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Regisseur Petzold im Interview: Zwischen Gestern und Morgen

Nina Hoss als Barbara in dem Drama "Barbara" von Christian Petzold.

Nina Hoss als Barbara in dem Drama "Barbara" von Christian Petzold.

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dapd

Die Ärztin Barbara hat einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt. Deswegen wird sie aus Berlin an ein Provinzkrankenhaus strafversetzt. Ihr Geliebter Jörg bereitet im Westen ihre Flucht vor. Barbaras neuer Chef André behandelt die Ärztin mit Freundlichkeit und Verständnis. Ist er ein Spitzel? Ist er in sie verliebt? Barbara ist sich über nichts mehr im Klaren. – Der Spielfilm „Barbara“ des Regisseurs Christian Petzold wurde bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären für die Regie ausgezeichnet. Nina Hoss spielt die Titelrolle.

Herr Petzold, mit „Barbara“ begeben Sie sich auf eine Zeitreise in die DDR des Jahres 1980. Es ist Ihr erster historischer Film – und zugleich ein Film über ein Land, das Ihnen vermutlich sehr fremd war.

Nein, so fremd ist mir die DDR nicht gewesen. Meine Eltern waren aus dem Osten geflohen. Meine erste Zeit in der Bundesrepublik verbrachte ich in einem Übergangslager. Später, zwischen sechs und sechzehn, reiste ich viele Sommerferien lang zu Verwandten in die DDR. Für meine Eltern war das ein Land, in dem sie nun triumphierten: Sie seien rechtzeitig weggegangen und könnten sich nun zum Beispiel einen Ford leisten. In solchen Momenten habe ich mich ein wenig für sie geschämt. Im Grunde fuhren sie aber nicht nach „drüben“, um zu beweisen, dass sie was Besseres sind, sondern weil sie Heimweh hatten.

Auf seltsame Weise übertrug sich das auf mich und meine Brüder: Wir konnten es nicht erwarten, wieder und wieder in den Osten zu reisen. Als die Mauer fiel, war diese, unsere zweite Heimat weg. – Als ich vor einigen Jahren mit Nina Hoss in Wittenberge den Film „Yella“ drehte, bekam ich einen DDR-Flash. In dieser Stadt, die ein bisschen vergessen wirkt, erinnerte ich mich meiner Kindheitsaufenthalte in Rudolstadt, Zwickau, Karl-Marx-Stadt. Ich begann, mich wieder mit dem Osten und dem, was da verloren ging, zu beschäftigen.

Haben Sie nach entsprechender Literatur gesucht, um eine Inspiration für Ihren Film zu finden? „Barbara“ wirkt wie eine Novelle.

Tatsächlich wurden zwei Bücher für diesen Film wichtig. Zum einen Hermann Brochs Novelle „Barbara“, die um 1928 spielt und in der es um eine Ärztin geht, die in einem Provinzkrankenhaus anheuert, um ihre kommunistischen Aktivitäten vor der Polizei zu verschleiern. Wichtig wurde mir auch der Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräunig. Mein Freund Hartmut Bitomsky sagte, erst durch diesen Roman sei ihm wieder bewusst geworden, dass 1945 Antifaschisten, Arbeiter, Bauern, Intellektuelle im deutschen Osten versucht hatten, ein besseres Land zu errichten.

In Bräunigs Buch gibt es zwei Passagen, die ich nie vergessen werde: Ein Arztsohn aus besserem Haus wird im Uran-Bergwerk zum ersten Mal von der körperlichen Arbeit mitgerissen. Er definierte und objektivierte sich über diese Arbeit. Aus der Literatur und dem Kino des Westens war die Arbeit dagegen fast vollkommen verschwunden. Das Zweite, das mir sehr gut gefiel, war jener Moment, in dem davon die Rede ist, dass das männliche Fachpersonal nahezu vollständig vom Westen abgeworben wird und Frauen an dessen Stelle rücken. Da kam ein neues Selbstverständnis vom Frau-Sein in die Welt. Davon wollte ich erzählen.

Sie schauen sich vor den Dreharbeiten gemeinsam mit Ihrem Team Filme an, um sich einzustimmen. Was haben Sie diesmal gesehen?

Keine DEFA-Filme. Das wollte ich von vornherein nicht. Als ich das Drehbuch schrieb, sah ich mir natürlich mehrere DDR-Filme an, nahm aber nur „Jahrgang 45“ von Jürgen Böttcher als Grundlage. Und zwar nicht von der Fabel her, sondern vom Gefühl, das dieser Film transportiert. Es ist der Nouvelle-Vague-Film der DEFA: ein authentisches Porträt jener Generation, die 1968 zugleich die größte Hoffnung und den tiefsten Absturz ihres Lebens erfuhr. Der Prager Frühling hatte Luft und Sinnlichkeit in dieses System gebracht. Als die Panzer des Warschauer Pakts in Prag eindrangen, war alles vorbei. Spannend an „Jahrgang 45“ fand ich, dass die Hauptfigur, ein junger Arbeiter, nach drei Tagen Urlaub, in denen er sich seiner Liebe vergewissert, zur Arbeit zurückkehrt. Arbeit stiftet für ihn Identität. Arbeit und Liebe sind eng miteinander verflochten. Im Westen dagegen hatte man immer das Gefühl, die Liebe muss der Arbeit abgetrotzt werden. Oder sie kann nur stattfinden, wenn man Urlaub hat.

Die Arbeit in Ihrem Film ist Arbeit am Menschen, in einer Klinik im Norden der DDR. Die Charité-Ärztin Barbara wird hierher zwangsverpflichtet und lernt einen Kollegen kennen, dem sie zunächst mit großem Misstrauen begegnet.

Das Krankenhaus in unserem Film nimmt die Funktion der Fabrik, des Produktionsortes ein. Dort treffen zwei Menschen aufeinander, die sich eigentlich nicht mögen. Der Arzt ist ja ein proletarischer Arzt: ein Mann, der nicht Arzt wurde, weil sein Vater ebenfalls Mediziner war, sondern weil er sich sagte, dieses System gibt mir und vielen anderen die Möglichkeit, in Geistesberufe zu kommen. Deswegen habe ich die Figur mit dem physisch sehr präsenten Ronald Zehrfeld besetzt. Und dann kommt eine Ärztin aus Berlin, die einen Ausreiseantrag gestellt hat: eine Frau aus sogenannten besseren Verhältnissen mit deutlichem Standesdünkel. Sie packt diesen Dünkel allerdings erst aus, als sie von den Umständen erniedrigt wird. Sie fragt sich: Wovor haben die Herrschenden Angst? Vor dem Bildungsbürgertum!

Um sich gegen das Ressentiment zu schützen, das ihr entgegenschlägt, weil sie weggehen will, umgibt sie sich mit potenziertem Standesdünkel. Plötzlich will sie sich „separieren“. So haben wir diese beiden Figuren eingeführt. Wir brauchten dann das Krankenhaus, damit sie über die Arbeit zur gegenseitigen Anerkennung finden.

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