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Schumanns „Faust“-Szenen in der Philharmonie: Aufstieg aus geheimnisvollen Abgründen

Die Philharmoniker nehmen sich Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ an.

Die Philharmoniker nehmen sich Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ an.

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imago/blickwinkel

In Robert Schumanns Oratorien ist trotz mancher Schönheiten nicht viel von dem poetischen Geist zu spüren, der seine Lieder, die Klaviermusik, die Kammermusik und Sinfonien auszeichnet. Es mag sein, dass der psychisch aufgeriebene Komponist in seiner letzten Schaffensphase, in die die „Szenen aus Goethes Faust“ fallen, nicht immer auf der Höhe seiner Schöpferkraft war. Aber mehr noch drängt sich der Eindruck auf, dass das Breitwandformat des Oratoriums einfach nicht Schumanns Sache war. Vor allem die schlichte Behandlung der Chöre, mit Ausnahme der Engelschöre des letzten Teils, kommt nicht an Mendelssohn als Oratorien-Zeitgenossen oder Mahler als Faust-Genossen heran.

Trotzdem hat der knapp zweistündige, textgetreue Zusammenschnitt von Schlüsselszenen aus Goethes „Faust I & II“ immer wieder bedeutende Fürsprecher gefunden. Benjamin Britten hat sich als Dirigent für das Stück eingesetzt. Claudio Abbado hat es zuletzt vor gut zehn Jahren mit den Philharmonikern aufgeführt. Und für Nikolaus Harnoncourt war es ein lange gehegter Herzenswunsch, dieses Stück in Berlin zu machen. Dass der 84-Jährige nun die geplante Produktion wieder absagen musste, ist bedauerlich, denn sein Bekenntnis zum Stück hätte man gern in der musikalischen Umsetzung erlebt.

Daniel Harding ist einer der wenigen Dirigenten, die die Faust-Szenen im Repertoire haben. Er hatte den Mut, Proben und Philharmoniker-Konzerte zwischen eine Serie von Aufführungen des „Fliegenden Holländers“ an der Staatsoper einzuschieben. Harding hat seine einst ausladende, den schmalen Körper verlängernde Gestik im Lauf der Jahre immer mehr reduziert; und es war schon beeindruckend, mit welch minimalem Aufwand er den großen Klangapparat mit Instrumentalisten, Rundfunkchor, Staats- und Domchor und Solisten vor und hinter dem Orchester zu punktgenauem Zusammenspiel bringt.

Sonnenaufgang

Ihre besten Momente hatte diese Aufführung im dritten Teil, was auch an der Komposition liegt. Die umfangreiche Schlussszene aus „Faust II“, die Schumann als erste schrieb, ist auch die erfindungsreichste. Man könnte fast sagen, dass die Musik um so stumpfer wirkt, je weiter er von hinten dem Anfang zu komponierte. Das unbedeutendste Stück steht ausgerechnet am Anfang.

Es ist die zuletzt geschriebene Ouvertüre, die zwischen dem Aufstieg aus geheimnisvollen Abgründen und den straff gespannten Schlusstakten im streicherbetonten Tutti-Klang sich dehnt und von Harding auch in den wenigen sich anbietenden Kontrasten zwischen disziplinierenden Marschrhythmen und tänzerisch-erotischem Schwung kaum akzentuiert wurde. Mit Hochspannung geladen wirkte dagegen das Vorspiel zum zweiten Teil, dem Sonnenaufgang, mit seinem Horizont aus fließender Streicherbewegung und den daraus wie Strahlen hervorbrechenden punktierten Bläserakkorden. Erst recht bezwingend war der Anfang vom dritten Teil, der Bergschluchtszene, mit dem fein gesponnenen Netz von Imitationen und Echo-klängen in Chor und Orchester.

Zu den Solisten hält Harding engsten Kontakt fast ohne direkte Blicke. Von Anfang an überzeugt die intensiv aufeinander bezogene Deklamation, mit der Christian Gerhaher und Dorothea Röschmann zwischen Faust und Margarethe im Garten die Nähe der beiden suggerieren. Aber während Röschmanns Sopran in der folgenden Andachtsszene mit stereotypem Vibrato wenig Tiefe zu geben vermag, gewinnt Gerhahers Faust von Szene zu Szene, im Dialog mit der Sorge und in der großartig verinnerlichten Todesszene noch an Nuancen hinzu. Und wie Christian Gerhaher in der Bergschluchtszene als Doktor Marianus dem Staunen über die aufziehende Himmelsvision reinsten Ausdruck verleiht, wirkt gestalterisch so überwältigend schön, dass allein dafür der Konzertbesuch lohnt.