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RBB: Lederkette gegen Tütensuppe

Schöner Wohnen in Neukölln

Schöner Wohnen in Neukölln

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Berlin -

Zu Beginn aber wird erst mal das landläufige Image von Neukölln angesprochen: laut, dreckig, hohe Arbeitslosigkeit, Jugendgewalt. Doch es folgt nicht der übliche Sozialreport oder das betulich-elegische Bezirksporträt, sondern ein kunterbuntes Mosaik, das viel frischen Wind ins RBB-Abendprogramm bringt. Wie hier die knappen O-Töne, die Grafiken und der treibende Sound ineinander montiert werden, das erinnert eher an die digitalen Jugendkanäle des ZDF als an den Heimatsender.

Die RBB-Verantwortlichen um Programmdirektorin Claudia Nothelle machen kein Geheimnis daraus, dass ihr „Berlin-Brandenburg-Check“ vom ARD-Markencheck angeregt worden ist, der unerwartet hohe Quoten erzielen konnte. Doch lässt sich die Lebensqualität gerade in einem so zerrissenen Bezirk wie Neukölln so einfach vergleichen wie die Produkte von Fastfood-Ketten oder Drogerien? Die Autoren um Regisseurin Jana von Rautenberg haben einen Ausweg gefunden und lassen Neukölln von ganz verschiedenen Orten und Perspektiven aus bewerten. Vier Familien repräsentieren und bewerten den Bezirk: Eine türkische Familie am Richardplatz, ein türkischstämmiges Geschwisterpaar, das am U-Bahnhof Neukölln ein großes Hostel eröffnet hat, eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin in der Gropiusstadt und schließlich ein Pensionärspaar im ruhigen Buckow. Die frisch hinzugezogenen Neukölln-Hipster und ihre Szenebars dagegen fehlen hier – und man vermisst sie auch nicht. Die persönlichen Einschätzungen zu Kriterien wie Wohnen, Arbeit, Bildung und Sicherheit werden amtlichen Statistiken gegenübergestellt. Dabei fällt auf, dass die Neuköllner ihren Kiez trotz der oft negativen Zahlen überraschend positiv sehen.

Daneben haben die Autoren eine ganze Reihe von Kurzporträts eingefangen, die einen so lebendigen Eindruck von Neukölln vermittelt wie einst das Mammutprojekt „24 Stunden Berlin“ von ganz Berlin. Die Idee, an einigen zentralen Plätzen einen Thron aufzustellen und Bewohner um ihre Wünsche als „König im Kiez“ zu bitten, funktioniert ebenso gut wie die Hans-im-Glück-Odyssee von Reporterin Katja Döhne. Sie startet ihre Tauschaktion mit einer puren deutschen Kartoffel und kann immer wieder Dinge eintauschen, die auf den ersten Blick zufällig sind, aber doch gut zu Neukölln passen. Da wird eine Deutschlandfahne zum Eiweißriegel aus dem Muskelshop, eine Lederkette wird eingetauscht in eine Tütensuppe, die die Kinder auf dem Spielplatz trocken wie Chips knabbern. Welche Vorlieben die Kids in der Uckermark haben, wird die nächste Ausgabe des „Berlin-Brandenburg-Checks“ kommende Woche zeigen. Bis Mitte September werden noch Charlottenburg-Wilmersdorf, das Havelland und Marzahn-Hellersddorf gecheckt.

Berlin-Brandenburg-Check: Neukölln, 21.00 Uhr, RBB.