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Ryan Gosling: "Die Superhelden waren alle schon vergeben"

Ryan Gosling.

Ryan Gosling.

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dpa/Narong Sangnak

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Der Kanadier Ryan Gosling gilt als einer der bemerkenswertesten Hollywood-Darsteller der Zeit. Das liegt vor allem daran, dass er als Schauspieler ein weites Spektrum abdeckt: Er kann Komödie und Drama. In seinem neuen Film „Drive“ spielt er einen Mann, der tagsüber als Stuntman und nachts als Kurierfahrer für Gangster arbeitet.

Mr. Gosling, Sie waren zuletzt in höchst verschiedenen Filmen zu sehen. Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?

Das hat immer unterschiedliche Gründe. Eine Zeit lang hatte ich zum Beispiel Lust, einen Superhelden zu spielen. Aber leider waren all die spannenden Comicverfilmungen längst vergeben. Dann landete „Drive“ auf meinem Tisch und ich hatte das Gefühl, daraus könnte man etwas Vergleichbares machen. Wobei das Spannende eben ist, dass der Kerl, den ich spiele, nicht wirklich ein Superheld ist, sondern jemand, der zu vieler solcher Filme gesehen hat und das auf sein eigenes Leben überträgt.

Der Zuschauer erfährt nie, wie dieser Mann eigentlich heißt. Und besonders viel sprechen tut er auch nicht ...

Das fand ich als Schauspieler sehr erholsam. Kurz zuvor hatte ich „Blue Valentine“ gedreht, wo wir unglaublich viel reden, streiten, improvisieren mussten. Das war ziemlich anstrengend und ich war danach wirklich erschöpft. Es hätte mich bei „Drive“ deswegen auch nicht gestört, wenn wir ganz auf die Dialoge verzichtet und einen Stummfilm gedreht hätten.

Ist es nicht viel schwieriger, eine Figur zum Leben zu erwecken, wenn man kaum Dialoge hat?

Vielleicht ist ’schwieriger’ nicht das richtige Wort. Auf jeden Fall anders. Und man braucht Kollegen, die einem das Sprechen abnehmen. Eine so in sich zurückgezogene Figur wird ja erst dann interessant, wenn sie mit anderen konfrontiert wird, die nicht so sind wie sie. Deswegen haben in diesem Fall letztlich Carey Mulligan, Albert Brooks und die anderen Schauspieler erst ermöglicht, dass ich diesen Mann so spielen konnte wie ich es getan habe.

Werwolf-Film ohne Spezialeffekte

Wie wird man selbst warm mit jemandem, der so wenig von sich preisgibt? Wie haben Sie sich eingefühlt in diesen Mann?

Ich bin die Sache angegangen wie einen Werwolffilm, nur eben ohne Spezialeffekte. Dieser Mann verbirgt unter der Oberfläche ein enormes Gewaltpotenzial. Er hat eigentlich permanent Angst, jemanden zu verletzen. Deswegen versucht er nach Kräften einen Weg zu finden, diese Aggression in etwas Positives zu verwandeln. Aber genau wie bei Werwölfen kommt auch bei ihm irgendwann der Punkt, wo er diese Seite seiner Persönlichkeit nicht mehr unterdrücken kann und sie mit Wucht zum Vorschein kommt.

Eine andere Seite der Figur ist die Liebe zu Autos. War das leichter nachzuempfinden?

Eigentlich hatte ich vor dem Film nicht die geringste Ahnung von Autos. Aber dann habe ich mir unser Filmauto vorgeknöpft, diesen irre coolen 1972er Chevy Malibu. Den habe ich in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengebaut. Unter Anleitung eines Fachmanns natürlich. Nur von der Elektronik habe ich die Finger gelassen. Jetzt kenne ich dieses Auto jedenfalls wie meine Westentasche. Allerdings auch wirklich nur dieses. Von allen anderen habe ich immer noch keine Ahnung.

Fahren Sie denn gerne?

Nachts mit dem Auto durch Los Angeles zu fahren, ist sozusagen ein Hobby von mir. Selbst während der Dreharbeiten sind der Regisseur Nicholas Winding Refn und ich abends noch stundenlang durch die Stadt gefahren und haben Musik gehört. Da sind Realität und Fiktion also fast miteinander verschmolzen, und der Film selbst ist so etwas wie die Essenz seiner eigenen Entstehung. Am Steuer saß übrigens immer ich, denn Nic hat gar keinen Führerschein und Angst vor jeder Art von Geschwindigkeit.

Gosling: Musik als zweite Leidenschaft

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Sie und Refn wurden zu engen Freunden. Was verbindet Sie?

Wir fühlen beide seit unserer Jugend eine beinahe ungesunde Leidenschaft für Filme. Er hat sich jeden Morgen vor der Schule „Texas Chainsaw Massacre“ zum Frühstück angeschaut. Und ich habe mir schon in der ersten Klasse „Rambo“ reingezogen – und bin dann mit einem Set Steakmesser in die Schule gekommen, die ich in der Pause durchs Klassenzimmer warf. Natürlich wurde ich suspendiert und meine Eltern sorgten fortan dafür, dass ich nur noch Kinderfilme gucke.

Eine weitere Leidenschaft von Ihnen ist die Musik, nicht wahr?

Ja, wobei sich meine Gehversuche als Musiker eher zufällig ergeben haben. Ursprünglich wollte ich zusammen mit einem Kumpel ein Theaterstück auf die Beine stellen, doch wir fanden keine Geldgeber. Aber die Geschichte ließ uns nicht los, und weil es heute kaum noch etwas kostet, CDs aufzunehmen, übertrugen wir sie in Musik. Weder er noch ich spielten ein Instrument, also nahmen wir uns ein Jahr Zeit, das zu lernen. Ich lernte Gitarre, Bass und Klavier. Am Ende kam unser Album „Dead Man’s Bones“ heraus.

War das ein einmaliges Experiment?

Oh nein, wir gingen 2009 auf Tour und gründeten eine echte Band. Und weil wir irgendwann wieder eine Theateridee hatten, für die sich keine Investoren auftreiben ließen, arbeiten wir aktuell an einem zweiten Album.

Klingt so, als seien Sie der Schauspielerei schon überdrüssig ...

Auf keinen Fall! Die Schauspielerei ist wie ein Zwang für mich, im positiven Sinne. Das Spielen vor der Kamera übt auf mich eine magische Anziehung aus. Der Tag, an dem ich herausgefunden habe, was der Reiz an der Schauspielerei ist, wird wahrscheinlich der Tag sein, an dem ich damit aufhöre.

Das Interview führte Patrick Heidmann.