20.02.2012

Robert Morris in der Galerie Sprüth Magers: Bleierner Stuhlkreis mit Erik Satie

Von Ingeborg Ruthe
Eine der wenigen Arbeiten von Robert Morris, in denen es erzählerisch, fast mythologisch zugeht: „ Chairs“, 2001.
Eine der wenigen Arbeiten von Robert Morris, in denen es erzählerisch, fast mythologisch zugeht: „ Chairs“, 2001.
Foto: SPRÜTH MAGERS BERLIN LONDON/GALERIE SONNABEND
Berlin –  

Robert Morris zelebriert in der Galerie Sprüth Magers seine Philosophie von Chaos und Ordnung. Vom starren Werkbegriff eines Kunstwerks hat Morris sich offensichtlich ohne Bedauern getrennt.

Jedes Ende gebiert einen neuen Anfang. Das könnte die Botschaft sein, die der Amerikaner Robert Morris jedem zukommen lässt, der die in der Oranienburger Straße logierende Londoner Galerie Sprüth Magers betritt. Der taghelle, gut 60 Quadratmeter große Gartensaal bietet sich einem auf den ersten Blick als Abriss-Metapher dar. Als optimistischer Gruß vom Obi-Baumarkt. Wo zerstört wurde, wird schließlich auch wieder aufgebaut. Der produktive Kreislauf der Wirtschaft wäre damit garantiert.

Robert Morris' Philosophie von Chaos und Ordnung

Bildergalerie ( 6 Bilder )

Aber Morris ist weit davon entfernt, ein Zyniker zu sein, damit würde man die Kunst des aus Kansas City, Missouri, stammenden, nahe New York lebenden Bildhauers ganz falsch interpretieren. Der inzwischen 81-Jährige ist vor allem ein akribischer Konzeptualist und, neben Donald Judd, einer der bedeutendsten Minimalisten. Seit 50 Jahren lotet er die verschiedensten räumlichen Möglichkeiten aus, in denen sich die Kunst als Prozess, sehr viel weniger als Ergebnis herausstellen lässt. Und so ist, was zunächst einem Chaos gleicht, bei ihm immer wieder nur die Herstellung einer notwendigen Ordnung.

Es gibt keine visuellen Muster

Morris ist ein Materialfetischist: Filz, Metall, perfekt bearbeitetes Sperrholz, das sind die Stoffe, aus dem die Gebilde dieses Philosophen mit einer Ingenieurs-Seele entstehen. Radikal, doch ohne Wunden zu schlagen – das trifft den Kern seines Wirkens, und doch geht Morris noch weiter als viele andere seines Stils: Er lässt sich nicht festlegen, es gibt keine visuellen Muster. Sein Weg in der Kunst begann mit Tanz, er machte Theater, filmte, dann packte ihn die Skulptur, deren Grenzen er seither immer wieder sprengt. Morris suchte zwischendurch auch die theoretische Auseinandersetzung, indem er Texte in der Kunstzeitschrift Artforum schrieb. Sein Essay „Anti-Form“ von 1968 wurde zum vieldebattierten Manifest. Ihn interessieren Veränderungen, Verschiebungen, hart kontrastierende Situationen – und gern auch Desorientierendes. Nur so, glaubt er, eröffnen sich in unserer reizüberfluteten modernen Zeit immer wieder neue Chancen für Wahrnehmungen.

Wie ein riesiger schwerer Faltenrock: Morris’ „Untitled“, 2010, Filz.
Wie ein riesiger schwerer Faltenrock: Morris’ „Untitled“, 2010, Filz.
Foto: SPRÜTH MAGERS BERLIN LONDON/GALERIE SONNABEND

Scheinbar wahllos liegen auf dem Galerieboden schwarze, unterschiedlich strukturierte und zerschnittene Filzstücke – als Streifen, Rollen, Fetzen – verstreut und dazu, wie als Korrespondenz, sind Metallstücke arrangiert, geformte, gebogene, geschmiedete Platten, Kanten Winkel, Streben aus mit changierenden Anlassfarben vom Schweißen überzogenem Stahl und oxidiertem Eisen, aus Kupfer und Alu, dazu verzinkte und verbleite Leisten. Weiches trifft auf Hartes, Schwarzes auf Helles, Strukturiertes auf Glattes. Und eigentlich sind das alles Hunderte einzelne Skulpturen. „Scatter Piece“ von 1968 fordert ausdrücklich dazu auf, hindurchzugehen durchs vermeintliche Chaos, die Dinge auf dem Boden zu übersteigen, sie somit direkt körperlich wahrzunehmen.

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