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Raubkunst: Kolonialismus im Humboldt Forum?

Bizarre Riten eigenartiger Stämme gibt es in aller Welt.

Bizarre Riten eigenartiger Stämme gibt es in aller Welt.

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Imago

Ohne Zweifel verkörpert das Humboldt Forum in Berlin gegenwärtig eines der weltweit anspruchsvollsten und auffälligsten Museumsprojekte. Die ethnologischen Sammlungen und die asiatische Kunst als große Schau der außereuropäischen Kulturen – und dies in der pompösen Kubatur der Schlossrekonstruktion und auf Augenhöhe mit der gegenüberliegenden Museumsinsel und ihren Zeugnissen antiker und europäischer Hochkultur: Das ist große Idee und kulturelles Experiment zugleich.

Doch scheint dieses Projekt nun an einem Scheideweg angelangt. Weiter wie gehabt im Sinne einer doch eher konventionellen Präsentation europäisch arrangierter und konfiszierter „Ethnografica“? Oder Aufbruch in eine nachdenklichere globale Gegenwart, in der die Zeit der musealen Sammlungs- und Deutungsregimes, jener kulturellen „Vermessung der Welt“ vom selbst ernannten Zentralort Europa aus vorüber scheint? Initiativen wie „No Humboldt 21“ fordern jedenfalls ein Moratorium ein, um nach der Debatte um nazistische Raubkunst nun analog eine um koloniale Beutekunst zu führen, bevor Bau und Konzept weiter fortschreiten. Denn die meisten Objekte der ethnologischen Sammlungen sind in der Tat in deutschen Kolonialzeiten nach Berlin gelangt.

Diese Erkenntnis ist natürlich nicht neu, sondern spielte bereits bei der Gründungsdebatte eine Rolle. Und sie ist auch keineswegs auf Berlin und auf ethnologische Sammlungsobjekte allein beschränkt. Vielmehr beschäftigten sich die ethnologischen und kulturwissenschaftlichen Debatten schon seit den 1980er-Jahren intensiv mit einer „Krise der Repräsentationen“: mit der Frage also, wie sich andere Gesellschaften und Kulturen von uns verstehen und beschreiben lassen. Welche Rolle spielen dabei jene Weltbilder, die vor allem von Europa und Nordamerika aus in den letzten beiden Jahrhunderten entworfen wurden? Und konstruieren wir nicht mit unseren Perspektiven der Beobachtung und unseren Modellen der Beschreibung die anderen als scheinbar homogene Kulturen und als ein fremdes Gegenüber – oft gegen unsere eigene „gute“ Absicht?

Der Befund dieser Nachdenklichkeit ist schlagend: Wir sehen uns weithin immer noch inmitten einer Weltlandschaft, wie wir sie haben wollen, fein sortiert in eigen und fremd, in zivilisiert und primitiv, in rational und irrational. Und dieser Befund betrifft keineswegs nur die Bilder anderer Kontinente und Kulturen selbst, sondern vor allem auch die Weltbild-Brillen und Weltbild-Modelle, die wir auf der Nase und vor Augen haben. Afrika als Kontinent von Stämmen, Nomaden, Kral und Safari, Asien als Welt von Thai, Tee und Buddha: Das klingt schon fast allzu klischiert, ist jedoch nach wie vor lebendiges Stereotyp. Selbst in der ikonographischen Textur wissenschaftlicher Weltbilder.

Initiativen wie „No Humboldt 21“ fordern ein Moratorium ein

Es ist also unser Modus des Sehens und Schreibens, der das Problem bildet. Jenes buchstäbliche Hinein-Sehen unserer westlichen Vorstellungen und Begriffe in andere Kulturen. In Kulturen und Gesellschaften, die ihrerseits nicht über so mächtige Möglichkeiten und Medien wie wir verfügen, um dasselbe zu tun. Um also uns, die Europäer und Nordamerikaner, in ähnlichen Stereotypen zu beschreiben und zu identifizieren. Kleine Projekte haben das ab und an versucht, wenn etwa afrikanische Kamerateams in Bayern unterwegs waren, um dort dem Stamm und Modell „Lederhose und Dirndl“ auf die Spur zu kommen. Und damit immerhin einen interessanten Beitrag für das ZDF-Mitternachtsprogramm zu liefern.

Doch geht es hier nicht um Folklore und Petitessen. Sondern um ganz Grundsätzliches, um die Auseinandersetzung nämlich mit Traditionen und Kontinuitäten eines kolonialen Blicks, der postkolonial weiterhin fröhlich Urständ feiert. Weil hippe Ethno-Fantasy und plumpes Hollywoodkino dies so wollen. Aber eben auch, weil die Sammlungskonzepte und die Repräsentationsmodelle der seriösen ethnologischen Museen oft noch zu konservativ und kritiklos den alten Sammlungsideen verbunden sind. Die Ethnografica seien doch in wissenschaftlicher Absicht gesammelte Repräsentationen der außereuropäischen Kulturen. Pfeil, Amulett und Kanu ließen uns doch sehen und verstehen, wie dort jedenfalls früher gelebt wurde…

Dass dieses Sammlungskonzept unsere eigene Idee war und dass die Objekte oft gewaltsam eingesammelt wurden – freiwillig wären uns vielleicht ganz andere Dinge als „landestypisch“ überreicht worden –, diese doppelte Problematik wird gerne klein gehalten. Und diese Haltung scheint bislang auch im Falle des Berliner Humboldt Forums noch nicht ganz überwunden. Denn auch dort wurde bisher die Repräsentations- und Provenienzfrage nicht offensiv und öffentlich genug bearbeitet. Und deshalb kommt sie nun als Bumerang „Beutekunst“ logischerweise zurück. Keineswegs nur von „No Humboldt 21“.

Logischerweise, aber auch unnötigerweise. Denn anders als im Bereich der „Raubkunst“ lassen sich die Ethnografica kaum kapitalisieren. Die einzelnen Objekte sind auf keinem Kunstmarkt Millionen Euro wert, sondern verkörpern ihren Wert in historischen, postkolonialen und symbolischen Horizonten. Und dort geht es mehr um Fragen von Respekt und Anerkennung als um Besitz und Kapital. Das eröffnet Chancen – wenn Fragen und Kritik als Orientierungshilfe in schwierigem Gelände willkommen sind.

Für das Humboldt Forum sollte die Konsequenz daher lauten, natürlich nicht alle Objekte in ein und denselben Eimer und alle Planungen über den Haufen zu werfen. Doch die neue Bühne sollte endlich zum Anlass genommen werden, die „Ethnografica“ eben als ethnologische Sammlungen zu präsentieren, die als ein historisches Projekt unter spezifischen Vorzeichen entstanden sind. Und dieses Projekt hat wegen seiner kolonialen Machtarchitektur heute eine eher unklare Zukunft. Eine Zukunft, die sich nur klären lassen wird, wenn Repräsentations-, Herkunfts- und Besitzfragen nicht beiläufig, sondern offen und öffentlich diskutiert werden und wenn die künftige Legitimität ethnologischer Museums-und Ausstellungspraxis nicht primär juristisch gesichert, sondern vor allem politisch und kulturell verhandelt wird.

Denn bis jetzt scheint es so, als ob das künftige Publikum des Forums doch wesentlich durch Sammlungen mit „alter“ Wege- und Weltordnung geführt werden soll. Gewiss mit punktuellen Angeboten der Irritation und Hinterfragung. Doch eben noch keineswegs versehen mit einem generellen Reflexionsrahmen, der uns neue Horizonte wie Einblicke ermöglicht, ja: abverlangt. Denn dann dürften wir nicht nur gebeten werden, weiterhin in den Sammlungen zu wandern und zu denken. Wir müssten vielmehr aktiv angehalten werden, über die Sammlungen nachzudenken. Also zu einem musealen Parcours anzutreten, der uns immer wieder auch Distanzen und Perspektiven von außen ermöglicht, um nicht einfach dem inneren Sammlungsnarrativ zu verfallen. Der die vermeintlich eindeutige Perspektive von Kral, Jurte, Einbaum insofern neu zu historisieren und „aufschlussreich“ zu hinterfragen hilft.

Nichts macht diese Forderung naheliegender und zwingender als der Zeit- und Ortsbezug des Berliner Humboldt Forums selbst. Denn es liegt ja nicht nur im neuen Berlin an der Schnittstelle der ehemaligen beiden „Weltteile“ des Kalten Krieges. Vielmehr verkörpert es zudem auch den historischen Ort der alten Aufteilung der Welt zwischen den Kolonialmächten auf der Berliner Westafrika-Konferenz von 1884/85, der sogenannten Kongokonferenz. Und diese dramatische historische Konstellation bedeutet für den Forumsidee beides: eine ungeheure symbolische Verantwortung wie eine große wissenspolitische Chance.

Vor einigen Jahren stand das neue Museé du Quai Branly in Paris an einer ähnlichen Wegmarke. Dort versuchte man den gordischen Knoten der kolonialen Repräsentation durch eine ästhetische Strategie zu zerschlagen. Die afrikanische Maske und der Thron werden in Einzelvitrinen mit gedämpftem Licht präsentiert. Also wie europäische Kunstobjekte zu einer Art hochkulturellem Unikat stilisiert, um so die vorherige „Kunst der Primitiven“ nachträglich zu nobilitieren. Dort scheint dieser Versuch einer ästhetischen Dekolonisierung aber nur sehr begrenzt gelungen. Und er sollte auch im Berliner Fall nicht zentral weiterverfolgt werden – weil er die Blickrichtung nur verschiebt, nicht verändert.

Das Humboldt Forum hat heute vielmehr die Aufgabe, sein künftiges Publikum auf eine neue „Weltreise“ mitzunehmen. Auf eine Reise, die weniger Reiseführer und Eingeborene anbietet, dafür mehr Einblicke in koloniale Blickwechsel der Vergangenheit und mehr Ausblicke auf deren Spuren in globalen Gegenwarten. Das zerstört die ethnologischen Sammlungen nicht, sondern kontextualisiert und identifiziert sie neu: als Anschauungsmaterial neu auszuhandelnder Weltbilder. Und diesen öffnenden und kritischen Dialog sollte sich das Forum nicht von außen aufzwingen lassen, sondern ihn selbst und aktiv führen. Sonst gewinnt das Projekt in Berlin wie in der Welt wohl kaum die Resonanz und Anerkennung, die es sich durchaus verdienen kann.

Wolfgang Kaschuba ist Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität.