04.02.2012

Rudolf Lorenzen: Kleingeister, Parvenüs und Beutelschneider

Von Katrin Schuster
        

Rudolf Lorenzen, Schriftsteller
Rudolf Lorenzen, Schriftsteller
Foto: Verbrecherverlag

Rudolf Lorenzens „Boulevardier“-Reportagen über Berlin. Der Schriftsteller wird an diesem Sonntag 90 Jahre alt. Sein Verleger publiziert nun sein Jahrhundertwerk - auch wenn womöglich erst die Nachgeborenen das begreifen werden.

Da sich an der literarischen Potenz von Rudolf Lorenzen nicht zweifeln lässt, muss es andere Gründe haben, dass der Autor bereits zu Lebzeiten als gleich mehrmals zu Unrecht Vergessener in die Annalen eingehen wird. Auch die klugen Einlassungen solch singulärer Publizisten wie Sebastian Haffner, Walter Kempowski und Friedrich Sieburg - wer sonst kann sich schon diesen Dreiklang ans Revers heften? - konnten nichts daran ändern, dass der Kanon diesen Schriftsteller einfach nicht unter seine Fittiche nehmen will. Lorenzen selbst meint zu wissen warum: "Es gibt den geborenen Erfolgsschriftsteller", erklärte er einmal in einem Interview und zählte sich freilich nicht als solchen. Mit Gottfried Benn gesagt: Rudolf Lorenzen hatte einfach nie Saison. Denn Lorenzens sprachlich perfider Realismus hatte weder mit bürgerlicher Subjektivität noch mit dem Anti-Auktorialen je viel am Hut. Stattdessen breitet er mit teils ätzender Ironie die ganze Kleingeistigkeit des menschlichen oder besser: des deutschen Größenwahns vor des Lesers Augen aus.

Zweiter Weltkrieg, Wirtschaftswunder, West-Berlin: An diesem Sonntag wird Rudolf Lorenzen 90 Jahre alt, als 1922 Geborener kennt er sowohl den schmutzigen Bodensatz der BRD als auch das Allerlei der Pflänzchen, die darin Blüten trieben. Kaum zufällig handelt sein Fünfziger-Jahre-Roman "Die Beutelschneider" von einer Werbeagentur am Bodensee und führt er darin den Erfolgsschriftsteller Bodo Redwanz beim nicht sonderlich engagierten Hadern mit dem Geldverdienen vor.

Würde hierzulande alles mit rechten Dingen zugehen, dann müsste Lorenzen in einem Atemzug mit Martin Walser genannt werden: als dessen andere Seite der BRD-Medaillenliteratur. Wo Walser sich von der Natur, dem Weiblichen und dem Deutschen vergeistigt und begründet wähnt, da seziert Lorenzen die Zivilisation und die Milieus, denen man nicht entkommt, und erzählt von der Allgegenwart der Parvenüs, die jene als "düster" imaginierte Zeit vor 1945 hellsichtig für ihre Karriere zu nutzen wissen. "Wenn ich meine Vergangenheit bewältige", erregt sich Redwanz in "Die Beutelschneider", als man ein wenig mehr Humor von ihm erbittet, "verliere ich ein Vermögen. Wovon soll ich leben, wenn nicht davon?"

Ja, wovon soll man als Schriftsteller leben, wenn nicht davon? Am Ende von Lorenzens jüngstem Band "Die Hustenmary", der zur Feier des Geburtstages in dunkelblaues Leinen gebunden erscheint und eine Reihe der pikant literarisierten "Boulevardier"-Reportagen über Berlin versammelt, findet sich ein kurzer Text namens "Ruiniert mir der brutale Hund alle Hoffnungen". Es geht um Verleger: "anscheinend das Unkraut im Garten der Literatur, eigens von der Gesellschaft gezüchtet, dem Autor die Lebensbedingungen zu erschweren." Zum Glück denkt Lorenzen nicht im Traum daran, ein Erfolgsschriftsteller zu werden, sondern konzentriert sich auf das Schreiben seiner großen Literatur. Und zum Glück denkt sein Verleger nicht im Traum daran, die ihm von Lorenzen zugedachte Aufgabe - nämlich: die Literatur zu reduzieren - zu erfüllen, sondern publiziert einfach dieses Jahrhundertwerk, das womöglich erst die Nachgeborenen als das begreifen werden, was es ist: eine, wenn nicht gar die deutsche Geschichte.

Rudolf Lorenzen: Die Hustenmary. Verbrecher, Berlin 2012. 116 Seiten, 18 Euro.

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