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Serie: Autoren über das Altern: Franz Hohler: Lauter Alarmsignale

Der Schriftsteller Franz Hohler (71) ist auch Kabarettist und Liedermacher.

Der Schriftsteller Franz Hohler (71) ist auch Kabarettist und Liedermacher.

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dpa/Frank May

Der Kilometerstein 70 auf unserem Lebensweg scheint mir gefährlicher als der Kilometerstein 60. Aber selbstverständlich fängt das Altern und der aufkeimende Schrecken darüber nicht erst mit 70 an.

Ich werde alt

Ich steige in Gaggenau aus. Eine Dame vom Kulturamt holt mich ab. Ich erkenne sie, bevor sie mich erkannt hat. Fast immer erkenne ich die Leute, die am Bahnhof stehen, um mich abzuholen, sie stehen da wie Fragezeichen. Da ich morgen früh eine Fahrkarte nach Rastatt benötige, werfe ich, bevor wir zum Auto gehen, einen Blick auf den Fahrkartenautomaten. Unter den vielen kleingedruckten Ortsnamen finde ich Rastatt nicht, obwohl ich sorgfältig den Anfang der R-Orte absuche.

„Sehen Sie Rastatt?“, frage ich die Kulturbeauftragte, und sie sieht es ebenso wenig, schon aus Respekt mir gegenüber.

Ich gehe zum Schalter und verlange eine einfache Karte nach Rastatt, gültig am morgigen Tag. Die könne sie mir nicht geben, sagt die Schalterbeamtin, da müsse ich morgen den Automaten quälen. Sie sagt „quälen“, mit einem rätselhaften, halb ironischen, halb maliziösen Lächeln. Da sei eben Rastatt nicht drauf, sage ich. Rastatt sei schon drauf, sagt sie, aber ich könne auch einfach die Zahl 340 wählen.

„Mach ich“, sag ich, „aber Rastatt ist nicht drauf.“ ? „Doch, doch“, sagt sie. Als ich hinzufüge: „Ich bin 60, ich kann lesen“, sagt ein Mann, der auf der Wartebank Zeitung liest: „Ich bin auch 60, kommen Sie, ich zeig’s Ihnen.“ Gefolgt von der erstaunten Dame vom Kulturamt gehen wir zum Automaten, und auf den ersten Blick sehe ich unter „R“ Rastatt. Warum ich es vorher nicht gesehen habe, kann ich mir nicht erklären.

„Das kostet eine Schokolade“, sagt der Gleichaltrige scherzend. Wir gehen zurück in den Schalterraum, wo mein Requisitenkoffer steht, ich lege diesen auf den Rücken, öffne ihn und ziehe aus meinem Nécessaire eine kleine Schokolade, die ich im letzten Moment noch eingepackt hatte. Er wehrt ab, ein Scherz sei das gewesen, aber ich beharre auf der Gabe, und schließlich nimmt er sie, „aus der Schweiz“, sagt er anerkennend.

Zur Schalterbeamtin, die immer noch mit ihrem Mona-Lisa-Lächeln hinter der Scheibe sitzt, sage ich, und jetzt bin ich der Gequälte: „Sie hatten recht, Rastatt steht drauf.“ Sie nickt zufrieden, und der Mann auf der Wartebank isst bereits zufrieden meine Schokolade, als ich mit der Dame vom Kulturamt unzufrieden dem Parkplatz zustrebe.

Ich werde noch älter

Wer das Hotelzimmer betritt, findet gleich links neben der Türe zwei Lichtschalter. Sie haben die Form kleiner Tafeln, die leicht schräg stehen, und wenn man sie von einer Schräglage in die andere drückt, geht das Licht an. Der eine Schalter bedient den Eingang, der andere das eigentliche Zimmer. Wer das Bad betritt, findet linkehand dieselben tafelförmigen Lichtschalter, mit denen sich das Badezimmer erleuchten lässt.

Am Morgen suche ich nach dem Duschen vergeblich eine Steckdose für den Haarföhn, der wie in einer Badeanstalt fest an der Wand installiert ist. Ein Kabel mit einem Stecker hängt zwar einladend herunter, aber die Steckdose für allfällige Rasierapparate ist bösartig weit davon entfernt, keine Chance, ihn mit dem kurzen Kabel zu erreichen. Ich trockne mir die Haare mit dem Badetuch.

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Später, beim Auschecken an der Rezeption, sage ich, nach Bestätigung meiner grundsätzlichen Zufriedenheit, einzig der Haarföhn sei ein leeres Versprechen gewesen, und erwähne das zu kurze Kabel. Aber gleich darunter sei doch über dem Lichtschalter der Deckel für die Steckdose, sagt die Dame freundlich mitfühlend, so wie man einem Schüler die richtige Lösung einer Hausaufgabe erklärt.

Rückblickend fällt mir ein, dass es im Bad nur eine einzige Lichtquelle gab, die also auch nur mit einem einzigen Schalter zu bedienen war. Ich hatte mich von der Analogie der Schalteranordnung im Zimmer zur Nichtüberprüfung der vorhandenen Möglichkeiten verleiten lassen und war auch bereit anzunehmen, dass mir die Einrichtungen dieses Hotels ohnehin feindlich gesinnt waren.

Gelähmte Neugier, Unwillen, sich am Unbekannten zu messen, erwartete Demütigung durch mir fremde Installationen, und zuletzt wenigstens Recht haben wollen – Alarmsignale, sage ich mir, lauter Alarmsignale, als ich meinen Koffer zum Bahnhof ziehe und am Automaten die Zahl 340 eintippe.

Süßstoff

Zu den Anzeichen des Alterns gehören die kleinen Fehler, die einem manchmal unterlaufen, ebenso unvermutet wie unerklärlich, die winzigen Entgleisungen der Vernunft, eine Art Realitätsapnoe.

Die Schaffnerin bringt mir den bestellten Schwarztee an meinen Platz und fragt mich, ob ich Zucker, Milch oder Zitrone wolle. Ein Blick aufs Tablett zeigt: sie hat keinen Süßstoff dabei. Den möchte ich aber, und nur den.

„Kein Zucker“, sage ich, und füge hinzu „Milch und Zitrone“. Leicht verwundert legt sie mir das Gewünschte auf die Serviette, und ebenso verwundert blicke ich, als sie gegangen ist, auf das gelbe Plastiksäckchen und das braune Döschen.

Ich brauche keines von beiden.

Die schönste Erinnerung

70 sei, so hört man oft beschwichtigend, vor allem von Leuten, die noch nicht 70 sind, 70 sei noch kein Alter. Doch dachte man früher beim Erreichen dieser Grenze nicht daran, sich langsam nach einem Altersheim umzusehen? Als die über 90-jährigen Eltern eines Freundes, deren Alltag immer mühsamer wurde, gefragt wurden, ob sie nicht doch besser in ein Altersheim ziehen wollten, antwortete der Vater: „Wir sind zu alt für ein Altersheim.“ Heute trifft man in den Altersheimen kaum jemanden unter 85, und die Feiern für Hundertste Geburtstage mehren sich.

„Und was ist denn, Frau Ehrenzeller, Ihre schönste Erinnerung?“, fragte der Stadtpräsident die Hundertjährige mit jovialem Lächeln, nachdem sie sich mit Hilfe des Altersheimleiters im frisch geschenkten Lehnstuhl niedergelassen hatte.

„Wie bitte?“, fragte die Jubilarin mit leicht vorgerecktem Kopf.

„Ihre schönste Erinnerung?“, wiederholte der Stadtpräsident mit angehobener Stimme.

„Sie meinen ...?“, fragte Frau Ehrenzeller nochmals, indem sie ihre Hand an die Ohrmuschel hielt.

„Welches Ihre schönste Erinnerung ist!“, schrien der Stadtpräsident und der Altersheimleiter fast gleichzeitig.

„Ach“, sagte die alte Frau und lachte, „meine schönsten Erinnerungen sind eigentlich sexueller Natur.“

„Oh“, sagte der Stadtpräsident und nickte, „warum auch nicht? Also dann, Frau – .“

„Insbesondere“, fuhr die Hundertjährige fort, „denke ich mit Genuss an die Zeit zurück, in der ich zwei Freunde gleichzeitig hatte.“

„Na“, hüstelte der Stadtpräsident, „da kommen ja schöne Dinge aus, Frau – .“

„Wir hatten“, sagte die Gefeierte und lehnte sich mit halbgeschlossenen Augen in den Sessel zurück, „wunderbare Dreier zusammen, zum Beispiel nahm mich der eine von hinten, während ich den anderen – .“

„Frau Ehrenzeller, wir bringen Ihnen jetzt die Geburtstagstorte!“, rief der Altersheimleiter beschwörend.

„Wissen Sie, das Gefühl, mit beiden Händen zuzugreifen und links und rechts neben sich einen Mann stöhnen zu hören, das möchte ich in meinem Leben keinesfalls missen. Oder habt ihr so etwas nie ausprobiert, ihr zwei Lausbuben?“, fragte sie die beiden Hauptgratulanten fröhlich.

Aber als nun groß und sahnig eine Geburtstagstorte mit 100 Kerzen von zwei gertenschlanken jungen Zivilschützern auf einem Servierboy hereingeschoben wurde, hatten der Stadtpräsident und der Altersheimleiter bereits die Flucht ergriffen.

Die alte Frau

In allen romanischen Sprachen ist der Tod weiblich: la mort, la morte, la muerte. Ich hoffe sehr, dass sie recht haben.

Eine alte Frau lebte ganz allein und war immer traurig. Sie hatte keine Kinder, und alle Menschen, die sie gern gehabt hatte, waren gestorben. Den ganzen Tag saß sie am Fenster ihres Zimmers und schaute hinaus. „Ach“, dachte sie oft, „wenn ich doch ein Vogel wäre und fliegen könnte.“

Eines Tages, als sie das Fenster geöffnet hatte und die Sonnenstrahlen hereinschienen und sie draußen die Vögel zwitschern hörte, dachte sie wieder: „Ach, wenn ich doch ein Vogel wäre und fliegen könnte.“

Und auf einmal war sie nicht mehr eine alte Frau, sondern eine schöne weiße Möwe, die sich von ihrem Fenstersims in die Luft erhob. Sie flog über die ganze Stadt, machte einen langen Bogen über den See, setzte sich auf viele Kirchturmspitzen und Brückengeländer und schnappte fröhlich krähend nach Brotstücklein, die ihr von Großmüttern und deren Enkeln am Seeufer zugeworfen wurden, bis sie am Abend wieder nach Hause flatterte, zu ihrem Fenster hinein auf den Stuhl hüpfte und dort die alte Frau wurde, die sie am Morgen gewesen war.

„Das war aber schön“, dachte sie, und am nächsten Morgen öffnete sie wieder das Fenster und schwang sich vom Sims als Möwe davon, und so machte sie es fortan jeden Tag, bis sie einmal so hoch und so weit fortflog, dass sie nicht mehr zurückkam.

In unserer Serie über „Das Alter“ schrieben Georg Stefan Troller am 31.7. und Péter Farkas am 7. 8..

Die Essays, hier in gekürzter Fassung wiedergegeben, werden im Rahmen des „Wissenschaftsjahres 2013 – Die demografische Chance“ beim internationalen literaturfestival berlin (ilb) vom 3. – 15. September in Bibliotheken und Buchhandlungen ausführlich vorgestellt.

Weitere Informationen unter www.literaturfestival.com und www.demografische-chance.de


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