22.02.2012

Roman: Nostalgische Visionen von Berlins Mitte

Von Lennart Laberenz
        

Jochen Schimmang: Neue Mitte.  Nautilus, Hamburg  2011. 255 S.,19,90 Euro.
Jochen Schimmang: Neue Mitte. Nautilus, Hamburg 2011. 255 S.,19,90 Euro.

Berlin im Jahr 2029: Jochen Schimmangs neuer Roman.

Jochen Schimmang blickt gern auf Übergangsphasen. Nachdem er mit "Das Beste, was wir hatten" (2009) aus der wohleingerichteten Bundesrepublik ausstieg, in deren von K-Gruppen umtoste Etappe er 1979 mit "Der schräge Vogel Phönix" hineingeraten war, begibt er sich nun ins Jahr 2029: Berlin ist eine nach-diktatorische, von internationalen Befriedungstruppen und Übergangsregierung organisierte, leidlich zerstörte Stadt. Im Regierungsviertel haben sich Ex-Widerständler, Boheme, Kropotnik-Leser und Start-up-Unternehmer eingefunden. Auch fehlen findige Gastronomen nicht. Ihr Gemeinwesen ist eine Art rechtlich-soziale Lücke, in der Kultur, Arbeit und Träumerei in einer Melange funktionieren, die wenig mit der Wirklichkeit der Stadt zu tun haben.

In dieses Milieu gerät Ulrich Anders, 35 Jahre alt und einer der vielen, die den Putsch im Jahre 2012 und die folgenden neun Jahre der militärisch-autoritären, aber auch sozialen "Junta" im inneren Exil verbrachten. Nun ist er dem Ruf eines Studienfreundes gefolgt - die Bibliothek in der neuen Mitte will eingerichtet werden. Ulrich Anders verliebt sich an seinem ersten Abend beim Blick über die Ruinenlandschaft in die Utopie, die sich vor seinem Fenster abspielt. Kurz darauf auch noch in eine Frau aus Liverpool. Diese heißt ausgerechnet Eleanor Rigby. Und natürlich sagt sie dann auch bald: "Ah, look at all the lonely people." Solcherart beginnt es langsam von Anspielungen zu wimmeln in der "Neuen Mitte", auch das Personal kommt einem irgendwie bekannt vor.

So hat das zukünftige Regime seinen Carl Schmitt, der der Bibliothek seine Bücher günstig vermacht und dann in einem Wald erschossen wird. Das wäre sowieso tragisch, nur hat Ulrich seine hübsche Frau bei den Vorbereitungen dazu beobachtet. Auch als das alte Regime noch einmal zuckt und sich zeigt, dass einige Unterstützer nur unter das Kleid der neuen Ordnung geschlüpft sind, um es alsbald zu zerreißen, ist Ulrich in der Nähe, hat aber mit allem wenig zu tun: Er schaut bloß zu. Nach einigem Monaten ist es geschafft: Die Strukturen werden fest, aus Verliebtheit wird Alltag und aus der Neuen Mitte eine Wiederholung der aktuellen Mitte. Nur Eleanor Rigby ist immer weniger zu fassen und Ulrich Anders muss heulen. Aus vormaligen Visionären werden Nostalgiker.

"Neue Mitte" ist ein recht unausgewogener Roman. Ein Phänomen aus dem deutschen Fernsehen taucht auf - ständig müssen sich die Protagonisten ihren Alltag erklären, damit der Zuschauer/Leser sie versteht. Dieser Erklärbär tapst durch die Dialoge und stört auch mittels eigentümlicher "Dokumente" und seltsam freistehenden Fußnoten, mit der Ulrich Anders seinen Bericht illustriert. Neben diesem halbherzigen Willen zur innovativen Form ist "Neue Mitte" auch sprachlich unbefriedigend: Ständig kennen sich Menschen "keineswegs", Dinge verlaufen "bekanntlich" soundso und Personen werden praktischerweise anhand ihrer Kleidung beschrieben.

Seltsam auch der Zeitbegriff: Häufig wird noch die unbedeutendste Tätigkeit, in der ein Paystick vorkommen kann, beschrieben. Es hagelt halb-witzige Anglizismen für zukünftige Computerspiele, Jugendgruppen und Kommunikationsmedien. Außerdem: Bücher, Platten oder Charaktere aus dem späten 20..Jahrhundert sind "prähistorisch". Und das erheblich zu oft: Hier erzählt kein Ulrich Anders seinen Lesern einen bereits wieder vergangenen Übergang, hier bestätigt Schimmang bloß den zeitlichen Abstand zum Heute. Und so wirken Paysticks hölzern und die Phantasie der Neuen Mitte 2029 irgendwie bieder. Auch wenn der Rezensent gern in das Trümmerfeld der Utopie eingezogen wäre.

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