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Ressourcen durch Bioabfälle: Humus ist nicht unerschöpflich

Ohne die Tätigkeit der Würmer gibt es keinen guten Humus.

Ohne die Tätigkeit der Würmer gibt es keinen guten Humus.

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Getty Images

Berlin -

Die Boden schafft“ ist eine Initiative der Ökologin und Künstlerin Martina Kolarek mit dem Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld. Die Gruppe begegnet der unsichtbaren Krise der Böden mit der gemeinschaftlichen Produktion von Kompost. Martina Kolarek kommt aus Österreich, sie ist Biochemikerin und Diplom-Ingenieurin für Angewandte Ökologie. Die Schaffung von Humus nennt sie einen sozialökologischen Akt.

Was will „Die Boden schafft“ erreichen?

Durch die Kompostierung wollen wir darauf aufmerksam machen, dass man die Ressourcen für neuen Boden nutzen muss und nicht für Energiegewinnung, wie es der Trend ist. Die Zutaten für neue Erde werden derzeit im Eiltempo vernichtet. Bei der BSR zum Beispiel wird die Kompostierung zurückgefahren. Stattdessen werden Bioabfälle für die Biogasgewinnung genutzt und zwar unter dem Label umweltfreundlich. Das möchte ich mit unserer Initiative in Frage stellen.

Warum ist das kritikwürdig?

Bioressourcen, also Garten- und Küchenabfälle, sind Materialien, die wir benötigen, um neuen Boden zu gewinnen. Die Natur macht das nicht einfach selber, sondern wir müssen etwas dafür tun, dass aus diesen Abfällen wieder gute, neue Erde wird. Das ist ein Kreislauf. Wenn wir den durchbrechen, indem wir Bioreste verbrennen, schaden wir dem Klima, indem wir die Co2-Konzentration erhöhen. Und wir entziehen diesem Kreislauf die Grundlage, die unserer Ernährung dient.

Ist Erde keine unendliche Ressource?

Der wichtige Teil der Erde, den wir benötigen, um unsere Nahrungsmittel zu erzeugen, ist der Humus. Das ist eine organische Substanz, und die ist überhaupt nicht unerschöpflich. Seit wir die industrielle Landwirtschaft haben, wird der Humus immer weniger. Mit der neuen, angeblich umweltfreundlichen Energiegewinnung nimmt der Anteil des Humus in der Erde sogar dramatisch ab. Unerschöpfliche Energiequellen sind der Wind, die Sonne, die Gezeiten.

Was hat die industrielle Landwirtschaft gegen den Humus?

Sie sieht Humus nicht als wesentliche Quelle und Grundlage unserer Ernährung an. Sie geht davon aus, dass man nur Mineralien braucht, damit Pflanzen gedeihen, in erster Linie Stickstoff, Kalium, Phosphor.

Also Dünger?

Genau. Mineraldünger. Aber sie sieht nicht, dass der Humus viel mehr Mineralien enthält, und dass er das Wasser hält, man also weniger bewässern und düngen muss. Und dass die Pflanzen sich gut in ihm verhaften und an die Nährstoffe herankommen. Sie fährt mit großen Geräten, die den Boden verdichten, über die Felder und düngt. Und wenn es Probleme gibt und die Pflanzen nicht gedeihen, wird noch mehr Chemie eingesetzt. Boden hat keinen Wert.

Aber es gibt doch Humus zu kaufen.

Das ist vielfach abgebauter Humus aus den Mooren, also Torf. Es gibt auch Kompostwerke, aber die machen einen relativ minderwertigen Kompost, aus Strauchschnitt zum Beispiel. Unser Kompost ist dagegen richtige Erde, mit allen Nährstoffen und Organismen, die ein Boden benötigt. Die Erde, die man kaufen kann ist tot, sie ist sterilisiert. Wir sterilisieren auch, aber am Anfang.

Der Komposthaufen wird heiß, 60 bis 70 Grad, weil er gut zusammengesetzt ist. Die nützlichen Tiere haben Zeit zu flüchten, weil das allmählich geschieht. Aber Unkrautsamen und Krankheitserreger werden abgetötet und danach können sich die Mikroorganismen entwickeln und die Würmer, Asseln, Ameisen und Tausendfüßler sich dazugesellen, die wir für die Bodenbildung benötigen.

Der Name Ihrer Gruppe klingt auch nach einer Fraueninitiative.

„Die Boden schafft“ soll nicht als Fraueninitiative gesehen werden, sie entstand als Ergänzung zur Wissenschaft. Anfangs hießen wir „Bodenschaft“, aber der Name war aus rechtlichen Gründen nicht möglich. „Die Boden schafft“ ist eigentlich besser, weil der Name das kreative Schaffen in den Mittelpunkt stellt. Männer sind eingeladen, sich an diesem komplexen Prozess zu beteiligen.

Tatsächlich ist es aber bisher so, dass mehr Frauen an den Workshops teilnehmen. Vielleicht, weil das Wiederherstellen von Ressourcen - also die klassische Reproduktionsarbeit - immer noch als Frauendomäne gilt. Für mich gibt es diese Trennung zwischen produktiven und reproduktiven Prozessen nicht. Ein wirtschaftlich nachhaltiger Prozess denkt Produktion und Reproduktion zusammen. Es gibt das eine ohne das andere nicht.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.