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Spider-Man-Erfinder Stan Lee: Der Helden-Optimierer

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Seiner Zeit voraus: Viele unsterbliche Helden der Marvel Comics hat der Comicautor Stan Lee geschaffen. Zum 90. Geburtstag des fantastischen Spider-Man-Erfinders Stan Lee.

Stan Lee war schon immer auf der Höhe der Zeit, ach was, seiner Zeit voraus. Als der Amerikaner 1961 „Die Fantastischen Vier“ erfand, die berühmte Comicserie um ein Team von Superhelden, bestand die Neuerung im Vergleich zu bislang üblichen Allesrettern wie Superman oder Captain America nicht nur darin, dass jetzt verletzliche und fehlbare, ganz offenbar schwache und kränkelnde Typen auf der Bildfläche erschienen. Hinzu kam ihr Auftreten im Verbund, in einem Team. Erst beides zusammen, die mit allerlei Endlichkeitsindizes ausgestatteten Übermenschen und ihr Zusammenschluss in einer effizienten Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung von Bösewichten, ließ etwas Außergewöhnliches entstehen: den bis heute gültigen Sozialtypus des Superhelden.

Um das besser zu verstehen, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass Comics immer ein Labor für neue Vergesellschaftungs-, sprich: Rollen- und Sozialmodelle waren. Unterm Vorwand des Fantastischen wurde sich der Wirklichkeit hier im Modus des Probehandelns genährt: Was geht, was wäre möglich, was gerade noch glaubwürdig? Stan Lee hat das wie kaum sonst jemand verstanden. Seine Erfindung, die nämliche Serie um die vier Superhelden, reagierte zwar, als sie bei Marvel Comics erschien, auf das im Jahr zuvor bei DC Comics erschienene Erfolgskonzept der „Gerechtigkeitsliga“. Doch während die Liga aus bekannten, mehr oder weniger makellosen Figuren – etwa Wonder Woman, Aquaman, Green Lantern oder Flash – bestand, stimmte Lee sein Heldenteam auf einen neuen Gesellschaftsvertrag ein.

Dabei bewies der Autor ein großes, visionäres Gespür. In den frühen 1960ern nämlich, gewissermaßen am Vorabend der großen Kulturrevolution in den westlichen Industriestaaten, kündigte sich das Ende der fordistischen, auf dem New Deal – oder, mit einem anderen, hiesigen Wort: auf Sozialpartnerschaft – beruhenden Ordnung an. Die bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften gerieten allmählich als bürokratisch und autoritär in die Kritik. Monotone Fabrik- und Bürodisziplinen, die unflexible Massenproduktion und standardisierte Produktpalette waren immer weniger in der Lage, die komplexer werdenden, zumal auf Selbstverwirklichung zielenden Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Der Kapitalismus begann, sich neu zu organisieren und als flexible Netz- und Projektarbeit umzufunktionieren.

Postfordistisches Experiment: die „Fantastischen Vier“

Diese Flexibilisierung sollte auch zu neuen Kooperationsformen führen – nicht zuletzt zum Teamwork, von dem man sich eine nachhaltigere Ausbeutung der neu entdeckten Ressource Individualität erhoffte. Genau hier beginnt das postfordistische Experiment der „Fantastischen Vier“ von Stan Lee: Das Team besteht aus Reed Richards, dem Anführer und Erfinder, der über einen flexiblen, in jede erdenkliche Gestalt zu bringenden Körper verfügt, seine Frau Susan Richards, die sich selbst und andere Dinge oder Personen unsichtbar macht und schützende Kraftfelder um sie herum aufbaut; dazu kommen der Bruder von Susan, Johnny Storm, der seinen Körper wie eine Fackel brennen lässt, und Ben Grimm, dessen versteinerter Körper superstark und unverwundbar ist.

Die individuellen Sonderbegabungen kommen aber erst im Team richtig zur Geltung. Unschwer ist hier neben den verwandtschaftlichen Beziehungen auch die mythologische Einheit zu erkennen, die vier Elemente Wasser, Luft, Feuer und Erde. Wenn diese vier zusammen kommen, sich also zu einem Menschheitsrettungsprojekt treffen, sind sie eine Naturgewalt: unschlagbar. Im Lauf der Jahre werden sie sich im Unterschied zu den meisten anderen Superhelden entwickeln und den sich verändernden Umständen anpassen. Dabei geraten sie auch in persönliche Krisen wie zum Beispiel der steinerne Ben, weil er nicht weiß, ob die Frau seines Lebens ihn wegen seiner Hässlichkeit nur aus Mitleid liebt.

Am erstaunlichsten aber ist die Wandlung Susans von der unscheinbaren, nur an Mode und Klatsch interessierten Hausfrau zur entschlossenen Kämpferin: Ihr verhalf der Beruf der Superheldin und der Umstand, dass sie ihre Talente entdeckt und nutzt, zu einer emanzipierten Existenz. Sie verwirklichte sich allgemeinwohldienlich selbst und avanciert damit zu einem Vorbild, einem Role Model, das bei den Lesern für den meisten Gesprächsstoff sorgte. Kurzum, Stan Lee entwarf lange, bevor Arbeitspsychologen oder Unternehmenssoziologen sich für das Phänomen interessierten, das Konzept der aus verschiedenen Fachkräften bestehenden, hochflexiblen Arbeitsgruppe – ein präzises Organigramm des Projekt- und Netzwerk-Kapitalismus.

Weil die von Jack Kirby gezeichnete Serie sich binnen kürzester Zeit größerer Beliebtheit erfreute, entstanden auf der einmal geschaffenen Grundlage schnell weitere Supertypen, stets prekäre Charaktere und labile Individuen. Lee und Kirby schufen etwa den jähzornigen Hulk, den depressiven Iron Man, den pubertierenden Thor und ein weiteres, bis heute erfolgreiches Über-Team: die X-Men. 1962 erfand Lee dann gemeinsam mit dem Zeichner Steve Ditko seine berühmteste Figur, Spider-Man, mit der er den erst sehr viel später eingehend untersuchten Komplex von Kapitalismus und Schizophrenie erforschte: ein stets an der Vermittlung seiner Sonderbegabung mit den gesellschaftlichen Konventionen scheiternder Superheld, der ein demütigendes, auch einsames Leben in Armut führt.

Pures Gold für Marvel Verlag

Der am 28. Dezember 1922 in New York als Stanley Martin Lieber geborene Superhelden-Erfinder bescherte seinem Verlag Marvel Comics nach dem bis in die frühen 1950er währenden Goldenen ein weiteres großes Zeitalter der Bildergeschichten. Nebenbei optimierte Lee, der 1939 als Kopierassistent bei Timely Publications, dem Vorläufer von Marvel, angefangen hatte und es dort bis zum Geschäftsführer brachte, die Produktionsabläufe: Er gab seinen Zeichnern nur kurze Exposés, woraufhin diese mit viel gestalterischen Freiheiten die Geschichten vollenden durften und Lee zum Schluss nur noch die Texte einfügen musste. Heute würde man das wohl schlanke oder Just-in-Time-Produktion nennen.

Auch dass wir heute immer noch „Spider-Man“, „X-Men“ oder auch „Daredevil“ und „Thor“ in Fernsehen und Kino bestaunen können, geht auf Lee zurück, der seit den 1980ern äußerst geschäftstüchtig die Vermarktung seiner Figuren betreibt. In den Filmen gefällt er sich übrigens regelmäßig durch kleine Gastauftritte, zuletzt in „The Amazing Spider-Man“ (2012) als Kopfhörer tragender Mann in einer Schulbibliothek, der von dem Kampf Spider-Mans mit einem Bösewicht im Hintergrund nichts mitbekommt. Wir müssen das als ironisches Selbstdementi eines Hellwachen verstehen. Denn ohne Stan Lee wären Superhelden immer noch stubenreine Langweiler von vorgestern. Und Marvel Comics statt eines modernen Medienunternehmens eine kleine Klitsche.

Doch genug geschwärmt oder in den berühmten Worten Lees: „Nuff said.“ Herzlichen Glückwunsch zum 90.

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