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Schimpfwörterlexikon: Schwuli und Schwulibert

Auch nach dem Selbst-Outing des früheren Nationalspielers Thomas Hitzlsperger gehört das Wort "Schwuchtel" noch auf vielen Schulhöfen zum guten Ton.

Auch nach dem Selbst-Outing des früheren Nationalspielers Thomas Hitzlsperger gehört das Wort "Schwuchtel" noch auf vielen Schulhöfen zum guten Ton.

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AP/dpa

Im Duden erscheint das Wort „schwul“ in Westdeutschland zuerst 1967, in der DDR 1976, jeweils mit der Erklärung: „derb für: homosexuell“. Der Schweizer Bundespräsident Moritz Leuenberger würdigte 2001 die Schwulen- und Lesbenbewegung: ihrer Beharrlichkeit sei es zu verdanken, „dass ich heute die Worte ,schwul’ oder ,lesbisch’ viel leichter über die Lippen bringe. In meiner Jugend waren dies obszöne Schimpfworte, und ich wunderte mich später darüber, dass Sie sich nicht einen anderen, weniger belasteten Namen geben, etwas Lateinisches oder Griechisches vielleicht?“

Die jugendsprachlichen „Schwuli“ und „Schwuschi“ erinnern zwar an Koseworte, wurden aber wie die schon um 1920 üblichen „Schwulibert“ und „Schwulinski“ herabsetzend gebraucht. Das gilt auch für „Schwuletten“, Christian Kracht erzählt in „Faserland“ von einer Begegnung: „plötzlich wird mir klar, daß ich mitten in einer Runde von ganz, ganz harten Schwuletten gelandet bin. Alle sind tiefbraun, einige haben ondulierte Haare und die meisten sind über vierzig. Sie haben die unmöglichsten Badehosen an, so Bänder, die hinten durch die Furche gezogen werden und vorne ein kleines Beutelchen haben.“

Im 17. Jahrhundert wurde das norddeutsche swul, verwandt mit schwelen, ins Hochdeutsche übernommen und im 18. Jahrhundert war es vermutlich der ähnliche Klang von kühl, der die Umformung zu schwül bewirkte.

Schwulität für Schwierigkeiten geht als Ableitung auf einen studentischen Scherz im 18. Jahrhundert zurück, Gottfried August Bürger schrieb: „D’rauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen./ Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen,/ Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,/ Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.“

Komische Wirkung

Schwul als ältere Variante von schwül verschwand zwar aus der Schriftsprache, wurde aber gelegentlich für komische Wirkung verwendet. So beschrieb der Germanist Johann Christoph Adelung „schwühl“ als „ein nur von der Luft und Witterung übliches Wort“, wohingegen „schwuhl“ zu den „gemeinen Sprecharten“ gehöre: „Mir wird ganz schwul bei der Sache!“

Ernst Moritz Arndt dichtete 1860: „September trüb und schwul sendet Leichen zu Tiefen, weil zu dem Entenpfuhl Wasser holen sie liefen.“ Zur Bedeutungsübertragung im Sinne unseres heutigen Gebrauches für „homosexuell“ war es zu dieser Zeit aber schon gekommen, wie der Germanist Paul Derks ausführt, der den Ausdruck in einer kriminologischen Abhandlung von 1847 gefunden hat und deshalb subkulturellen Gebrauch des Wortes vermutet.

Im 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung sowohl im Berliner Jargon als auch in der Gaunersprache Rotwelsch üblich. In „Das deutsche Gaunertum“ von 1862 von Avé-Lallemant wird Schwuler erklärt: „der von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene, ho paiderastes“.

Griechischkundige kannten Päderastie als Fremdwort für die gleichgeschlechtliche Liebe. Auch der Sexualwissenschaftler Albert Moll wusste 1891 schon von schwul als Selbstbezeichnung für „Conträrsexuelle“ Männer und Frauen, die ihre festen Beziehungen „schwule Ehe“ oder „schwules Verhältnis“ nannten.

Warm, schwül und schwul

Es liegt nahe, eine Übertragung zu vermuten, wie sie in der Bezeichnung „warmer Bruder“ stattgefunden hat für jemanden, der nicht kühl, sondern heiß für Geschlechtsgenossen empfindet, oder wenigstens warm, schwül und schwul.

Seit dem Ende der 60er Jahre gibt es die Schwulenbewegung, die sich auch so nennt, seit 1985 in Berlin das „Schwule Museum“. Die Zeitungen setzten „schwul“ in Anführungszeichen, während die linksliberalen Medien die Bezeichnung häufig verwendeten, wurde sie von den konservativen vermieden.

Franz Wittman von der CDU kämpfte 1988 gegen die „Verwilderung der Sprachkultur“ und die „der Gosse zugehörige Vokabeln“, Bundestagspräsident Jenninger forderte dazu auf, „Schwule und Lesben“ durch „Homosexuellen und Lesbierinnen“ zu ersetzen. Erst 1990 endete die rechte Zensur und die Grünen konnten verkünden: „Das Parlament erweitert seinen Sprachschatz“. Der Rest ist Geschichte, Klaus Wowereit gab 2001 als erster deutscher Spitzenpolitiker selbstbewusst bekannt: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so!“


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