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Berliner Zeitung | Schließung am Potsdamer Platz: Berliner Stage-Theater im Griff der Investoren
21. January 2016
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Schließung am Potsdamer Platz: Berliner Stage-Theater im Griff der Investoren

Zukunft ungewiss: Was passiert mit dem Musicaltheater am Potsdamer Platz.

Zukunft ungewiss: Was passiert mit dem Musicaltheater am Potsdamer Platz.

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imago/Schöning

Bekommt ein Stück wie „Hinterm Horizont“ eigentlich Subventionen?, fragt die Kollegin, als sie von der Schließung des Stage-Theaters am Potsdamer Platz hört. Natürlich nicht. Als Theatergängerin sollte sie sich eigentlich auskennen, aber nein. Dem Zuschauer ist es in der Regel egal, wie ein Stück zustande kommt, ob Oper oder Musical. Hauptsache, es ist gut. Dabei liegen Welten zwischen den Häusern, man kann es nicht oft genug wiederholen. Das eine bekommt jährlich bis zu vierzig Millionen Euro vom Steuerzahler, das andere muss Millionen investieren, bevor es den ersten Euro verdient.

Das Ökonomische ist der Hintergrund, vor dem das Ende eines kommerziellen Musical-Theaters betrachtet werden muss, nicht das Künstlerische. Tatsächlich haben wir es mit Unternehmen zu tun, deren Produkte wirtschaftlich sein müssen und wie in Hamburg durchaus einen Wirtschaftsfaktor darstellen können. Die Stage Entertainment, die vor fünf Jahren das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ entwickelte, landete damit einen Coup. Kritiker zeigten sich geteilter Meinung, doch egal, es wurde ein sagenhafter Erfolg. Es traf den Nerv der Zeit: Endlich mal kein Broadway-Import, sondern ein Thema aus dieser Stadt. Bis heute zählt „Hinterm Horizont“ zwei Millionen Zuschauer, mehr als 1800 Vorstellungen. Erst letzte Woche verließen zum 5. Jahrestag Erfolgsnachrichten das Theater.

„Nicht genug Gewinn“

Nun also erwartete das 150-köpfige Ensemble die Verkündung des Nachfolge-Stücks. Stattdessen wurde es mit der Meldung überfallen, dass Ende August alles zu Ende ist. Dass das Stück insgesamt „nicht genug Gewinn“ abgeworfen habe. Dass kein anderer Stoff profitabel genug sei für eine Nachfolge. Die schockierte Belegschaft traute ihren Ohren nicht.

Tatsächlich klingt die Nachricht so bizarr, dass ein Blick auf die Geschäftspolitik der Stage lohnt. Was ist mit dem Unternehmen los, das vor 15 Jahren antrat, den Musicalmarkt in Deutschland zu beherrschen und das Ziel zügig erreichte? Zuerst übernahm es Theater und Stücke von dem insolventen Marktführer Stella, dann legte es los. Der holländische Chef Joop van den Ende, heute 73, war der Mann mit dem Geld. Er hatte für seine Anteile an den Fernsehrechten von Endemol („Wer wird Millionär?“) irrsinnige Summen kassiert. Er wolle der Kultur etwas zurückgeben von seinem Reichtum, erklärte er damals sein Engagement. Es klang gutherzig. Dann flossen Hunderte Millionen Euro Investitionen in den deutschen Musicalmarkt.

Kommerzielle Musicals müssen keine Goldgruben sein. Ein Stück wie „König der Löwen“ bleibt die Ausnahme, der Rest liegt im Hochrisikobereich. Erinnert sei in Berlin an die Einbrüche in der Freien Volksbühne, im Schiller-Theater und Admiralspalast. Joop van den Ende aber wollte nicht nur Musicalkönig von Deutschland und Holland sein, er investierte weiter in London und am Broadway, expandierte nach Frankreich, Spanien, Italien. In Deutschland ging das Geschäft auf, dank einer fähigen hiesigen Mannschaft und eines Musical-affinen Publikums.

Der Umsatz lag 2013/14 bei 284 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern bei 29 Millionen Euro. 2014/15 steigerten sich die Ergebnisse auf 307 Millionen Euro Umsatz. Wenn das nicht gesund klingt! Und trotzdem muss ein Hauptstadt-Theater schließen? Fehlen dem Unternehmen alle Ambitionen? Früher griff es zu, wenn sich eine Chance zur Expansion bot, etwa beim Theater des Westens. In Hamburg laufen vier Stage-Stücke gleichzeitig. Und für Berlin findet ein weltweit agierender Konzern nichts? Was passiert eigentlich mit den Gewinnen?

Nun, es gibt Verwendung. Der Unternehmenssprecher Stephan Jaekel formuliert vorsichtig: „Unsere neuen Teilhaber CVC Capital Partners haben nüchterne und hohe Gewinnvorgaben. Daran müssen wir uns orientieren.“ CVC gehören zu den weltgrößten Finanzinvestoren, die sich in Luxemburg versteuern lassen. Ausgerechnet an sie hat Joop van den Ende im September sechzig Prozent seiner Anteile an der Stage verkauft. So viel zu seinem Bedürfnis, der Kultur etwas „zurückzugeben“.

Die neuen Mehrheitseigner lassen sich nicht aufhalten von kulturellen Überlegungen. Stephan Jaekel: „CVC betrachten die Stage als internationalen Konzern.“ Was der Satz bedeutet, weisen die Bilanzen aus. Anders als die Stage in Deutschland haben die Ableger in Frankreich, Italien, England und den USA Verluste angehäuft. Das Defizit des Gesamtkonzerns liegt bei 19 Millionen Euro. Damit wäre klar, wo die Gewinne des gesunden Deutschland-Ablegers gebraucht werden.

Mietvertrag bis 2022

Als nächste Schritte beschlossen die neuen Eigentümer 20 Entlassungen am Sitz der Stage in Hamburg sowie die Schließung der Joop-van-den-Ende-Musical-Academy. Die Nachwuchs-Ausbildungsstätte galt bisher wegen des Namens als heilig. Aber natürlich ist sie ein Kostenfaktor. Der Betriebsrat formulierte einen Protestbrief. Offenbar sind die neuen Herren keine Freunde von Diskussionen, sie verkünden einfach. Der Geschäftsführer Just Spee in Amsterdam schrieb an die Belegschaften, auch er sei überrascht worden von dem Presseinterview über die „anstehende Re-Organisation der Stage“.

Die Finanzinvestoren verstehen nichts von der hochsensiblen Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz in Musicals. Aber doch wohl von Zahlen. Sie schließen als erstes ein großes Theater in dem Land mit den größten Gewinnen, wollen aber gleichzeitig die Zuschauerzahlen von zehn auf zwanzig Millionen steigern? Wie denn? Das werden sie wohl verkünden, wenn es soweit ist.

Für die Mitarbeiter des Potsdamer-Platz-Theaters stehen die Aussichten nicht gut. Der Mietvertrag läuft bis 2022, angeblich für drei Millionen Euro Jahresmiete. Ob sich der Eigentümer auf Verhandlungen mit anderen Mietern einlässt, ist ungewiss. Langfristig gäbe es wohl Interessenten. Maik Klokow etwa, Chef des Musicalunternehmens Mehr!Entertainment, könnte seinen Hut in den Ring werfen. Er betreibt in Berlin den Admiralspalast und kennt das Theater am Potsdamer Platz von früher. Er war der erste Chef der Stage in Deutschland, hat hier zehn Standorte aufgebaut, bevor er sich 2008 mit van den Ende endgültig überwarf. Indessen führt er ein Unternehmen mit sechs Häusern. Nicht ganz so groß, nicht ohne Rückschläge, aber auf alle Fälle ohne Heuschrecken.