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Recherchen in der Neonazi-Szene: Verfolgungsjagd auf dem Feldweg

Kahl: Teilnehmer einer NPD-Veranstaltung 2009 in Gera.

Kahl: Teilnehmer einer NPD-Veranstaltung 2009 in Gera.

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dpa

Berlin -

Das Handy von taz-Journalist Andreas Speit klingelt im Moment häufig. Seit der Entdeckung der Zwickauer Terrorzelle wird er mit Anfragen überhäuft. Speit ist einer von nur knapp einem Dutzend Journalisten, die seit mehreren Jahren in der rechten Szene recherchieren. Nur wenige Medienkonzerne leisten sich Journalisten, die kontinuierlich Strukturen der Neonazi-Szene durchleuchten. So etwas ist langwierig und teuer. Hinzu kommt, sagt Andreas Förster, der für die Berliner Zeitung in der rechten Szene recherchiert: Oft steht auch nach Monaten noch nicht fest, ob überhaupt etwas Verwertbares ans Tageslicht befördert werden kann.

Angriff in Blankenfelde

Es ist eine Recherche, die nicht ohne Gefahren für die Journalisten ist. Speits Kollegin Andrea Röpke wurde 2006 in einem Supermarkt in Blankenfelde zusammengeschlagen, nachdem sie erkannt worden war, als sie mit einem Kollegen die Veranstaltung einer Neonazi-Gruppe beobachtete. Auch Speit sieht sich immer wieder mit Angriffen konfrontiert. Wie an dem Tag, als er mit einer Kollegin ein Neonazi-Jugendlager in Mecklenburg-Vorpommern besuchte, zu dem nur ein abgelegener Feldweg führte. Als sie damals aussteigen, erinnert sich Speit, wird schnell klar: Mit ihnen reden wird hier niemand. Stattdessen versucht ein Neonazi, ihnen den Weg abzuschneiden. Die Journalisten schaffen es mit ihrem Fahrzeug vor ihm auf den Feldweg. Trotzdem beschleunigt er und rammt ihren Wagen auf dem vereisten Feldweg. Erst als das Auto eines zweiten Journalisten-Teams auftaucht, lässt der Fahrer von ihnen ab.

Geheime Treffen beobachten sie zumeist mit mehreren Journalisten, so versuchen sie die Gefahren zu begrenzen, sagt Speit. Die Journalisten recherchieren vorher auch Fluchtwege. In einigen Fällen wird die Polizei vorab über einen Einsatz bei konspirativen Treffen informiert. Eine Kooperation gibt es trotzdem nicht, sagt Speit. Er hat auch erlebt, wie er von Polizeifahrzeugen auf der Autobahn plötzlich ausgebremst wurde, als er einem Neonazi-Wagen zu einem geheimen Konzert folgte.
Umgekehrt versucht auch die rechte Szene, Informationen über Journalisten zu gewinnen. Als Andreas Förster einen NPD-Parteitag in Thüringen besucht, verlangen die Ordner seinen Personalausweis, wollen seine Adresse kopieren. Ein Einschüchterungsversuch, der zeigen soll: Wir wissen, wo wir dich finden. Immer wieder tauchen Steckbriefe von Journalisten auf Neonanazi-Websites auf.

Auch wenn sie darauf achten, dass so wenig wie möglich über ihre Identität bekannt wird, veröffentlichen Förster und Speit ihre Texte unter ihren Namen. Es ist eine Gratwanderung. Wer bekannt ist, steht unter einem gewissen Schutz, sagt Förster. Gerade in Wahlkampfzeiten könne es die NPD nicht gebrauchen, dass Journalisten zusammengeschlagen werden. Ein Schutz, sagt Förster, den jene nicht genießen, die wichtige Informationsquellen sind: antifaschistische Gruppen, die Informationen über die rechte Szene vor Ort zusammentragen.

Viele Zeitungen berichten nicht

Auch wenn Journalisten wie Andreas Speit gerade gefragt sind: Mangelndes Medieninteresse ist für sie mindestens ein ebenso großes Problem wie die Hindernisse bei Recherchen. Viele Zeitungen berichten nicht mehr über die Neonazi-Szene vor Ort, sagt Förster, weil sie glauben, den Neonazis sonst Aufmerksamkeit zu verschaffen. Eine fatale Entscheidung, findet er. Nur eine kontinuierliche Berichterstattung über Strukturen und Aktivitäten könne ein Problembewusstsein schaffen. Doch auch die Medien haben sich abseits spektakulärer Fälle längst an die schleichende, stetige Verfestigung rechtsextremer Gewalt gewöhnt, sagt Speit.

„Wer eine falsche Hautfarbe hat oder einfach nur ein nicht-rechter Jugendlicher in der falschen Gegend Deutschlands ist, ist viel gefährdeter als wir“, findet Speit. Solche Opfer schafften es aber nur noch selten in die Medien.