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Religion: Diesseits von Gott und Glauben

Glauben ist Erfahrung: Wünsche am Gebetskreuz der Thomaskirche in Leipzig.

Glauben ist Erfahrung: Wünsche am Gebetskreuz der Thomaskirche in Leipzig.

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Imago/IPON

Es gibt keine Heiden mehr. Das ist zu begrüßen. Es gibt heute zunehmend Religionslose, Menschen, denen Fragen der Religion zunehmend egal sind, und die das Religiöse nicht vermissen. Auch das kann man begrüßen – das Verhältnis zum Religiösen entspannt sich. Dass die schwindende Sensibilität für die Religion auch Anlass für Klage ist, lehren die Kirchen. Sie werden zusehends als Dienstleister an Feier- oder Hochzeitstagen, gern bei Trauerfällen in Anspruch genommen, immer weniger als Ort von Glauben und Gemeinde.

Missionseifer unangemessen

Aber klagen hilft hier nicht weiter, bejubeln auch nicht. Denn das Verschwinden der Religionen ist allen empirischen und soziologischen Befunden gemäß nicht zu erwarten. Es wandeln sich ihre Formen und Erfahrungsweisen, ohne die Religion selbst damit abzuschaffen. Missionseifer ist so gesehen nicht angemessen, weder wider noch für Religion. Es ist deshalb gut, dass es keine Heiden mehr gibt, weil in der Religionsgeschichte gerade die Christen alle Nicht-Christen als „die anderen“ stilisierten, also Glaubensgräben errichteten. Die „Heidenmission“ wurde, besonders einflussreich von Papst Gregor dem Großen (gestorben 604) zur „Christenpflicht“ erhoben, was nicht nur kriegerische, sondern auch mentalgeschichtliche Folgen hatte.

Wie einschneidend und langwierig derartige Konstrukte, begriffliche wie philosophische und theologische Zurechtmachungen Andersgläubiger sind, lässt sich hervorragend in der zweibändigen Großuntersuchung „Die Wahrnehmung anderer Religionen und christlich-abendländisches Selbstverständnis im frühen und hohen Mittelalter“ des Hamburger Historikers Hans-Werner Goetz studieren (Akademie-Verlag, 2 Bd., insg. 1 351 S., 44,80 Euro). Im Übrigen hat er auch genauestens nachgewiesen, dass die schiere Gegenüberstellung von Heiden hier und Frommen dort oder von Christen auf der einen und Muslimen auf der anderen Seite an der Wirklichkeit vorbeigeht. Die wechselseitige Beeinflussung war stets hoch.

Das gilt heute besonders: Die schroffe Gegenüberstellung von Religiösen und Religionslosen ist ein Phantasma, das allenfalls Populisten und Polemikern in die Karten spielt. Diese treten ihrer Berufung gemäß zwar gern schrill und in entlarvender Militärsprache auf, so etwa die dezidiert religionsfeindliche Giordano-Bruno-Stiftung, sind aber zahlenmäßig eine zu vernachlässigende Minderheit; seriöse, wissenschaftliche und nicht von Vorurteilen belastete Argumente für oder wider Religionslosigkeit sind hier ohnehin nicht zu finden. Man trifft allenthalben auf Missionseiferer, was einmal mehr belegt, dass der Missionsgedanke nicht für die Religionen reserviert ist.

Weltanschauliche Positionen reflektieren

Genau darum aber kann es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht länger gehen: Die Hoffnung auf einen Einheitsglauben, ein gemeinsames weltanschauliches Dach der Gesellschaft sind nicht nur vergebens, sondern gefährlich. Wir leben gottlob in einem säkular verfassten Staat und in einer pluralistischen Gesellschaft zugleich. Heiden, die zu missionieren und zu bekämpfen wären, gibt es für das Grundgesetz genauso wenig wie Religiöse, denen es die Religion auszutreiben gelte.

Aufklärung hieß nie, die Menschen aus vermeintlichen Verblendungen herauszuholen, sondern die jeweiligen weltanschaulichen Positionen so gründlich und umfassend wie möglich zu reflektieren, zu durchleuchten. Dass man seine Religion etwa auf diesem Weg auch verlieren kann, hat zuletzt der Philosoph Kurt Flasch demonstriert. Sein lesenswertes Buch „Warum ich kein Christ bin“ (C. H. Beck, 280 S., 19,95 Euro) versammelt alle rational bestens nachvollziehbaren Gründe, die gegen den christlichen Glauben sprechen; und wer tatsächlich meint, der Glaube erwachse aus rationalen Gründen, wird es schwer haben, Flaschs Argumenten zu widersprechen. Wahrscheinlich aber verfehlt Flasch schlicht sein Thema: Glaube ist weder eine Frage von Begründungen noch von Irrationalität, sondern von gemachten Erfahrungen. Und eben dies ist die gegenwärtige Lage: Es gibt offenbar immer weniger Menschen, die religiöse Erfahrungen machen.

Ein paar Zahlen helfen hier. Die repräsentativste, umfangreichste Untersuchung liefert der von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene „Religionsmonitor“. Er wurde 2008 erstmals erstellt, Ergebnisse einer zweiten Befragung liegen seit Ende 2013 vor. Aus ihm ist die aktuelle Entwicklung gut ablesbar. So zählten sich 1950 in Deutschland lediglich 4,4 Prozent zu den Religions- oder Konfessionslosen, 2010 macht diese Gruppe insgesamt über 30 Prozent aus (die Werte liegen in den östlichen Bundesländern deutlich höher als in den westlichen), neben knapp 5 Prozent Muslimen und je gut 30 Prozent Katholiken und Protestanten. Gleichzeitig meinen 85 Prozent der Menschen, man sollte gegenüber allen Religionen offen sein. Dennoch sieht eine Mehrheit in der zunehmenden religiösen Vielfalt ein Potenzial für Konflikte. Die Autoren des Religionsmonitors, Detlef Pollack und Olaf Müller, interpretieren dieses paradox wirkende Ergebnis so, dass die Bevölkerung ein „großes Problem- und Realitätsbewusstsein“ hat.

Entscheidung nicht nötig

Eines der Probleme ist, was unter Religionslosigkeit überhaupt zu verstehen ist. Der protestantische Theologe Hans-Martin Barth hat sich jetzt in seinem Buch „Konfessionslos glücklich“ (Gütersloher Verlagshaus, 272 S., 19,99 Euro) als einer der Ersten daran versucht, das Phänomen nicht nur soziologisch, sondern eben auch theologisch zu fassen. Religionslosigkeit sei, sagt er, am „Fehlen einer religiösen Option“ zu ersehen. Man kann sie demnach daran erkennen, dass Religionslose nicht mehr daran glauben, sich in Glaubensfragen entscheiden zu müssen. Und dass sie nicht auf „ein vorgefasstes Bild traditionell verstandener Religiösität“ setzen.

Barth formuliert die Konsequenzen für die Kirchen streitbar weit aus. Eine andere Folge ist, dass die Grenzen zwischen Religiösen und Religionslosen fließend werden. Die eingeübten Zuschreibungen von Konfessionen greifen nicht länger: Es gibt immer weniger, die sich unter eindeutige Begriffe sperren lassen. Die mentale, religiöse Landschaft erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel: Die einflussreichste Gruppe werden künftig die Religionslosen stellen. Die Folgen sind noch nicht absehbar.