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Regisseur Robert Wilde: Schon mit 15 die Karriere planen

Christian Ulmen als Jonas in der Komödie "Jonas".

Christian Ulmen als Jonas in der Komödie "Jonas".

Foto:

dapd

Für den Film „Jonas“ verwandelt sich Christian Ulmen von einem 36-jährigen Schauspieler in einen 18-jährigen mehrfachen Sitzenbleiber, dem noch einmal die Chance auf einen Schulabschluss gegeben wird. Der Regisseur Robert Wilde hat den Film mit Ulmen und mehreren Dutzend Laien in der Zeuthener Gesamtschule „Paul Dessau“ gedreht. Er führt Erwachsene zurück in eine Welt, die sie längst hinter sich gelassen haben und kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen.

Herr Wilde, in „Jonas“ trifft ein Schauspieler auf das wirkliche Leben: Ist das ein Spielfilm oder Dokumentarfilm?

Das ist ein Dokumentarfilm. Es ist natürlich eine spezielle Form der Dokumentation, mit einem spielerischen Ansatz. Wir wollten eine Kunstfigur in eine reale Welt verpflanzen und beobachten, wie diese beiden Welten aufeinander reagieren. Gleichzeitig wollten wir eine Komödie drehen, einen Film, der Freude macht, nicht nur Spaß.

Musste es eine bestimmte Schule sein dafür?

Es sollte weder eine Problem- noch eine Eliteschule sein. Eine Gesamtschule fand ich interessant, weil da Weichen fürs Leben gestellt werden: Ob man nach der 10. Klasse abgeht und einen Beruf lernt oder noch bleibt und Abitur macht. In dieser Richtung haben wir viele Schulen kontaktiert. Die Schule, die wir ausgesucht haben, war selbst auch am interessiertesten an dem Projekt.

Na klar, die werden jetzt berühmt!Nein, mir war gerade wichtig, dass sie nicht gleich ausgeflippt sind, berühmt werden zu können, wenn wir bei denen drehen, sondern es relativ lässig genommen haben. Denen war schon klar, dass diese ständige Gegenwart von mehreren Kameras auch Unruhe bedeutet. Und jetzt sind sie natürlich zu Recht stolz. Übrigens finde ich, dass Kino auch gut zur Schule passt: Da ist ein Raum, in dem Leute zusammenkommen, die etwas gemeinsam erleben und irgendwie verändert herausgehen.

Wenn es eine Dokumentation ist: Wie haben Sie auf die Entwicklung des Films Einfluss genommen?

Es gab tatsächlich kein klassisches Drehbuch. Das Drehbuch musste sich am Stundenplan orientieren, der dann von den Kameras begleitet wurde. Meine Arbeit lag sehr stark in der Vorbereitung, und dann waren schnell drei Handlungsstränge klar, die wir konzentriert verfolgt haben: dass Jonas eine Band gründen würde, das Problem mit Mathe und die Liebe zur Musiklehrerin Frau Maschke. So haben wir manche Fächer nur noch kurz gestreift. Es war wichtig, ständig die Augen offen zu halten für mögliche neue Entwicklungen.

In den Produktionsnotizen heißt es, dass Christian Ulmen die Idee zu dem Film hatte…
Ja, das stimmt.

… weil er seine Alpträume, wieder in der Schule zu sitzen und Mathestress zu haben, verarbeiten wollte. Das klingt ja ganz schön. Aber Sie wollten als Regisseur doch sicher mehr, als die Ängste eines Schauspielers zu therapieren!

Natürlich. Es war jedoch wirklich so, dass wir über einer ganz anderen Sache saßen, als Christian sagte: Wie wäre es, wenn ich wieder zur Schule ginge? Das haben wir dann verfolgt. Daran knüpften sich viele Fragen: Was weiß ich noch, wenn ich wieder zur Schule gehe? Wie sind die Schüler heute drauf? Die Lehrer? Für die Fernsehserie „Mein neuer Freund“ haben wir Christian Ulmen bereits in verschiedenen Rollen in den realen Raum geschickt; diese Begegnung von zwei Welten kann sehr spannend sein.

Ist die andere Welt einfach die nächste Generation? Ulmen wurde ja gründlich auf jung geschminkt.

Nein, ich meine das gesamte Umfeld Schule. Die Schüler wie die Lehrer, ihre Interaktion, das erlebt man ja von außen sonst gar nicht. Als Schüler habe ich Lehrer als Aliens erlebt, als eigene seltsame Gruppe von Menschen. Die wollte ich erforschen. Tatsächlich ist der Film nun auch für Lehrer selbst interessant, weil wir die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Der fremde Blick rührt aber auch vom Generationen-Abstand her. Der Zuschauer weiß, dass Jonas nicht nur zwei Jahre älter als seine Mitschüler ist, wie behauptet, sondern ein Schauspieler, der doppelt so alt ist. Hätte der Film auch mit einem begabten Zwanzigjährigen funktioniert?

Ich glaube nicht. Ich glaube, damit dieser Film so werden konnte, wie er ist, musste es Christian Ulmen sein, weil er eine ganz besondere Begabung hat. Er kann wirklich die Figur sein, die er als Rolle spielen will. Und er hat zugleich ein sehr großes Interesse daran, etwas über die anderen herauszufinden.

Wie ist es für einen Regisseur, mit einem Schauspieler zu arbeiten, der selbst die Idee zum Film hatte?
Super.

Er lässt Sie arbeiten?

Ja. Wir kennen uns mittlerweile so gut, dass es da nicht zu Rangeleien um Kompetenzen kommt. Im Gegenteil: Bei der Arbeit verbindet uns ein großes Vertrauen und intuitives Verständnis.

Lehrer haben – aller Politikerreden über die Bildung zum Trotz – in Deutschland ein schlechtes Ansehen. Stellen Sie sich bewusst dagegen?

Damit wir uns richtig verstehen: Dieser Film ist kein Plädoyer für Lehrer, wir wollten sie nicht besonders gut darstellen. Diese Dokumentation zeigt, wie sie sich benommen haben. Das ist nicht immer zu ihren Gunsten. Aber dieses Lamentieren über die Lehrer empfinde ich als Frechheit. Ich finde es unbegreiflich, dass der Beruf des Lehrers so ein schlechtes Image hat. Es ist einer der wichtigsten Berufe der Welt. Wir haben alle eine Verantwortung dafür, dass diese Arbeit auch in der Gesellschaft geschätzt wird. Wenn nun nur einer in jeder Filmvorführung sitzt, der danach ein bisschen anders über Lehrer denkt, dann finde ich das schon bewegend.

In einigen Szenen offenbart der Film ein journalistisches Interesse, etwa wenn Jonas mit der Ethik-Lehrerin in die Kirche geht und sie befragt, wie sie die Welt sieht.

Ja, diesen journalistischen Blick haben wir beide, Christian und ich. In solchen Momenten gehen wir über das reine Beobachten hinaus.

Haben Sie etwas über Schule gelernt?

Ja. Lehrer sind doch keine Aliens, sondern Menschen wie wir. Im Ernst: Ich war überrascht, dass viele Dinge noch genauso ablaufen wie früher: der Frontalunterricht, die Tafel-Situation in Mathe, manche Sprüche der Lehrer. Ich war auch überrascht über die Schüler, die sind doch stärker angepasst als zu meiner Zeit. Da gibt es kaum noch Raum fürs Quatschmachen, für Streiche. Diese Zehntklässler sind schon sehr darauf gedrillt, gute Noten zu bekommen, um später einen guten Beruf zu bekommen. Die planen mit 15 schon ihre Karriere. Ich möchte nicht sagen, dass Karriere per se schlecht ist. Aber für Fantasie ist da wenig Raum. Rebellion habe ich nicht gespürt.

Warum zieht sich dann der Song „Was hat dich bloß so ruiniert“ als Leitmotiv durch den Film? Der passt nicht so recht.

Es ist auch nicht als Statement zu der Schule gedacht. Wir haben uns eher zufällig für diesen Song entschieden. Er passt allgemein zum Erwachsenwerden, zum Verlust von Fantasie, zur Anpassung an die Gesellschaft.

Müssen Sie sich schütteln, wenn ich Sie auf einen berühmten Vorgänger in dem Genre anspreche, auf „Die Feuerzangenbowle“?

Nein, wieso? Ich hatte diesen Film erst gar nicht im Kopf, aber während der Vorbereitung noch mal gesehen. Da ist doch wenig Verwandtschaft. Wenn man schon einen Zusammenhang herstellen will, könnte man sagen: Wir haben „Die Feuerzangenbowle“ in echt gemacht.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.