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Rundfunksinfonieorchester Berlin: Vladimir Jurowski wird RSB-Chefdirigent

Wechsel am RSB: Wladimir Jurowski folgt auf Marek Janowski.

Wechsel am RSB: Wladimir Jurowski folgt auf Marek Janowski.

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dpa

Als vor ein paar Monaten, kurz nach der Vorstellung der Saison 2015/16, Marek Janowski bekanntgab, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nicht über 2016 hinaus zur Verfügung zu stehen, war das ein Schock. Der begnadete Orchestererzieher hat das RSB in 15 Jahren zu einem charaktervollen Klangkörper geformt – wen soll man in so kurzer Zeit finden, der geeignet ist, diese Arbeit fortzusetzen. Nun hat man ihn laut einem Bericht des Fernsehsenders und RSB-Mitgesellschafters RBB in erstaunlich kurzer Zeit gefunden. Es ist eine Besetzung, über die man froh sein kann – außerdem heißt der neue Chef so ähnlich wie der alte: Wladimir Jurowksi.

In Berlin ist Jurowski gut bekannt; sein Vater Michail wurde 1978 Gastdirigent an der Komischen Oper, da war Wladimir gerade sechs Jahre alt, und ist heute wichtigster Gastdirigent des Konzerthausorchesters. Sein Sohn lernte zunächst beim Vater, dann studierte er in Berlin bei Rolf Reuter und war Assistent bei Colin Davis. Wie in einer anderen Dirigentendynastie, den Järvis mit Neeme, Paavo und Kristian, sind die Generationen auch bei den Jurowskis künstlerisch ganz unterschiedlich geraten: Neben dem bärenhaften Michail ist Wladimir ein Dirigent eher dämonischen Typs, ein schlanker, jugendlich wirkender Mann mit schwarzen Locken. Er teilt zwar mit dem Vater die Expertise für russische Musik, verfügt aber zugleich über ein ungemein reiches Repertoire, zu dem Bruckner, Mahler, Strauss oder Zemlinsky genau so gehören wie Saint-Saëns, Debussy und Dukas.

Wladimir Jurowski hat sehr früh internationale Karriere gemacht. 1996, mit 24 Jahren dirigierte er erstmals in Covent Garden, danach auch an der Komischen Oper in Berlin, mit 29 wurde er musikalischer Direktor in Glyndebourne. 2007 wurde er beim London Philharmonic Orchestra Nachfolger von Kurt Masur, bis heute ist er dort Chefdirigent. Seit 2011 leitet Jurowski außerdem das Staatliche Sinfonieorchester von Russland– ob er tatsächlich noch ein drittes Orchester übernehmen oder eines abgeben wird, ist bislang offen wie auch, wann sein Vertrag beginnt. In Berlin dirigierte Jurowski im April an der Komischen Oper „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg, eine Interpretation, die durch analytischen Scharfsinn und musikalisches Temperament zugleich begeisterte und bewies, dass sich dieser Dirigent auch in kompliziertesten Partituren souverän bewegen kann.

Das RSB hat sich bislang zur Besetzung Jurowskis nicht geäußert – anders als bei den Berliner Philharmonikern wird hier der Dirigent nicht vom Orchester gewählt, sondern von einer Findungskommission berufen, der neben dem Orchestervorstand auch Mitglieder der Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC) angehören, die das RSB finanziert. Nachdem Marek Janowski seine Programme vor allem unter orchestererzieherischen Aspekten gestaltete, könnte Jurowski den Akzent wieder stärker auf inhaltliche Zusammenhänge legen. Seine Londoner Programme jedenfalls zeigen so fantasievolle wie schlüssige Zusammenstellungen. Dem Berliner Musikleben kann Jurowski einen neuen Akzent geben.