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Rosamunde Pilcher im ZDF: Liebe, Lügen, Landschaften

Filmsprache Englisch: Natalia Wörner und Rupert Everett im Zweiteiler „Die andere Frau“, der am 23. und 25. Dezember im ZDF läuft.

Filmsprache Englisch: Natalia Wörner und Rupert Everett im Zweiteiler „Die andere Frau“, der am 23. und 25. Dezember im ZDF läuft.

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Mike Alsford/ZDF

Der Matsch spritzt beim Gehen bis zu den Knien, es riecht nach Mist, und in den offenen Ställen kann man Kühen beim Fressen zusehen. Von hinten erinnert das Filmset dieses Rosamunde-Pilcher-Drehs eher an eine düstere Mittelalterkulisse. Wenn da nicht die Technik-Lkw, die Wohnmobile der Crew und der Toilettenwagen wären. Aus der fahrbaren Küche wird „Full English Breakfast“ gereicht.

Denn das Pilcher-Universum ist nur knapp hundert Schritte entfernt. Den Kiesweg entlang und ein Mal um „Neston Park“ herum, jenes Herrenhaus in der Grafschaft Wiltshire, in dem das ZDF seinen diesjährigen Weihnachtszweiteiler „Die andere Frau“ dreht. Von vorne protzt „Neston Park“ blank geputzt mit majestätischen Säulen und einer breiten steinernen Veranda, vor der sich weitläufige Ländereien ergießen. Das Haus ist aus honigfarbenem Sandstein wie die meisten in den Cotswolds, der malerischen Gegend um die Bäderstadt Bath.

Hier spielen die Pilcher-Verfilmungen, wenn nicht gerade Cornwalls Klippen erforderlich sind und das ZDF zu Weihnachten was Besonderes auspackt: den „Premium-Pilcher“, international produziert, besetzt und vermarktet. Produzent Rikolt von Gagern lobt die gute Infrastruktur der Cotswolds, London ist nicht weit. Und es gibt alles, was im deutschen Fernsehen ein Quotengarant ist: Herrenhäuser, prasselnde Kamine, Tee aus feinen Tässchen und ein Drehbuch voller Liebe, Leiden und Landschaft.

Der Markenname zieht

Die Faszination der deutschen Zuschauer für alles Englische kann von Gagern sich auch nicht erklären, aber selbst wenn fast alles von Rosamunde Pilcher verfilmt ist – und Drehbuchautor Matthew Thomas aus ein paar Seiten Fragment einen 180-Minüter stricken musste – der Markenname „Pilcher“ zieht. Allerdings nur in Deutschland. In Großbritannien und den USA, wo der Film auch laufen soll, muss die Produktion überzeugen. Für die weltweite Vermarktung muss der Zweiteiler „hochwertig rüberkommen“, sagt der Produzent.

Kostüme, Licht, Musik, Kamera, Ton, vor allem aber das Drehbuch und die Darsteller sollen für das „Premium“ sogen. Tatsächlich ist „Die andere Frau“ die entkitschte Variante eines Sonntags-Pilchers und ausschließlich auf Englisch gedreht. Das Drehbuch nimmt sich mehr Zeit, die Figuren zu entwickeln, es ist weniger plakativ und die Geschichte raffinierter erzählt. Auch wenn das in der Kurzzusammenfassung anders klingen mag.

Die geht so: Die einstige Ballerina Rebecca Kendall (Natalia Wörner), Herrin von „Bramford House“, verliert ihren Mann (John Hannah, „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) bei einem Flugzeugabsturz. Sie findet heraus, dass er fast pleite war, in Kanada nach Gold suchte und dort eine zweite Frau samt kleinem Sohn hatte. Rebeccas älteste Tochter übt derweil für eine Ballettkarriere, die jüngere surft in Cornwall. Rebeccas Schwager wiederum versucht sie abzuzocken. Heiraten würde er die Witwe trotzdem ganz gern. Doch da ist noch ein Ex-Soldat (Hans-Werner Meyer) ...

Rupert Everett, bekannt aus „Die Hochzeit meines besten Freundes“ mit Julia Roberts und als typischer Dandy in Oscar-Wilde-Verfilmungen, spielt den bösen Schwager. Vor dem Dreh hatte er noch nie von Rosamunde Pilcher gehört, jetzt sitzt er im schwarzen Frack und mit bleichem Ernst in der Eingangshalle und liest den Independent. Everett ist der Star am Set. „Her Majesty möchte zwei Eier ...“ scherzen sie am Cateringwagen. Die Rolle des Fieslings hat ihn gereizt, sagt er. Und doziert über die alte römische Straße von Bath nach London, die genau da, wo der Park hinterm Haus aufhört, vorbeiläuft.

Natalia Wörner nutzt die Drehpause zum Kaffeeholen. Mit Fellstiefeln und im Daunenmantel steht sie im Matsch. Nass und kalt ist es, obwohl Mai. Die Innenaufnahmen sind abgedreht, langsam wird es eng für die Bilderbuchwetterszenen, die man im Film sieht. Die üppigen Blumengebinde, die das Innere von „Neston Park“ schmücken, halten bei dem nasskalten Wetter immerhin lange. Nicht nur in Sachen Sonnenschein wird aufgehübscht, auch das mehr als zweihundert Jahre alte Herrenhaus bekommt ein frisches Make-up. Die Küche wird neu gestrichen, in Grün. „Es muss ja nicht alles verkitscht sein“, sagt Produzent von Gagern und fügt schmunzelnd hinzu: „Die schönen Sachen sind meistens von uns.“

Lady Venitia Fuller, die echte Hausherrin, ist dankbar für Anregungen. „Oft denke ich dann: Stimmt, so könnten wir es auch machen“, sagt sie. Abgesehen vom „Jagdzimmer“. Eigentlich ist es das Wohnzimmer der Familie, nun hängen dort Hirschgeweihe und Fasanenbilder. Und weil dort gerade nicht gedreht wird, stapeln sich Technikausrüstung neben Suppenschüsseln, Kristallgläsern, einem Stich von „Hamilton, Earl of Orkney“ und Rokokoporträts. Auf einem der Regiestühle sitzt Venitia Fuller und erzählt, wie es ist, in so einem Haus zu leben.

Brauer und Bio-Landwirt

Ihr Ehemann, Sir James, erbte Titel und Familiensitz. Gemeinsam mit Venitia und den zwei Söhnen zog er aus London aufs Land, wurde Brauer und Bio-Landwirt. Venitita betreibt den dazu gehörenden Hofladen. Die Familie räumt häufig ihr Zuhause für Filmdrehs, zumindest den vorderen Teil. Das Geld investieren sie in die Renovierung des Dachs. Was Lady Venitia gar nicht leiden kann, ist zu viel Ehrfurcht vor dem alten Gemäuer. Als sie einzogen, haben die Fullers ihre Freunde samt Kindern eingeladen und sie im Salon von Sofa zu Sofa springen lassen, um allen die Scheu zu nehmen.

Der Salon, mit seinen Lüstern und dem goldenen Stuck der schönste Raum im Haus, ist im Pilcher-Film ein Ballettzimmer mit Stangen und Spiegeln. Dort sitzt Natalia Wörner am Klavier und sieht ihrer Film-Tochter, beziehungsweise deren Double beim Tanz zu, zu. Rupert Everett betritt den Raum, dunkel, geheimnisvoll, böse. Er küsst seine Schwägerin auf die Wange. Schuss, Gegenschuss, „Action“, „Cut“. Vier Seiten Drehbuch, vier Szenen lautet das Pensum für diesen Tag. Dazwischen: Warten. „Natalia hätte gerne ihren Mantel“, schallt es aus einem der Mikrofone. Der Regen ist noch stärker geworden. Im Film sieht man von alldem nichts: nichts von der Kälte, nichts vom Matsch, keine Kuh. Nur Pilcher, im Hochglanzformat.


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