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Spider-Man Kino Neustart: Spider-Man: Der Lurch lässt ihn nicht durch

Das Outfit hat er selbst entworfen: Peter Parker alias Spider-Man (Andrew Garfield).

Das Outfit hat er selbst entworfen: Peter Parker alias Spider-Man (Andrew Garfield).

Foto:

Sony

Es kommt nicht oft vor, dass ein Hollywood-Blockbuster mit einer Englischstunde über Erzähltheorie aufwartet – und sich dabei gleich selbst kommentiert. In „The Amazing Spider-Man“ reift Peter Parker jedoch durchaus bildungsnah zum Superhelden. „Ich hatte da einen Dozenten“, erklärt die Lehrerin seiner Klasse, „der glaubte, alle Geschichten der Welt ließen sich auf zehn verschiedene Plots zurückführen. Doch ich sage, es gibt nur einen einzigen Plot und zwar: Wer bin ich?“ Im Fall von Spider-Man wäre die Antwort darauf, mit einem populär-philosophischen Bestseller gesprochen, ein eindeutiges Ja. Die Frage ist nur: Wie viele?

Etliche Jahre nach Sam Raimis „Spider-Man“-Trilogie mit Toby Maguire in der Titelrolle wird nun mit Marc Webbs Neuverfilmung wohl die nächste Serie aus der Taufe gehoben. Also wieder: Alles auf Anfang. Nachdem seine Eltern – der Vater ist Genforscher – untergetaucht sind, sehen wir den Teenager Peter Parker noch einmal bei Onkel und Tante aufwachsen. Dass sich nicht nur Peter bei den freundlichen Leuten zu Hause fühlt, sondern auch wir auf Anhieb in diesem Film, liegt an der exzellenten Besetzung. Martin Sheen ist als bodenständiger Onkel Ben ein Moralist der sympathischsten Sorte; sollte jemals ein Joachim-Gauck-Darsteller gesucht werden – er wäre der richtige Mann. Und auch das Wiedersehen mit Sally Fields, die hier als Tante May auftritt, ist erfreulich.

Spektakulärer aber ist die Entscheidung für Andrew Garfield in der Hauptrolle: Gleich beim ersten Blick ist man überrascht, wie wenig man Maguires jugendlichen Überschwang vermisst. Garfields Peter ist ein junger Intellektueller mit Hang zu Schwermut und Schlimmerem. Kurz sehen wir Peter mit einer Kamera, aber könnten wir ihn uns wirklich wie seinen Vorgänger als Fotoreporter vorstellen? Bei Garfield fühlt man sich an den jungen Anthony Perkins erinnert: Gut aussehend mit seinen mächtigen schwarzen Augenbrauen, aber vermutlich hoch neurotisch. Kein Wunder, dass er dem Vater seiner großen Flamme Gwen (Emma Stone), Polizei-Captain Stacy (Denis Leary), von Beginn an nicht geheuer ist.

Schuld braucht Sühne

Und auch Onkel Ben macht sich Sorgen. Bald muss er einen Anflug von Moralvergessenheit des Jungen mit dem Tod bezahlen: Aus Ärger darüber, dass ihm beim Einkauf nicht zwei fehlende Cents erlassen wurden, stellt sich Peter dem nächsten „Kunden“ nicht in den Weg, als der die Kasse leert. Doch Onkel Ben versucht, den Kriminellen aufzuhalten, was dem werdenden Spider-Man einen großen Schuldkomplex einbringt.

Der Film braucht eine Weile, um sich von der Überdeutlichkeit dieser Szene zu erholen. Gerade Comic-Verfilmungen stehen und fallen mit der Sorgfalt, die jenseits der Spezialeffekte für die konventionellen Spielszenen aufgewendet wird. Nur in ihnen kann das Überwirkliche menschlich und glaubhaft erscheinen. Zwar sichert man sich meist durch erstklassige Darsteller ab, doch das Besondere gerade der „Spider-Man“-Filme von Sam Raimi lag darin, wie dieser Filmemacher das Spektakel durch liebevolle Regiearbeit erdete. Hier ist es umgekehrt: Gerade weil dieser Zweieinviertel-Stundenfilm offenbar angetreten ist, die psychologischen Grundlagen für eine Selbstfindungsgeschichte zu legen, die weitere Folgen tragen kann, wirken viele narrative Szenen bemüht. Es fehlt ihnen nicht nur an Ironie, es reicht lange Zeit nicht mal für ein Augenzwinkern. Dagegen besitzen die Actionszenen ironischerweise genau die Leichtigkeit, die dem Übrigen fehlt.

Einmal von einer Versuchslabor-Spinne gebissen, ist noch kein Spider-Man so leichtfüßig durch Häuserschluchten gesprungen wie dieser Peter Parker. Wenn es einen Traum vom Fliegen gibt, dann muss auch einer vom Fallen existieren, und der Regisseur Marc Webb lässt ihn uns erleben. Die Stereoskopie ist hier mehr als eine Mode, nämlich unverzichtbar, wenn sich die 3D-Kamera mit dem Helden hoch von oben über die Straßen beugt, um sich gleich darauf mit ihm hinunter zu stürzen. Statt den Betrachter bis in den Zuschauerraum hinein zu attackieren, taucht John Schwartzmans Kamera in die Tiefe hinter der Leinwand ein. So unbeliebt die dunklen Kinobrillen bei vielen Zuschauern sind: Wer den Film nicht in 3D sieht, hat das Beste daran verpasst.

Eher enttäuschend ist dagegen der Schurke. Auf Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) trifft Peter Parker, als er auf den Spuren seines Vaters eine Gentechnik-Firma erkundet. Mit Papas Formel verblüfft er dann dessen einstigen Partner. Man ahnt schnell, dass Connors nicht nur wegen seines verstümmelten Arms von der Idee besessen ist, nachwachsende Körperteile zu ermöglichen. Dabei ist er längst selbst zu einem Werkzeug geworden unter dem Druck eines mächtigen Pharmakonzerns. So entschließt sich Connors zum Selbstversuch und mutiert zur monströsen Echse. Angesichts des sehr begrenzten Schreckens, den dieses Monster in den auf Horror gebürsteten Actionszenen verbreitet, mag man an Donald Ducks coole Worte denken, als sich ihm einmal ein Alligator in den Weg stellte: „Der Lurch lässt mich nicht durch.“

Man darf verfilmte Mythen nicht für ihren Hang zur Wiederholung tadeln. Wer jedes Jahr zu Heiligabend in die Kirche geht, beklagt sich auch nicht über die immer gleichen Worte aus dem Lukas-Evangelium. Dennoch hätte man auf eine mutigere Neuinterpretation gehofft, als sie „The Amazing Spider-Man“ bietet. Nicht einmal für einen neuen Look hat es gereicht: Die Bilder gleichen denen der letzten drei Filme wie ein Spinnenbein dem anderen.

The Amazing Spider-Man USA 2012. Regie: Mark Webb, Darsteller: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans u.a.; 136 Minuten, Farbe. FSK ab 12.


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