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Stadtentwicklung: Berlin entmachtet sich

Sitz des Architekten Arno Brandlhuber in der Brunnenstraße. Das Gebäude ist heute umzingelt von Hostels.

Sitz des Architekten Arno Brandlhuber in der Brunnenstraße. Das Gebäude ist heute umzingelt von Hostels.

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Michael Reisch

Berlin -

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Der Berliner Architekt Arno Brandlhuber ist einer der wichtigsten Kritiker der aktuellen Berliner Stadtentwicklung. Brandlhuber, Jahrgang 1964, unterrichtet seit 2003 Architektur und Stadtforschung an der Nürnberger Kunstakademie, gründete 2006 nach einem Jahrzehnt kollaborativen Arbeitens in unterschiedlichen Konstellationen ein eigenes Büro in Berlin und beschäftigt sich momentan mit historischen Stadtkonzepten. Besonders interessiert ihn der Grüne Stadtarchipel, ein auf Heterogenität abzielendes Stadtmodell für Berlin von 1977. Ab September sind die Ergebnisse seiner urbanistischen Forschungen in drei Berliner Ausstellungen zu sehen: im Haus der Kulturen der Welt ("Between Walls and Windows"), in einer Einzelausstellung im Neuen Berliner Kunstverein sowie in der Galerie Koch Oberhuber Wolff.

Herr Brandlhuber, Sie leben in in Ihrem eigenen Atelier- und Galeriegebäude in Mitte, umzingelt vom Hostel-Gewerbe. Leben sie gern dort?

Tatsächlich darf ich mich zu jenen zählen, die nicht aus Mitte vertrieben werden können. Die Hostel-Ballung am Rosenthaler Platz hier hat mit einer Sonderwirtschaftsförderung entlang der Rosenthaler und der Brunnenstraße zu tun. Beherbergungsbetriebe sind investitionsnahe Dienstleistungen und die bekommen hier 20 oder 25 Prozent der Investitionskosten zurückerstattet. Das führt eben genau zur Ansiedlung all dieser Hostels.

Eine politisch legitimierte Situation?

Genau. Berlin befindet sich in einem Umbruch von einer schrumpfenden Stadt mit niedriger bis prekärer Wirtschaftslage - vor allem auch von Selbstständigen - hin zum starken Investoren-Interesse, zumeist von außerhalb. In diesem Moment mangelt es an Willen auf Seiten der Politik, dort gegenzusteuern, wo die Berliner Kernbevölkerung betroffen ist.

Sind Sie als Architekt eines Galeriehauses an der Brunnenstraße nicht auch ein Gentrifizierer?

Schwierige Frage. Unser Bauziel war, den Mietpreis niedrig halten zu können: Sind Investitionskosten rund vierzig Prozent niedriger als bei einem durchschnittlichen Gebäude, liegen auch die Mietpreise entsprechend niedriger. Tatsächlich funktioniert modellhaftes Tun auf einer ökonomischen Ebene nicht, wenn es um die Aufwertung eines viel größeren Radius’ geht. Da kann man mit günstigen Angeboten in einer Einzellage nicht allgemein gegensteuern. Und die Ökonomie der Aufmerksamkeit bedingt eben auch, dass sich das Umfeld eher aufwertet, wenn ein Gebäude wie unseres Aufmerksamkeit erregt.

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Würde hässliche Architektur vor Aufwertung schützen?

Das würde mir extrem schwer fallen. Wir sollten die Städte nicht hässlicher machen als sie ohnehin sein müssen, wenn Nutzungsinteressen nicht vorrangiger werden.

Ist das Verhältnis von Investition zur Miete tatsächlich so wichtig?

Die Honorarordnung für Architekten besagt: doppelte Investitionskosten gleich doppeltes Honorar. Da ist der Anreiz relativ niedrig, günstig zu bauen. Das gleiche gilt für den Makler oder den Banker, der den Kredit zur Verfügung stellt. Verlässt sich die Stadtentwicklungspolitik eher auf das Private, dann finden sich genau die nicht wieder, die günstige Angebote suchen.

Es ist also mühsamer, günstig zu bauen?

Ja. Jede kostensparende Lösung bedeutet mehr Aufwand auf Seiten der Planer. An der unteren Standard-Grenze zu arbeiten, führt auch nicht unbedingt dazu, dass jeder zufrieden ist. Wer will schon rohe Böden statt Holzparkett? Und sollen wir tatsächlich vorschlagen, dass nur die weniger Begüterten auf Standards verzichten sollen? Man müsste eher zu einer gesamtgesellschaftlichen, kollektiv vernünftigen Übereinkunft finden, dass wir uns alle bei den Standards beschränken.

Warum ist die Debatte um die Aufwertung so wichtig?

Berlin hat Unterschiedlichkeit von sozialen, ethnischen, religiösen Milieus über viele Jahrzehnte erprobt und erlebt. Genau diese Heterogenität gilt es, für Berlin weiterzudenken. Das heißt natürlich auch, dass jeder Einzelne die Verschiedenheit auch aushält - also neben einem wesentlich ärmeren oder wesentlich reicheren, neben einen muslimischen, katholischen oder atheistischen Mitbürger zu leben.

Derzeit passiert eher das Gegenteil.

Berlin wächst wieder und der Homogenisierungsdruck auf die Milieus verstärkt sich. Man kann das nicht nur in Mitte sehen: Die Preise gehen extrem nach oben, das Klientel wird immer gleicher, Hartz-IV-Haushalte fliegen raus. Daher die starken Migrationsbewegungen innerhalb der Stadt - die Schwächeren ziehen an den Rand. So verlieren wir all das, was Berlin bislang ausmacht. Niemand kommt ja hierher, weil die Stadt so schön geordnet ist.

Sie kritisieren den Liegenschaftsfonds, der die landeseigenen Grundstücke ausnahmslos nach ökonomischen Kriterien verkauft. Was ist daran so falsch?

Ich antworte mit einem privaten Beispiel: Ein Mieter ist in Bezug auf Kündigungsschutz schlechter gestellt als ein Wohnungsbesitzer; Eigentumsrechte bewaffnen. Wieso entwaffnet sich die öffentliche Hand dermaßen? Wenn eine Stadt noch Gestaltungsoptionen halten will, wäre sie gut beraten, diese mit Eigentum zu sichern. Diese öffentlichen Liegenschaften müssten für das Gemeinwohl aller eingesetzt werden anstatt ihren Bestand weiter zu reduzieren. Es ist ja nicht das Eigentum eines Finanzsenators, sondern unser aller Eigentum, das hier in unserem Namen weggegeben wird. Aktives Wirtschaften hieße: strategisch einzelne Immobilien und Grundstücke verkaufen, aber von dem Erlös andere zukaufen, den Gesamtfonds öffentlicher Liegenschaften halten, Erbbaurechte bestellen, sich an Genossenschaften beteiligen. Auch ein Finanzsenator sollte sich aktives und nachhaltiges Wirtschaften mit eigenen Liegenschaften zutrauen, anstatt diese Kompetenz nur der privaten Seite zuzubilligen.

Sie haben vor der Wahl die Parteien um Stellungnahmen zur Berliner Liegenschaftspolitik gebeten. Welche Antworten gab es?

Die deutlichste Antwort kam von der FDP: Öffentliches Eigentum weiter privatisieren und höchstbietend vermarkten. Aber auch von den anderen Parteien hat sich keine stark gemacht für einen anderen Umgang mit den Liegenschaften. Gerade unter dem rot-roten Senat wurde der Liegenschaftsverkauf an die private Hand so dermaßen hochgefahren. Das hat natürlich auch mit dem Verhältnis der Bezirke zur Senatsverwaltung zu tun und der Umstellung in die Kosten-Leistungs-Rechnung.

Was heißt das?

Ein Beispiel: Ein Gebäude wird zur Zeit nicht gebraucht im Bezirk. Früher konnte dieser es zum Beispiel günstig einem kulturellen Zwischennutzer überlassen. Man war froh, wenn man die laufenden Kosten gedeckt bekam, um sich die Immobilie für eine spätere Nutzung vorzuhalten. Heute gilt die Kosten-Leistungs-Rechnung, wie sie in der Privatwirtschaft zur Pofitmaximierung üblich ist. Das Potenzial, das in einem Gebäude steckt, wird bilanziert. Daraus folgt: Wird das Potenzial nicht ausgeschöpft, wird entsprechend ein negativer Wert ermittelt. Dies führt dazu, dass die Bezirke solche Immobilien an den Liegenschaftsfonds abgeben, weil sie sich die negative Bilanzierung im Haushalt nicht mehr leisten können. Dabei geht es gar nicht um die tatsächlichen Kosten. Man geht davon aus, dass jeder Grund und Boden Gewinne erzielen muss. Geschieht das nicht, wird es negativ angerechnet. Das läuft der Grundidee zuwider, dass in einem städtischen Modell Flächen auch wirklich der Gemeinschaft zugeordnet sein müssen und nicht zum Höchstpreis kapitalisiert werden.

Welche Folgen drohen?

Ohne Gegensteuerung verwandelt sich die polyzentrische in eine zentral orientierte Stadt, die heterogene in eine Stadt homogenisierter Insellagen. Die Berliner Mischung geht verloren und damit ihr ureigenstes Stadtmodell. Das "Grüne Archipel - Die Stadt in der Stadt", so formulierten es 1977 die Architekten Ungers, Koolhaas, Kollhoff und andere für ein schrumpfendes Berlin: als Ansammlung von Inseln, die unterschiedlichen, aber jeweils homogenen Lebensstilen gerecht werden. Das löst sich gerade ein - allerdings nicht, wie damals vorgesehen, in einer vermittelnden grünen Infrastruktur mit niedrigem ökonomischen Druck, sondern vor dem aktuellen Hintergrund von Bevölkerungswachstum und Kapitalflucht in immobile Sicherung. Heute bewegen wir uns zu einem exkludierenden Archipel, zu einer Stadt neben der Stadt der Anderen. Diese Verschiebung wird in Berlin derzeit von zahlreichen neuen Initiativen bürgerlichen Engagements thematisiert. Auch die politischen Repräsentanten wissen darum, aber sie handeln noch viel zu wenig.

Das Gespräch führte Kito Nedo.


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