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Social Freezing: Natürliches Gebären ist auch nicht so toll

Romantisch? Natürliche Geburt im Badewasser.

Romantisch? Natürliche Geburt im Badewasser.

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dpa/Bea Kallos

Vor anderthalb Jahren schon hat die amerikanische Autorin Sarah Elizabeth Richards ihre Erfahrung mit dem Einfrieren ihrer Eizellen geschildert, in dem Buch „Motherhood, Rescheduled: The New Frontier of Egg Freezing and the Women Who Tried It“. Der wichtigste Effekt sei ein psychologischer gewesen, schreibt sie. Es habe sich insgesamt positiv auf ihr Leben ausgewirkt, nicht unter dem Zeitdruck der geringer werdenden Gebärfähigkeit zu stehen. Wenn sie einen Mann traf, der ihr gefiel, strahlte sie nicht die Verzweiflung einer Frau aus, die nun noch schnell einen Partner für gemeinsame Kinder suchen müsse. Außerdem habe sie kein schlechtes Gewissen mehr gehabt, weil sie ihre Kapazitäten nicht nur nutzte, um Lebensumstände herzustellen, die eine Familienplanung ermöglichen, sondern für viele andere Dinge und vor allem für sich selbst. Sie konnte ihre Lebenszeit zwischen Dreißig und Vierzig einfach besser genießen.

Die neue Lässigkeit

Warum gibt es derzeit dennoch so viele Vorbehalte gegen die Social-Freezing-Angebote von Apple und Facebook? Liegt es vielleicht gerade daran, dass sie Frauen diese neue Lässigkeit bei der Lebensplanung ermöglichen?

Christian Schlüter hat Social Freezing in dieser Zeitung als eine Variante der „Befreiung“ beschrieben, die eine Privatangelegenheit einkommensstarker Selbstverwirklicher in einem privatwirtschaftlichen Luxusambiente ist. Das stimmt. Aber das kann man nicht nur über diese, sondern auch über jede andere Repromedizintechnik sagen – sowie über alle Angebote zur Kinderbetreuung oder gar über die generelle Möglichkeit, ein Leben mit Kindern finanzieren zu können. Auch das ist eben nicht klassen- und einkommensunabhängig.

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Es stimmt selbstredend, dass sich mit der Medizin die Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht lösen lassen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – etwa Kinderbetreuungsangebote – müssen verbessert werden. Aber warum werden beide Möglichkeiten überhaupt gegeneinander ausgespielt, als würde diese neue Technik den Ausbau von Krippenplätzen stoppen? Vor allem, wenn man bedenkt, dass Facebook und Apple neben dem Social Freezing ebenso junge Mütter bei der Kinderbetreuung unterstützen, was bei vielen Beiträgen zur Debatte aber ausgespart wurde.

In den Vorbehalten gegenüber dem Social Freezing schwingt stets der Vorwurf mit, diese Technik sei „unnatürlich“ – als sei „die Natur“, hier die Gebärfähigkeit der Frau, ein Refugium der Freiheit gegenüber der „Kultur“ der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Natürlich sollte man untersuchen, ob und wie profitgesteuerte Unternehmen Frauen in ihrer Gebärfähigkeit regulieren wollen. Aber reguliert wird diese ja sowieso ständig, und zwar durch den Staat – gepaart mit einer immer noch wirkungsmächtigen kirchlichen Moral; so wird es als Normalität akzeptiert, dass der Schwangerschaftsabbruch immer noch im Strafgesetzbuch steht, die „Pille danach“ nicht rezeptfrei ist, Frauen gedrängt werden, ihren Fötus nach Behinderungen abzusuchen undsoweiter.

Eine Untersuchung in den USA hat ergeben, dass dort über 400 Gesetze existieren, die den Körper der Frau regulieren, während die Zahl beim Männerkörper gegen null geht. Woher kommt also nun gerade bei einer Technik, die der Frau faktisch mehr Möglichkeiten gibt, dieser Aufschrei? Er erinnert an die Ausfälle Sibylle Lewitscharoffs, die vor nicht allzu langer Zeit dagegen polemisierte, dass die „Herren und Damen Frankenstein“ keine Möglichkeit ungenutzt ließen, „Halbwesen aus dem Reagenzglas“ zu züchten. Das Schicksal liege, so Lewitscharoff, nun einmal in den Händen Gottes, nicht in denen der Fortpflanzungsmediziner.

Die Entgleisungen der hochdekorierten Autorin sorgten für einigen Debattentrubel. Natürlich wurden sie als zu extrem abgetan, aber sie spiegeln dennoch Vorbehalte wider, die auch bei der aktuellen Debatte ums Social Freezing hervor scheinen: Bei Geburt und Schwangerschaft halten Menschen gerne an der romantischen Illusion fest, dass der natürliche Weg immer der bessere sei. Die Reproduktion erscheint hier als unantastbares Refugium, in der sich die „Natur“ noch als „authentisch natürlich“ darstellen soll.

Romantisiertes Naturbild

Was „Natur“ dabei aber eigentlich bedeutet, ist unklar. Der Begriff wird genutzt, wie es argumentativ gerade passt, denn er ist eine dankbare Projektionsfläche für unsere Emotionen. Die Vorbehalte gegen das Social Freezing spiegeln ein romantisiertes Naturbild wider, dessen Verfechtern die wachsende Autonomie der Frau an sich suspekt ist. Das Unbehagen scheint sich daraus zu nähren, dass es als „natürlich“ und damit richtig empfunden wird, wenn die Frau durch ihre Gebärfähigkeit beschränkt ist und bleibt. Also wird ihre wachsende Autonomie abgewertet, indem den Befürwortern des Social Freezing naive Technikgläubigkeit unterstellt wird.

Dabei spiegelt sich in den Argumenten der Gegner vielmehr eine naive Naturgläubigkeit wider, also der Glaube daran, dass „die Natur“ unschuldig und rein und deshalb besser für uns Menschen ist. Das Gegenteil ist richtig: Was „die Natur“ den Frauen zumutet, wenn sie gebären, ist von vornherein unzulänglich, einschränkend, oft schmerzhaft bis lebensbedrohlich. Es ist nun ein nicht wirklich ausgeklügeltes System, wenn man bedenkt, unter wie großen Schmerzen und Risiken Frauen gebären; wie oft sie im Kindbett sterben, wenn sie keinen Zugang zu kulturellen Techniken haben, die die Schwangerschaft erleichtern; oder wie es eben Frauen in ihrer Lebensplanung einschränkt, wenn ihre Gebärfähigkeit ihnen nur begrenzt zur Verfügung steht.

Denn auch der „natürliche“ Zeitdruck tut keiner Frau gut – etwa wenn sie nur deswegen noch schnell eine Familie gründet, um ihr gesellschaftlich erwartetes Soll zu erfüllen. Auch für Frauen, die am Ende kinderlos bleiben wollen, kann die Technik des Social Freezing positive Auswirkungen haben, denn sie gewährt ihnen mehr Zeit, um herauszukriegen, was sie wirklich wollen und was eben nicht. Viele Frauen berichten, dass das von allen Seiten vermittelte „Ticken der biologischen Uhr“ sie überhaupt erst zu dem Glauben verleitet habe, möglichst schnell Kinder zu wollen.

Social Freezing ist ein Backup in der Reproduktionsmedizin, das Frauen faktisch mehr Möglichkeiten gibt und sollte nun als normaler Bestandteil der Optionen gesehen werden, aus denen Frauen auswählen können. Damit sich hier alle mal entspannen können.

Sarah Diehl ist Autorin und lebt in Berlin. Soeben erschienen: „Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich“ (Arche-Verlag, Zürich 2014. 256 S., 14,99 Euro). Buchvorstellung: Dienstag, 28. 10., 19.30 Uhr in der Marianne Bar, Heinrichplatz.