image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Sex im All: Prüde Amis, besoffene Russen

Frank Schätzing macht sich so seine Gedanken.

Frank Schätzing macht sich so seine Gedanken.

Foto:

dpa

Sex in der Schwerelosigkeit mag eine romantische Vorstellung sein, doch die Sache ist kompliziert. Das sagt zumindest Bestseller-Autor Frank Schätzing. Er hat sich mit dem Thema bei der Recherche für seinen Science-Fiction-Roman „Limit“ beschäftigt. Es gibt genau fünf praxistaugliche Positionen, und um das herauszufinden, musste Schätzing an einer Art Staatsgeheimnis rühren. Es wollte nämlich lange kein Experte mit ihm über das pikante Thema sprechen. Das hat den Schriftsteller zu der Erkenntnis verleitet: „Die Amerikaner sind tatsächlich zu prüde, um es getan zu haben, und die Russen waren zu besoffen, um sich daran zu erinnern.“ Er hat dann glücklicherweise doch noch eine Fach-Autorin gefunden, die ihm das alles genau erklären konnte.

Schätzing ist am Dienstag zum IFA-Medienkongress gekommen, um über Zukunftsprognosen zu sprechen. Doch die reale Zukunft fällt bekanntermaßen meist etwas schnöder aus, als sie Ingenieure und PR-Leute zeichnen. Bei den Vorträgen der Medienwoche im ICC geht es deshalb darum, welche Veränderungen sich tatsächlich abzeichnen. Ob wir bald auf mehreren Bildschirmen fernsehen, ob das Radio als Medium tot ist und wie sich Geschichten in digitalen Zeitalter verändern.

Vor allem das extrem veränderte Sehverhalten der Fernsehzuschauer, besonders der jüngeren, beschäftigt derzeit die Medienmanager. Die Zuseher sitzen nicht mehr nur passiv vor der Glotze, sondern bedienen nebenbei einen Laptop, ein Smartphone oder einen Tablet-PC. Second Screen heißt dieses Phänomen, und wenn man dem britischen Twitter-Chef Tony Wang glauben darf, nutzen bereits 80 Prozent der Zuschauer einen zweiten Bildschirm, während sie fernsehen.

Der letzte heiße Scheiß

72 Prozent von ihnen kommentieren die laufende Sendung auf Twitter, Facebook oder anderen Social-Media-Kanälen. Oft sei es inzwischen so, dass Nutzer eines sozialen Netzwerkes erst durch andere Mitglieder auf eine Sendung aufmerksam und dann den Fernseher einschalten würden. „Social TV ist bereits Realität“, sagte Twitter-Manager Wang auf der Medienwoche. „Denn es ist nichts, was die Sender, sondern was die Nutzer entscheiden.“ Die Schlussfolgerung: mitgehen, wenn man nicht abgehängt werden will.

Aber wie? Transmediale Formate sind der letzte heiße Shit im Medienbusiness. Die Inhalte werden nicht mehr nur fürs Fernsehen entwickelt, sondern gleich noch für die Internet- und mobile Nutzung. Das führt dann zu solchen Sachen wie dem ZDF-Krimi „Wer rettet Dina Foxx?“ oder einem Lena-Odenthal-„Tatort“, bei denen das Publikum aus seiner entspannten Zuschauerrolle gezwungen und zur interaktiven Mörderjagd aufgefordert wird. Doch das ist nur der Anfang: Der britische TV-Sender Channel 4 produziert bereits eine Multiplattformkampagne, bei der die Mitbestimmung von Usern und Zuschauern so weit reicht, dass sie Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen und so reale Veränderungen schaffen können. Fragt sich nur, ob das die Welt wirklich besser macht.

Aussagen über die Zukunft sind allerdings riskant. Schließlich liegen nicht nur Großunternehmer (Bill Gates: „Das Internet ist nur ein Hype“, 1995), sondern auch visionäre Filmemacher und Schriftsteller regelmäßig mit ihren Prognosen daneben, etwa wenn sie Städte mit Hochhäusern und fliegenden Autos und hochintelligenten Robotern entwerfen.

Die Endlichkeit des Lebens vergessen

Aber vielleicht ist es auch falsch, unsere Bilder der Zukunft nur auf die praktische Plausibilität abzuklopfen. Schließlich, so führt das Regisseur Tom Tykwer aus, geht es um diese Zukunftsvisionen auch immer um Prophezeiungen, die uns die Endlichkeit des Lebens vergessen lassen. Tykwer hat gerade mit den Wachowski-Geschwistern („Matrix“) den Film „Wolkenatlas“ fertiggestellt, den teuersten deutschen Film aller Zeiten. Auch darin geht es um die Zukunft, genauer um die Wanderung einer Seele durch fünf Jahrhunderte.

Mit dem, was sich von der Zukunft bereits heute in der Digitalisierung abzeichnet, scheint Tykwer weniger Berührungsängste zu haben. Er sagt, dass er das Feedback von Zuschauern über soziale Medien schätze und nicht glaube, dass das Internet die Menschen vereinzele. Als in den 70er Jahren Fernseher in jeden Haushalt kamen, seien ähnliche Befürchtungen formuliert worden, heute träfen sich die Leute beim Public Viewing. „Wir wollen nicht vereinsamen“, sagt Tykwer. Er hat dabei wohl nicht unmittelbar an Sex im Weltraum gedacht.