06.02.2012

Sönke Wortmann am Grips-Theater: Wir tun alles fürs Gymnasium

Von Cornelia Geissler
Berlin –  

Begeisterte Erwachsene sehen Sönke Wortmanns Inszenierung von Lutz Hübners „Frau Müller muss weg“ am Grips-Theater.

Klappt’s mit dem Gymnasium? Oder wird es die integrierte Sekundarschule sein? Am Mittwoch beginnt in Berlin die Anmeldefrist für die weiterführenden Schulen. Erst nach Wochen erfährt man, ob das Kind ab der 7..Klasse zur Wunschschule darf oder woanders hin muss. Im Grips-Theater gibt es das Elternbegleitprogramm dazu. Das Stück „Frau Müller muss weg“ hatte am Sonnabend unter großem Jubel des Publikums Premiere.

Drei Mütter und zwei Väter treffen sich zu einem Gespräch mit der Lehrerin. Sie wollen ihr nahelegen, ach was!, sie auffordern, die Klasse abzugeben. Es ist das Halbjahr vor dem Schulwechsel und die meisten Kinder haben sich verschlechtert. „Jetzt werden die Weichen gestellt und wir müssen handeln“, verkündet die Elternsprecherin. Es gehe um das Wohl „und das Fortkommen“ der Kinder. Doch diese Klassenraum-Szene zeigt sofort: Es geht diesen Eltern nur um sie selbst.

Lutz Hübner hat die Gespräche dem Leben abgelauscht, geschickt verdichtet und pointiert. Es ist die 15. Inszenierung des im Januar 2010 uraufgeführten Stücks. Die wenigen Zuschauer unter zwanzig können im Grips am Hansaplatz der Handlung zwar folgen, doch die Lacher, Juchzer und der Szenenapplaus kommen von Leuten um die vierzig und älter. Denn die Versuchsanordnung erscheint allen, die schon Elternabende besuchen mussten, vertraut: Diese Männer und Frauen, die eigentlich über die Klasse und die Bildung sprechen wollen, aber doch nur den eigenen Nachwuchs im Blick haben – und wie sie durch ihn und mit ihm dastehen. Die Eltern greifen sich gegenseitig an, projizieren die Macken der Kinder auf die Erwachsenen, Wessis giften gegen Ossis und umgekehrt, eine beendete Affäre bricht peinlich wieder auf, eine Ehe knirscht vor aller Augen und die Lehrerin wird mal fies provoziert und dann umgarnt.

Der Filmemacher Sönke Wortmann, vom neuen Grips-Chef Stefan Fischer-Fels zur Bühne gelockt, schickt die sechs Schauspieler von einem souveränen Auftritt zur Verzweiflung und zurück: Patrick Jeskow gibt den Westler, den die Firma in den Osten versetzt hat, als autoritären Schnösel. Alessa Kordeck spielt seine Frau, die Köln nachtrauert und nicht wahrhaben will, dass ihr hyperaktives Kind schwierig ist. Nina Reithmeiers Figur ist stets um Ausgleich bemüht; das mögen die anderen gar nicht. René Schubert spielt den von ihr abservierten Mann, der allerdings verheiratet ist. Er poltert früh gegen die Lehrerin und wird später fast weinen, als er zugibt, wie wichtig das Zeugnis seiner Tochter für ihn ist. Er selbst ist arbeitslos. Auch die von Katja

Hiller gespielte Elternsprecherin drängt zum Gymnasium, geht aber pragmatisch vor, zeigt kaum Schwäche. Die Lehrerin, verkörpert von Regine Seidler, wird bei Wortmann zur Lichtgestalt des Stücks. Der Regisseur liefert sie im Alle-gegen-Einen-Spiel an keinem Punkt wirklich aus. Und während Eltern an diesem Abend über sich selbst lachen müssen, dürften Lehrer sich wohlfühlen.

Weitere Aufführungen 7., 24., 25..2., Grips am Hansaplatz, Tel. 39 74 7477

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