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Smileys und Symbole: Wie Emojis unsere Kommunikation verändern

Bunte Bilder, überall: Inzwischen sind sie sogar schon Thema der Wissenschaft.

Bunte Bilder, überall: Inzwischen sind sie sogar schon Thema der Wissenschaft.

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Getty

Meine Mutter nutzt seit einiger Zeit ein Smartphone. Damit schreibt sie leidenschaftlich gerne Textnachrichten, die sie mit zahlreichen kleinen Bildchen ausschmückt. Als Gutenachtgruß bekomme ich immer einen Mond, zum Geburtstag Sektgläser und Torten, auch mal fünf hintereinander, und wenn ich ihr zu lange nicht antworte, schickt sie wortlos einen runden, roten, wütenden Smiley.

Emojis heißen diese kleinen Smileys und Symbole, und meine Mutter ist nicht die Einzige, die sie nützlich findet. Die Emojis sind schwer beliebt – spätestens seit sie 2010, weltweit normiert, in den sogenannten Unicode aufgenommen wurden: Der Unicode hält alle bekannten Schriftzeichen und Textelemente unterschiedlichster Sprachen fest und versieht sie mit einer digitalen Chiffre. Deshalb können die Emojis nun auf allen Smartphones und Computern angezeigt werden und frischen die Online-Kommunikation damit auf. Der Global Language Monitor will sogar festgestellt haben, dass das am häufigsten genutzte Wort 2014 kein Text war – sondern ein Herz-Emoji.

Über die Methodik der Studie ist wenig bekannt, aber der Befund stützt die Beobachtung, dass um die kleinen, meist niedlich-kindlichen Bilder mittlerweile ein regelrechter Hype entstanden ist. Schon wird die Frage laut, ob Emojis sogar so etwas wie eine neue Weltsprache darstellen. Die These klingt, zugegeben, etwas hoch gegriffen, doch erste eingefleischte Emoji-Nutzer versuchen sich bereits an der Übersetzung bekannter literarischer Werke. So wird aus Moby Dick der Titel „Emoji Dick“, aus Abertausenden von kleinen Walfischen, Handzeichen, Telefonen, Grinsegesichtern zusammengesetzt. Und die englische Tageszeitung The Guardian übersetzte auf Twitter unter dem Account @emojibama eine Rede des US-Präsidenten in Emoji. Das ist natürlich spaßig gemeint. Doch für die Emojis interessiert sich mittlerweile auch die Wissenschaft.

Am Anfang waren die Satzzeichen

Allgemein hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die kleinen Bildchen aus Japan kommen. Das stimmt jedoch nur zur Hälfte. Bei den Emojis lassen sich nämlich noch einmal zwei Unterformen definieren: Da wären zum einen die kleinen Bilder – wie der Gute-Nacht-Mond oder das Sektglas, aber auch eine ganze Reihe an Tier- und Blumensymbolen. Diese sind tatsächlich in Japan entstanden. Daneben gibt es aber auch solche Emojis, die tatsächlich Emotionen ausdrücken. Das sind die Bildchen, die wir als „Smileys“ bezeichnen, mit Augen und Mund, mal lachend, mal weinend oder eben wutdampfend. Diese Unterform der Emojis nennt man Emoticons. Das Wort ist eine Mischung aus „emotion“ (Gefühl) und „icon“ (Bild). Diese Emoticons gibt es schon seit den Achtzigerjahren, sie entstanden ursprünglich allerdings nicht in bildhafter Form, sondern als Konstrukte aus Satzzeichen. Das bekannteste Emoticon ist :-)

Erfunden hat die Emoticons ein US-amerikanischer Professor für Informatik, Scott Fahlmann, im Jahre 1982. Fahlmann stellte fest, dass es in virtuellen Diskussionen oft zu Missverständnissen kommt. Ob etwas ironisch oder ernst gemeint ist, lässt sich häufig nicht allein am Text erkennen. Fahlmann schlug deshalb vor, witzig gemeinte Beiträge mit einem grinsenden Gesicht zu markieren, eben :-), und führte für die weniger humorvollen Beiträge das Gegenstück :-( ein.

Aus ihrer Entstehungsgeschichte wird deutlich, warum Emoticons gerade in der Online-Kommunikation und SMS-Übermittlung über Smartphones und Handys so wichtig geworden sind. „Sie ersetzen das, was in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht normalerweise Mimik und Gestik erfüllen“, sagt Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler am Institut für Englische Philologie an der Freien Universität Berlin. Denn ein Gespräch bestehe nicht nur aus gesprochener Sprache, sondern müsse immer in einen emotionalen Kontext gesetzt werden – und dies geschehe eben hauptsächlich über Gesichtsausdrücke und Bewegungen.

Nun gab es die rein schriftliche Kommunikation auch schon vor dem Internet. Goethe und Schiller sind schließlich auch ohne Herzen und Smileys ausgekommen, und wer würde ihren Liebesbriefen oder der Lyrik von Hölderlin und Novalis die Emotion absprechen! Warum also fehlen uns heute plötzlich Gestik und Mimik in der Schriftkommunikation? Laut Anatol Stefanowitsch liegt das an der Veränderung der schriftlichen Kommunikation selbst. „Wenn Sie früher einen Brief geschrieben haben, dann haben Sie sich Zeit genommen und Ihre Gefühlszustände detailliert beschrieben. Heute kommuniziert man deutlich schneller. Wir bekommen im Minutentakt Nachrichten, antworten ebenso schnell. Das hat nicht mehr den Charakter der ursprünglichen Schriftkommunikation, sondern vielmehr den eines normalen Gesprächs, bei dem die Teilnehmer sich gegenüberstehen.“ Tatsächlich zeige die Forschung, dass Emoticons in der schriftlichen Kommunikation an denselben Stellen gesetzt werden, an denen man auch in einem persönlichen Gespräch lächeln, lachen oder zwinkern würde.

Emoticons sind kulturell kodiert

Interessanterweise, sagt Stefanowitsch, werden die klassischen Emoticons zwar als Gefühlsausdrücke interpretiert; die Verarbeitung im Gehirn findet jedoch in dem Areal statt, in dem auch Sprache verarbeitet wird – und nicht etwa in dem Teil, der für die Gesichtserkennung zuständig ist.

Diese Erkenntnis zeigt, dass die Wahrnehmung und Interpretation von Emoticons nicht instinktiv geschieht, wie etwa die Wahrnehmung eines lachenden Gesichts, sondern dass sie wie jede Sprache erlernt werden muss. Auch meine Mutter, die Emoticon-Expertin, hat dafür eine Weile gebraucht. Als ich ihr vor Jahren den ersten Smiley schickte, fragte sie noch: „Was heißt das? Hast du dich vertippt?“

Ob sich die Verarbeitung der Emoticons ändert, nun, da sie nicht mehr nur aus Sonderzeichen bestehen, sondern als Bilder vorliegen, bleibt allerdings abzuwarten. Auch wie wir die übrigen Emojis wahrnehmen, muss noch genauer erforscht werden. Stefanowitsch vermutet, dass die emotionslosen Bildchen, anders als die Emoticons, stärker ergänzend zum Ausdruck bestimmter Themen eingesetzt werden. Der kleine Mond meiner Mutter ergänzt also ihren Gutenachtgruß nur – der rote Wut-Smiley ist dagegen auch ohne zusätzliche Worte eindeutig. „Mit den Emojis wird noch sehr viel gespielt und ausprobiert, gerade herrscht ein regelrechter Hype darum. Ob sie allerdings genauso unersetzlich werden wie die Emoticons, bleibt abzuwarten“, sagt Stefanowitsch.

Immerhin sind die Emojis mittlerweile so relevant und präsent, dass man sich Gedanken um ihre politische Korrektheit macht. Ab Juni sollen die Gesichts-Emoticons deshalb in verschiedenen Hautfarben verfügbar gemacht werden. Und das Emoji des heterosexuellen Liebespaares wurde bei Apple bereits um zwei weitere homosexuelle Liebespaar-Emojis ergänzt.

Was sich jetzt schon zeigt, ist die Abhängigkeit der Interpretation der Emoticons vom jeweiligen kulturellen Umfeld. So ist jedem Bild im Unicode zwar eine offizielle Beschreibung zugeordnet – die reale Interpretation indes kann deutlich davon abweichen. Bestes Beispiel: Das kleine Emoticon, das der Unicode als „Kothäufchen“ ausweist; von diesem Zeichen nahm nicht nur meine Mutter zunächst an, es handle sich um lachende Schokolade.

Man ahnt, welch Tücken die Emoji- und Emoticon-Nutzung birgt. Dem wichtigen Geschäftspartner schickt man besser keinen grinsenden Kothaufen – und auch keinen vermeintlich lachenden Schokokuss. Das kann peinlich werden. Wenig überraschend ist deshalb eine Studie der Erasmus-Universität in Rotterdam, die zum Ergebnis kam, dass Emojis hauptsächlich dann genutzt werden, wenn sich die Kommunikationsteilnehmer gut kennen.

Frauen übrigens verwenden Emoticons laut einer Studie der US-amerikanischen Rice-Universität viel häufiger als Männer. Kommunizieren Männer aber mit Frauen, nimmt auch ihre Emoji-Nutzung deutlich zu. Ich schreibe das meiner Mutter. Sie meint dazu: :-)