiktat und Inflation, ausländische Militärinterventionen, bewaffnete Aufstände im Inneren und die Weltwirtschaftskrise ebneten ihm den Weg. Seinen Wählern versprach er bedingungslosen Antiliberalismus und kraftvollen Staatskapitalismus. Den rassisch angeblich Gleichen und erbhygienisch angeblich Gesunden verhieß er das Zeitalter national-sozialer Gerechtigkeit. Er stellte den totalen Staat über das Individuum. Er verkehrte die sozialen, religiösen und regionalen Gegensätze, die innerhalb der deutschen Gesellschaft bestanden, zu äußeren – zu nationalen und rassischen. Mit dieser Mixtur gelang ihm die Entfesselung ungeheuerlich zerstörerischer Energien.

Bienenfleißig und gut belegt stellen die Editoren immer wieder fest, Hitler sei ein grundböser, verbrecherischer Lügner und Rassist gewesen. Stimmt. Ist aber mittlerweile banal. Sie behaupten, sie hätten „Mein Kampf“ dekonstruiert. Das stimmt nicht. In Wahrheit dekonstruieren sie Geschichte. Jeder Historiker stellt seine Fragen aus der Gegenwart, aber mit der anderen Hälfte seines Gehirns muss er sich in die fragliche Zeit versetzen und in diesem Fall erklären, warum so viele Deutsche 1932/33 Hitler wählten und sich noch mehr Deutsche bis zum Beginn des Krieges für seine Politik begeisterten. Der Historiker muss also nicht nur mitteilen, warum heutige Deutsche Hitler als Verbrecher ansehen, sondern auch, warum just deren moralisch und geistig nicht schlechter ausgestatteten Vorfahren ihm so gern folgten, was sie an seiner groben Sprache so reizvoll fanden.

Hitler schuf eben nicht nur „eine Partei völlig neuen Typs“ (Sigmund Neumann), sondern mit „Mein Kampf“ auch ein neues, noch heute hochbeliebtes literarisches Genre. Als Erster in Deutschland entwickelte er sein politisches Programm aus seiner stilisierten, teilweise erfundenen Biographie. Zuvor hatten Politiker Memoiren verfasst. Sie hießen „Gedanken und Erinnerungen“ oder „Ereignisse und Gestalten“. Hitler schilderte sein Leben ungefähr so: Ich war Schulversager, mein Vater hat mich gnadenlos verdroschen, mir ging es schlecht in Wien; ich komme von ganz unten, ich bin einer von euch; den Krieg habe ich als kleiner Gefreiter durchgemacht, bin verwundet worden und so weiter.

Automatisierte Abwehr

Heute schreiben viele Politiker bio-programmatische Bücher, die diesem Strickmuster im formalen Aufbau folgen. Sie veröffentlichen Kinderbilder, outen sich als Sitzenbleiber, berichten von Flucht und Vertreibung, von einschneidenden Jugenderlebnissen. Man nehme zum Beispiel Joschka Fischers Buch „Mein langer Lauf zu mir selbst“ und vergleiche. Auf meine Anregung hin tat das vor zwei Jahren Joseph Wälzholz in der Welt. Bei Hitler heißt es zum Beispiel: „Zum ersten Male sah ich den Rhein. Als durch den zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge die alte ’Wacht am Rhein’ hinaus, und mir wollte die Brust zu enge werden.“ Bei Fischer: „Die Morgennebel zogen vom Rhein herüber durchs Regierungsviertel in Bonn, als ich mich zum ersten Mal joggenderweise auf den Weg machte. Aber bereits nach hundert Metern begann der Atem zu pfeifen.“ Fischer klagt: „Das alternative Leben der Siebzigerjahre war materiell karg, ich verfügte damals über lausig wenig Geld.“ Hitler schildert die „Unsicherheit des täglichen Brotverdienstes; die mir zukommende Waisenpension genügte nicht, um auch nur irgendwie leben zu können.“ Das war ein völlig neuer Ton im politischen Betrieb der jungen Republik. Er verschaffte Hitler Glaubwürdigkeit und Authentizität. Wie die Randnote 132 in der Einleitung belegt, blieb den Editoren auch das verborgen.

Natürlich verfassten sie neben unpassenden und redundanten Anmerkungen auch sehr gute, zum Beispiel die über den gewalttätigen, cholerischen Vater. Doch so wie die kritische Edition von „Mein Kampf“ gemacht ist, kann sie allenfalls Fachleuten lexikalische Dienste erfüllen. Sie umzingelt den Text mit Kommentaren, so als gelte es einen Cordon sanitaire zu errichten. Womöglich ist das eine notwendige Pause auf dem verstörenden Weg, sich der monströsen deutschen Vergangenheit immer wieder neu zu stellen. Vielleicht kann auf der Grundlage der jetzt gedruckten Edition bald eine gute und lesbare Kurzfassung erarbeitet werden, die erklärt, einordnet und anhand größerer zusammenhängender Originalpassagen zum Fragen und Nachdenken einlädt, nicht nur zu automatisierter Abwehr. So gesehen hätte sich die Arbeit dann doch gelohnt.

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, hrsg. v. Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Tempel, 2 Bde., 1969 S., Institut für Zeitgeschichte München – Berlin 2016, 59 Euro.


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